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05.04.2010
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Spektakuläre Aktion vor Somalia

Niederländer befreien deutsches Containerschiff

defensie.nl

Die Piraten hatten die deutsche "MS Taipan" nur Stunden in ihrer Gewalt - dann befreite die niederländische Marine mit einer spektakulären Kommandoaktion das Schiff. Zehn Seeräuber sollen festgenommen, ein niederländischer Soldat bei der Befreiungsaktion leicht verletzt worden sein.

Den Haag - Mit einer spektakulären Aktion hat eine Spezialeinheit der niederländischen Marine das deutsche Handelsschiff "MS Taipan" aus den Händen somalischer Piraten befreit. Zunächst beschoss ein Marinehubschrauber die Brücke der entführten "MS Taipan", wie das niederländische Verteidigungsministerium mitteilte. Danach habe sich eine Kommandoeinheit auf das Schiff abgeseilt und es unter Kontrolle gebracht.

Zehn Piraten seien festgenommen worden. Ein niederländischer Soldat wurde laut Verteidigungsministerium bei der Befreiungsaktion leicht verletzt. Die 15-köpfige Besatzung der "MS Taipan", darunter zwei Deutsche, blieb unverletzt.

Die Piraten hatten das Schiff am Montagmorgen etwa 500 Seemeilen (rund 900 Kilometer) östlich von Somalia in ihre Gewalt gebracht, wie es hieß. Die Besatzungsmitglieder konnten sich den Angaben zufolge in einem geschützten Raum verschanzen.

Wie ein Sprecher der EU-Marinemission Atalanta mitteilte, war die "Taipan" auf dem Weg von der kenianischen Hafenstadt Mombasa nach Dschibuti, als sie angegriffen wurde. Als klar war, dass das Schiff den Booten der Seeräuber nicht entkommen konnte und die Piraten die "Taipan" enterten, folgte die Besatzung den Atalanta-Ratschlägen und stellte alle Maschinen ab, um das Schiff manövrierunfähig zu machen. Gleichzeitig alarmierten sie die im Golf von Aden patrouillierenden Kriegsschiffe.

Das niederländische Marineschiff "Tromp", das sich in der Nähe des Überfallorts befand, versuchte laut Verteidigungsministerium in Den Haag zunächst, mit den Piraten zu verhandeln. Da die Piraten aber entschlossen waren, Widerstand zu leisten, entschloss sich die Einsatzleitung zur gewaltsamen Befreiung des Schiffes. In der Folge sei es zu einem Schusswechsel gekommen, bei dem der holländische Marinesoldat verletzt worden sei. Dann sei die "MS Taipan" geentert worden.

Trotz Schäden an der Brücke habe das deutsche Containerschiff seine Fahrt fortsetzen können, hieß es. Neben den beiden Deutschen sollen unter den Crew-Mitgliedern der unter deutscher Flagge fahrenden "Taipan" auch drei Russen sowie acht Sri Lanker gewesen sein.

Das hohe Risiko von Kommandoaktionen

Der Sturm an Bord des deutschen Schiffs ist eine echte Premiere. So kommt es sehr selten vor, dass die militärisch weit überlegene und doch am Ende oft zögerliche internationale Truppe aus Europa und den USA zum Schutz vor Piraten sich am Ende zu einem risikoreichen Zugriff entscheidet. Wichtiges Kriterium dafür war vermutlich, dass es der Mannschaft im jetzigen Fall tatsächlich gelang, in den sogenannten Sicherheitsraum des Schiffes zu flüchten.

Weitaus häufiger sagen die Militärs halsbrecherische Kommandoaktionen lieber ab, um das Leben der Besatzung zu schonen. Einer der bekanntesten Fälle betraf ein deutsches Schiff, die "Hansa Stavanger" der Hamburger Reederei Leonhardt und Blumberg. Vor rund einem Jahr waren zur Befreiung 200 Elitekämpfer der Sondereinheit GSG-9 nach Ostafrika entsendet worden.

Am Ende wurde die Aktion aber wegen des Risikos abgeblasen. Ganz ähnlich stellt sich die Lage in einem aktuellen Piraterie-Fall dar. Ein vor wenigen Tagen entführtes südkoreanisches Schiff wird derzeit zwar von Kriegsschiffen verfolgt. Die Piraten allerdings drohen sehr drastisch mit der Erschießung einzelner Besatzungsmitglieder, ganz ähnlich hatte das Drama um die "Hansa Stavanger" auch begonnen. Wahrscheinlich ist nun, dass sich die Reederei auf Verhandlungen mit den Entführern einlässt.

