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Generationendebatte

Warum die Alten neidisch auf die Jugend sind

Werden junge Politiker nicht ernst genug genommen? Die aktuelle Debatte hängt auch mit dem Wandel der Arbeitswelt zusammen. Denn der neuen Generation geht es nicht mehr nur um Karriere.

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Arbeitswelt im Wandel

Eine Kolumne von
Mittwoch, 24.01.2018   14:40 Uhr

Die grassierende Generationenverächtlichkeit halte ich nicht für Zufall. Dass der Kampf junger Menschen für eine bessere - ihre - Welt ignoriert oder belächelt oder diskreditiert wird, gerade von erfolgreichen, lange etablierten Leuten. Denn in einer Zeit des radikalen Wandels wird jede laute, aufstrebende, junge Person zum Symbol für die schwindende Macht der alten Kräfte.

Jede silberrückige Abwertung von Kevin Kühnert oder Annika Klose, auch die schnuffelige Anerkennung der Sorte "Nicht schlecht für dein Alter", ist zugleich auch eine Selbstversicherung: Noch haben wir das Sagen. Wir Erwachsenen.

Die Essenz der Generationenverächtlichkeit aber, so glaube ich - liegt im Wandel der Arbeit. Das erscheint zugegeben als steile These, deshalb möchte ich sie erklären.

Die Einstellung zur Arbeit hat sich gewandelt

Es gibt kaum einen Bereich, wo die schiere Ignoranz gegenüber jungen Menschen so offenbar wird, wie bei den eng miteinander verwandten Themen Arbeit und Bildung. Zweimal kommt der Satz im Sondierungsvertrag vor: Das Ziel der GroKo sei Vollbeschäftigung, was sich ehrenwert anhört. Und doch schwingt in diesem Begriff tonnenschwer ein Arbeitsbild aus dem 20. Jahrhundert mit: Hauptsache, alle haben irgendeinen Job!

Aber die Einstellung junger Menschen zur Arbeit hat sich grundlegend gewandelt. Etwas vereinfacht lässt sich sagen, dass vor 1980 Geborene karriereorientiert waren und sind. Nach 1980 Geborene wünschen sich dagegen zuerst eine Vereinbarkeit von Privatleben, Familie und Beruf. Freude und Sinnhaftigkeit der Arbeit erscheint ihnen wichtiger als Geld und Karriere.

Die drei wichtigsten Wünsche der Jungen an die Arbeit sind, einer Studie zufolge:

Die Generation davor, sagt der Arbeitspsychologe Peter Fischer, zeichne viel eher das "Bedürfnis nach Sicherheit und der Fokus auf materielle Werte, Wohlstand und Karriere" aus. Ich halte diese Bruchkante rund um das Geburtsjahr 1980 für das Symptom einer sehr viel größeren Entwicklung. Früher hat man sein Leben um die Arbeit herum organisiert. Heute organisiert man die Arbeit um sein Leben herum.

Neid auf die jungen Leute

Natürlich sehen die vorherigen Generationen darin einen Affront, nämlich auch eine Geringschätzung ihrer eigenen Lebensentwürfe. Natürlich schwingt in jeder Verächtlichkeit der schiere Neid mit auf eine Generation, die offenbar nicht so umfassend auf das schale Versprechen "Karriere" hereinfällt. Womit im 20. Jahrhundert nichts anderes gemeint war, als Lebenszeit gegen Geld und Macht einzutauschen.

Diese verdammte Jugend will Spaß bei der Arbeit, und wir mussten noch mit blutigen Schwielen buckeln und jeden Tag 30 Kilometer zur Arbeit und zurück laufen. Barfuß. Beide Wege bergauf.

In Deutschland, dem Land der Ersatzreligion Arbeit, ist diese Abkehr von der Karrierefixierung nichts weniger als ein Schisma, also das Abfallen einer ganzen Generation vom Urglauben. Aber vielleicht hat der Haltungswandel der Jugend zur Arbeit die Entwicklung der Arbeit bloß vorweggenommen.

"Artificial Intelligence first"

Gerade erst hat Google-Chef Sundar Pichai erklärt, er halte die Wirkung der künstlichen Intelligenz auf die Menschheit für "tiefgreifender als die des Feuers oder der Elektrizität". Darüber kann man sicherlich im Detail streiten, aber Pichai gilt nicht als großspuriger Dampfplauderer. Er führt einen der erfolgreichsten Digitalkonzerne der Welt, dessen Strategie sich im Mai 2017 von "Mobile first" zu "Artificial Intelligence first" gewandelt hat.

picture alliance / dpa

Wissenschaftlicher Mitarbeiter vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz mit Roboterdame AILA

Die massivsten Auswirkungen künstlicher Intelligenz sieht Pichai im Wandel der Arbeit. Er fragt, ob man künftig noch Anwälte oder Buchhalter brauche.

Meine Einschätzung weicht davon etwas ab. Ich folge eher nicht der verbreiteten Meinung, dass die nächsten Stufen der Digitalisierung und Automatisierung Arbeitslose en masse produzieren werden. Eher sehe ich die Gefahr einer weiteren Aufspreizung. Zwischen hochbezahlten Digitaljobs für sehr, sehr speziell Qualifizierte und einem Heer von schlecht bezahlten Austauschbaren, die entweder intelligente Maschinen begleiten, beaufsichtigen oder warten - zwischen Minijobs und Maschinenmillionären.

Dazwischen, eher im unteren Bereich, werden sich neben einem wachsenden Dienstleistungsprekariat immer mehr Selbstständige tummeln, die übrigens im Sondierungsvertrag nur am Rande und in zwei verschiedenen Schreibweisen vorkommen - vermutlich, um das Unstete hervorzuheben, das ihnen innewohnt.

Machen, worauf man Lust hat

Das deutsche Sozialsystem könnte sich gar nicht leisten, dass zu viele junge Menschen selbstständig werden wollen. Also erstickt man den Wunsch nach Flexibilität lieber im Keim. Die dringend notwendigen Mischmodelle aus Festanstellung und Selbstständigkeit fehlen ebenso. Gut nachvollziehbar, dass die Jugend weniger Lust hat, auf solchen Jobaussichten ihr Leben aufzubauen. Dazu muss man nicht einmal postmaterialistisch sein, es reicht eine simple Nutzenabwägung. Wenn es eh keine Jobgarantien mehr gibt, möchte man wenigstens machen, worauf man Lust hat.

2016 fragten das ZDF, der Bayerische Rundfunk und der SWR Jugendliche, wie gut das deutsche Bildungssystem sie ihrer Meinung nach auf die Arbeitswelt vorbereite. Sagenhafte ein Prozent, ja wirklich: nur ein Prozent sahen sich "gut vorbereitet". Natürlich hat das unmittelbar mit der Digitalisierung zu tun und mit der weitgehenden Abwesenheit digitaler Themen, Instrumente, Methoden in deutschen Lehrplänen.

Mir persönlich ist es ein Rätsel, warum man solche Zahlen nicht als rot blinkendes und hupendes Alarmsignal betrachtet und stattdessen flächendeckend ausflippt, wenn irgendjemand die alberne Schreibschrift abschaffen möchte. Auch noch 2018 hängt es in Deutschland zu fast 100 Prozent vom Engagement und Wissen einzelner Lehrerinnen und Lehrer ab, welche Rolle die digitale Sphäre in der Schule spielt.

Spiele und Serie als sinnvolle Vorbereitung

Steven Berlin Johnson hat schon 2005 sein Buch "Everything bad is good for you" geschrieben ("Alles was schlecht ist, ist gut für Dich"). Darin vertritt er die These, dass elektronische Populärkultur mit Videospielen, TV-Serien oder dem Internet die perfekte Vorbereitung auf die Welt von morgen sei. Insbesondere auch auf die Arbeitswelt. Videospiele förderten die schnelle Auffassung und Entscheidungsfähigkeit, moderne Serien würden immer komplexer und trügen so zum Verständnis einer immer komplexeren Welt bei, und die Nutzung des Internet zwinge zur Partizipation und sozialen Interaktion.

Das gilt immer noch und hat sich sogar intensiviert, denn Bildung diffundiert aus den Institutionen in die vernetzte Welt hinein. Das Digitalste an deutschen Schulen spielt sich im privat organisierten Graubereich ab, es sind die inoffiziellen WhatsApp-Gruppen, die in fast jeder Klasse existieren. Heutige Jugendliche lernen zum Beispiel vernetzte Gemeinschaftsarbeit in Echtzeit viel eher bei außerschulischen Projekten als in Bildungseinrichtungen.

Die früher sprichwörtlichen "Flausen im Kopf" bringen der Jugend mehr über die kommende Welt bei als die Rahmenpläne der Bundesrepublik. Und doch kommen die "Flausen" in leichter Abwandlung in fast jeder Jugendschelte vor, mal als Vorwurf der Naivität, mal in der Aufforderung, mehr Realitätssinn zu zeigen. Weltverbesserung sei nicht alles.

Ist es aber doch, die Verbesserung der eigenen und der gesamten Welt nämlich, die Jugend hat es gemerkt, die Älteren basteln an ihrer Karriere, die Alten Sorgen sich um die Rente.