Kenia will keine Piraten mehr vor Gericht bringen

Gleichwohl steht die Schutztruppe auch nach Erfolgen wie dem jetzigen vor einem Problem. Momentan ist unklar, was mit gefangenen Piraten passieren soll. Kenia weigert sich inzwischen, weitere Seeräuber vor Gericht zu stellen. Vor rund einem Jahr hatte die EU ein Abkommen mit dem einzigen halbwegs funktionierenden Staat in der Region unterschrieben. Kenia sicherte damals zu, die Verdächtigen rechtsstaatlich zu behandeln und bekam dafür millionenschwere Entwicklungshilfezusagen.

Die Lösung war schon immer ein fauler Kompromiss, denn Kenia ist weit davon entfernt, ein Rechtsstaat zu sein. Mittlerweile sitzen mehr als 140 Hijacker in Mombasa ein, doch Urteile lassen auf sich warten. Mehr Verdächtige will das Land nicht mehr aufnehmen. Kenia fürchtet Reaktionen militanter Somalis, zumal die radikal-islamische Al Shabaab längst junge Leute etwa in Nairobis Somali-Viertel rekrutiert und zurück nach Somalia schleust.

Die perfide Begründung der Kenianer: Die Vereinbarungen der EU, der Briten oder der Amerikaner seien mit dem Außenministerium geschlossen worden und nicht mit den Justizbehörden. Der Generalstaatsanwalt etwa erklärte vergangene Woche, er habe von den Verabredungen nichts gewusst. Das stimmt zwar nicht, doch Insider vermuten, dass Kenia letztlich für seine Hilfe noch mehr Geld haben will. Die Deutschen und die EU haben bereits Geld für die Anklagebehörde und das Gefängnis in Mombasa gezahlt.

Noch immer sitzen dort auch rund zwei Dutzend Verdächtige in Untersuchungshaft, die vor mehr als einem Jahr von deutschen Fregatten der Justiz übergeben wurden. Deutschland hatte stets versprochen, ein rechtsstaatlich sauberes Verfahren zu überwachen. Seit Monaten aber passiert in den Fällen gar nichts mehr. "Deutschland hat seine Zusagen genauso vernachlässigt wie Kenia", kritisiert der Berliner Anwalt Markus Goldbach, der mehrere der Piraten juristisch vertritt.

Seeräuber dehnen ihr Einsatzgebiet aus

Im vergangenen Jahr war die Zahl der Piratenangriffe weltweit um fast 40 Prozent gestiegen - für mehr als die Hälfte der insgesamt 406 Attacken im Jahr 2009 waren somalische Seeräuber verantwortlich, wie die Internationale Seefahrtsbehörde (IMB) im Januar mitteilte. Allein 217 Attacken gingen auf deren Konto, fast doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

Ursprünglich war es hauptsächlich im Golf von Aden zu Überfällen gekommen, inzwischen haben die Piraten ihr Einsatzgebiet ausgedehnt. Ende März entführten Bewaffnete etwa 1000 Seemeilen (rund 1800 Kilometer) vor der somalischen Küste ein Handelsschiff mit 21 Mann Besatzung an Bord

Die EU-Mission "Atalanta", die am Montag die Befreiung der "MS Taipan" bestätigte, ist seit Ende 2008 in den Gewässern im Einsatz. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, Lebensmittellieferungen des Welternährungsprogramms nach Somalia vor Piratenüberfällen zu schützen. Kommerzielle Frachter können "Atalanta" bei einem Angriff ebenfalls zu Hilfe rufen.

siu/mgb/apn/dpa

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Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 56 Beiträge
1. Fehler
Astute 05.04.2010
Die im Allgemeinen hohe Qualität des Spiegels in allen Ehren (sonst würde ich ihn ja wohl nicht lesen ;) ) aber dieser Artikel beweist wieder einmal, dass man bei der SpOn Redaktion von militärischen Belangen relativ wenig [...]
Die im Allgemeinen hohe Qualität des Spiegels in allen Ehren (sonst würde ich ihn ja wohl nicht lesen ;) ) aber dieser Artikel beweist wieder einmal, dass man bei der SpOn Redaktion von militärischen Belangen relativ wenig Sachverstand zu haben scheint: Das Schiff, das zur De-Zeven-Provincien-Klasse gehört, heisst "Tromp" und nicht "Tromp's Lynx"; Lynx ist nämlich ein Helikoptermodell, das wahrscheinlich bei der Aktion zum Einsatz kam. SpOn kann sich immerhin damit trösten, dass auch andere Onlinemedien die selbe Agenturmeldung ungelesen veröffentlicht haben...
2. Na schoen das es immer noch Leute in der EU gibt
blob123y 05.04.2010
die Resultate bringen und nicht wie feige Memmen abhauen. War gut dass dies Niederlaender waren, Deutsche sind zu so was nicht mehr faehig, da nur noch Weicheier, gruen Diskutierer, darf man nicht, koennte ja so irgendwie sein [...]
die Resultate bringen und nicht wie feige Memmen abhauen. War gut dass dies Niederlaender waren, Deutsche sind zu so was nicht mehr faehig, da nur noch Weicheier, gruen Diskutierer, darf man nicht, koennte ja so irgendwie sein usw. Die Degenerationsleiter ist kurz unterbrochen worden aber es soll bloss niemand glauben das Licht im Tunnel ist, davor ist rot gruen vor, die kalauern nun mit Sicherheit ueber die Menschenrechte der Somalischen Piraten aber nicht ueber so banale Sachen wie Leute die von diesen Gaunern getoetet werden, na ja ist ja bekannt toeten ist nicht so schlimm, aber wehe es wehrt sich einer dagegen getoetet zu werden denen ist die Verachtung von rot gruen, gutmenschen usw. sicher die zu Hause vorm Fernseher sitzen und da natuerich voll durchblicken... beim zeus..wohin verkommt Europa ?
3. Danke, liebe Nachbarn!
altmannn 05.04.2010
Vielleicht können wir uns mal revanchieren, wenn das AFG- Abenteuer endlich beendet wird. Hier weiß man wenigstens, wer Freund und Feind ist und braucht nicht auf Unschuldige zu schießen.
Zitat von sysopDie Piraten hatten die deutsche "MV Taipan" nur Stunden in ihrer Gewalt - dann befreite die niederländische Marine mit einer spektakulären Kommandoaktion das Schiff. Zehn Seeräuber sollen festgenommen, ein niederländischer Soldat bei der Befreiungsaktion leicht verletzt worden sein. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,687323,00.html
Vielleicht können wir uns mal revanchieren, wenn das AFG- Abenteuer endlich beendet wird. Hier weiß man wenigstens, wer Freund und Feind ist und braucht nicht auf Unschuldige zu schießen.
4. .
Kassian 05.04.2010
Die Niederländer zeigen der Welt wie solche Situationen gehandhabt werden sollten.
Die Niederländer zeigen der Welt wie solche Situationen gehandhabt werden sollten.
5. xxx
Schleswig 05.04.2010
Bravo!!!!!! Respekt vor der Niederländischen Marine.
Bravo!!!!!! Respekt vor der Niederländischen Marine.
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Moderne Piraten - Gefahr am Horn von Afrika

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Maschinengewehre statt Enterhaken
Fernab aller Seeräuberromantik ist die moderne Piraterie eine Form der organisierten Kriminalität. Nach dem Seerechtsübereinkommen von 1982 gelten als Piraterie räuberische oder erpresserische Überfälle auf Schiffe auf hoher See. Angriffe innerhalb nationaler Hoheitsgewässer werden als Strandpiraterie bezeichnet.

Am gefährlichsten sind die Gewässer vor Afrika. Somalia, Nigeria und Tansania sind Schwerpunkte der Angriffe. Vor der Küste Somalias operieren Piraten oft von Mutterschiffen aus, von denen sie auf pfeilschnellen Booten mit Maschinenpistolen und Panzerfäusten bewaffnet zu Raubzügen aufbrechen. Die gekaperten Schiffe werden dann vor die Küste gebracht.
Piratennest Puntland
Puntland ist eine Region am Horn von Afrika, rund 212.000 Quadratkilometern groß, 2,4 Millionen Einwohner. Vor zehn Jahren erklärte sich der trockene Landstrich zum autonomen Teilstaat von Somalia. Tonangebend sind die Stammesstrukturen der Darod, die dort ihr Hauptsiedlungsgebiet haben. Zwei Drittel der Menschen hier sind Nomaden, nahezu alle sunnitische Muslime. Einst lebten sie vom Fischfang vor der 1300 Kilometer langen Küste am Indischen Ozean sowie der Zucht von Kamelen, Schafen und Ziegen.