Die Jugendschelte ist der Neid auf eine neue Generation, die die Erfolgssymbole der Alten einfach ignoriert, weil sie mit ihrer Arbeit etwas bewirken möchte.

insgesamt 199 Beiträge
Joam 24.01.2018
1. Soso, die Wünsche der Jungen ... ich bin 63
... und habe mein ganzes Leben genau so gelebt. - Die Tätigkeit muss mir Spaß machen - Die Tätigkeit muss meinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechen - Die Tätigkeit muss sich gut mit Privatleben und Familie vereinbaren [...]
... und habe mein ganzes Leben genau so gelebt. - Die Tätigkeit muss mir Spaß machen - Die Tätigkeit muss meinen Neigungen und Fähigkeiten entsprechen - Die Tätigkeit muss sich gut mit Privatleben und Familie vereinbaren lassen Und es ist schon immer eine neurotische Störungungen sehr unterstützende Sichtweise gewesen, es gäbe eine "Berufung" für eine Tätigkeit die für das ganze Leben gilt.
Sibylle1969 24.01.2018
2.
Also ich bin 48 Jahre alt, geboren 1969, und mir war eine Tätigkeit, die mir Spaß macht und sich mit meinem Privatleben vereinbaren lässt, auch schon immer viel wichtiger als Geld und Karriere. Ich finde aber auch, dass die [...]
Also ich bin 48 Jahre alt, geboren 1969, und mir war eine Tätigkeit, die mir Spaß macht und sich mit meinem Privatleben vereinbaren lässt, auch schon immer viel wichtiger als Geld und Karriere. Ich finde aber auch, dass die Alten bei uns politisch ein viel zu großes Gewicht haben, zähle mich aber selbstverständlich noch nicht zu selbigen.
mankannnurstaunen 24.01.2018
3. Punktlandung, Sascha Lobo!
Jedes Wort ein Volltreffer!Ich ziehe als fast 50jährige vor Leuten wie z.B. Kevin Kühnert den Hut! Solche Leute braucht dieses Land, solche Leute braucht diese eingeschlafene und selbstzufriedene Gesellschaft, in der wir leben!
Jedes Wort ein Volltreffer!Ich ziehe als fast 50jährige vor Leuten wie z.B. Kevin Kühnert den Hut! Solche Leute braucht dieses Land, solche Leute braucht diese eingeschlafene und selbstzufriedene Gesellschaft, in der wir leben!
Ossifriese 24.01.2018
4. Popanz
Da haben wir doch endlich die Ursache für alle Probleme entdeckt: Es ist eine durch die neuen Techniken völlig gewandelte Jugend, die bei den "Alten" aufläuft, weil die... ja, was eigentlich? Blockieren die Alten [...]
Da haben wir doch endlich die Ursache für alle Probleme entdeckt: Es ist eine durch die neuen Techniken völlig gewandelte Jugend, die bei den "Alten" aufläuft, weil die... ja, was eigentlich? Blockieren die Alten "eine Vereinbarkeit von Privatleben, Familie und Beruf (oder) Freude und Sinnhaftigkeit der Arbeit", die die jungen Menschen angeblich wollen? Wohl eher nicht, da diese Themen doch genau die der konservativen (!) CDU/CSU sind - und vermutlich sogar zum neuerlichen Wahlerfolg der Kanzlerin nicht unerheblich beigetragen haben. Und wenn die Jugend tatsächlich und richtigerweise die Umkehrung ihrer Vorstellungen - nämlich Dauerstress in Arbeit und Job (so man einen hat), darunter leidendes Familienleben, wenig Knete zum Ausgeben und eigentlich sinnloses Dahinleben - erlebt, so sind es doch nicht die "Alten", die ihnen als Hemmnis gegenüberstehen! Nein, es ist eine Gesellschaftsform, die Junge u n d Alte um ihr "Lebensglück" betrügt. Dass ausgerechnet Lobo dem Popanz jung vs. alt aufsitzt, ist sehr bedauerlich.
Sensør 24.01.2018
5. darauf bin ich noch gar nicht gekommen
Meine Einstellung ist eher die, dass mir die jungen Leute leid tun, bzw. ich bin froh, dass ich die totalüberwachte, flächendeckend vergiftete und hochkapitalisierte Welt nicht mehr lange miterleben muss. In meinem Umfeld [...]
Meine Einstellung ist eher die, dass mir die jungen Leute leid tun, bzw. ich bin froh, dass ich die totalüberwachte, flächendeckend vergiftete und hochkapitalisierte Welt nicht mehr lange miterleben muss. In meinem Umfeld überlasse ich allerdings gern den Jüngeren gern dass Sagen, schließlich ist es deren Welt ...
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