Gemessen an somalischen Verhältnissen galt die Region bisher als stabil, nach Selbstmordanschlägen auf Regierungsgebäude im Oktober wird aber befürchtet, islamistische Terroristen könnten auch im Puntland Fuß fassen. Inzwischen herrscht auch hier weitgehende Gesetzlosigkeit. Kriminelle Banden verdienten viel Geld mit dem Schmuggel von Flüchtlingen aus Somalia und Äthiopien auf die arabische Halbinsel. Dazu kommen Piratenüberfälle. Die Machthaber von Puntland wurden wiederholt beschuldigt, die Piraten zu unterstützen und einen Teil des Lösegeldes für Schiffe und Besatzungsmitglieder selbst zu kassieren.
Stützpunkte
Das berüchtigtste Piratennest ist Eyl. Gegenwärtig haben Piraten laut Amnesty International nahe der Küstenstadt mehr als 130 Menschen als Geiseln genommen. Insgesamt befinden sich in der Region noch knapp 250 Seeleute und Dutzende Schiffe in der Gewalt der Piraten. Verhandlungen über Lösegeld laufen vielfach.
Lukratives Geschäft
Piraterie in somalischen Gewässern hat sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäftszweig ausgeweitet: Erfolgreiche Entführungen bringen nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Lösegelder in Höhe von einer bis fünf Millionen US-Dollar. Der fast 20 Jahren tobende Bürgerkrieg und die damit einhergehende Verarmung und Militarisierung Somalias haben den Angriffen den Nährboden bereitet.
Zunehmende Entführungen
Somalischen Piraten gelingt es immer häufiger, Schiffe in ihre Gewalt zu bringen. Einem Anfang November veröffentlichten Uno-Bericht zufolge wurden trotz des Einsatzes der internationalen Flotte vor der Küste Somalias in den ersten neun Monaten 2011 37 Schiffe gekapert - im Vorjahreszeitraum waren es noch 33.

Es sei "erschreckend", dass die Piraten mittlerweile 438 Besatzungsmitglieder und Passagiere sowie 20 Schiffe in ihrer Gewalt hätten, sagte der Uno-Untergeneralsekretär B. Lynn Pascoe. Es müsse mehr getan werden, um die Ursachen von Raubüberfälle und Entführungen zu beseitigen.

Doch noch ist von einer Lösung keine Spur, im Gegenteil: Die Angriffe werden brutaler. Am 7. November 2011 erschossen somalische Piraten einen Mann, der die von ihnen gekaperte Yacht nicht verlassen wollte. Die anderen Geiseln - darunter eine Frau und ein Junge - wurden Augenzeugen zufolge an Land gebracht. Bislang kam die Tötung von Geiseln selten vor.
Folgen für Reedereien
Die zunehmenden Angriffe haben die Einfahrt ins Rote Meer bereits so unsicher gemacht, dass erste Reedereien Schiffe nicht mehr von dort durch den Suez-Kanal, sondern auf die weit längere Route um das Kap der Guten Hoffnung schicken. So sollen extrem hohe Versicherungsprämien wegen des Piraten-Risikos oder Kosten für eigene Sicherheitsmannschaften an Bord vermieden werden.

Britische Reedereien und Versicherer haben die Idee einer Privatarmee erneut in die öffentliche Diskussion gebracht.
Anti-Piraten-Missionen
Internationale Streitkräfte versuchen im Rahmen der NATO-Mission "Ocean Shield" und der EU-Mission "Atalanta", die Piraterie zu bekämpfen. Doch während die Kriegsschiffe im besonders gefährdeten Golf von Aden zwischen Somalia und Jemen patrouillieren, haben die Seeräuber ihren Aktionsradius zunehmend auf den Indischen Ozean verlagert. Manchmal gelingen allerdings auch Erfolge: Im April 2010 konnte die niederländische Fregatte "Tromp" den deutschen Frachter "Taipan" aus der Hand von Piraten befreien.

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