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27.01.2012
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NPD und Zwickauer Terrorzelle

Der unliebsame Kamerad

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Die NPD ringt mit dem Erbe der Zwickauer Terrorzelle: Jetzt soll Parteimitglied André K., enger Freund des Trios Mundlos, Zschäpe und Böhnhardt, zu deren Taten Stellung nehmen. Freiwillig will K. die braune Partei nicht verlassen, ihm droht ein Ausschlussverfahren.

Hamburg - Es gab Zeiten, in denen André K. - wenn man ihn auf dem Handy erreichte - kurz in den Hörer pöbelte und dann auflegte. Das war in den Tagen, als bekannt wurde, dass Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe den Kern der mutmaßlich rechtsterroristischen Vereinigung "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) bildeten und zehn Menschen getötet haben sollen. André K. war eng mit den dreien befreundet, gemeinsam hatten sie die "Kameradschaft Jena" gegründet. Wie Zschäpe sitzen inzwischen auch die Kameraden Holger G. und Ralf Wohlleben in Untersuchungshaft. Sie sollen die Zelle unterstützt haben, auch mit ihnen ist André K. seit langem bekannt.

Er ist der einzige der "Kameradschaft Jena", der noch auf freiem Fuß ist. Freiwillig hat er sich beim Bundeskriminalamt gemeldet und befragen lassen, er wollte vor allem seiner Familie Hausdurchsuchungen oder gar eine vorläufige Festnahme ersparen. Gegen den 36-Jährigen gibt es derzeit keinen Tatverdacht. Er selbst jedoch traue dem Frieden nicht und schließe weitere Befragungen des Generalbundesanwalts nicht aus, heißt es in seinem Umfeld.

André K. ist auch der einzige der ehemaligen "Kameradschaft Jena", der noch Mitglied in der NPD ist. Wohlleben, einst Vorsitzender des Kreisverbands Jena, stellvertretender Landesvorsitzender der Partei in Thüringen und Pressesprecher, legte 2008 seine Ämter nieder - zeitgleich mit seiner Ehefrau. Damals war die zweite Tochter des Paares geboren, beide wollten angeblich einen Neuanfang. Wohlleben blieb jedoch aktiv in der rechten Szene. In der NPD war man nach seiner Festnahme erleichtert, sich trotzdem von ihm distanzieren zu können, da er kein Parteimitglied mehr ist.

Bei André K., einer Größe in der rechtsextremen Szene Thüringens, ist das nicht so einfach. Vor wenigen Tagen schickte ihm daher der NPD-Bundesvorstand eine Aufforderung, er solle zu den Vorwürfen der NSU umfassend Stellung beziehen. Explizit werde ihm zwar nicht mit Ausschluss gedroht, doch für ihn sei es die logische Schlussfolgerung, sollte er nicht antworten, sagt er.

Doch genau das hat André K. vor. "Ich werde dazu gegenüber der Partei keine Stellung nehmen", sagt der 36-Jährige, der bereits als Teenager in der rechtsextremen Szene Thüringens mitmischte. Er war führendes Mitglied des "Freien Kameradschaftsnetzwerkes" und der Freien Kameradschaft "Nationaler Widerstand Jena". K. gilt als Organisationstalent, durchsetzungsstark, rabiat - der Mann fürs Grobe. Wer André K. kennt, weiß, er ändert seine Meinung nicht so schnell.

"Die NPD ist durchsetzt von Verfassungsschützern"

André K. verweigere die Auskunft auch, weil er weder sich selbst noch andere belasten wolle, heißt es in seinem Umfeld. Für ihn sei es schlimm, dass sein ehemals bester Freund und Mitbewohner Ralf "Wolle" Wohlleben nun in Haft sitze, die beiden galten als unzertrennlich. Was Wohlleben befiehlt, habe K. prompt ausgeführt, erzählen Kameraden von früher.

"Außerdem ist die NPD durchsetzt von Verfassungsschützern, da wäre er ja schön blöd, wenn er bei denen auspackt", sagt einer.

Das Schlimmste, was André K. droht, sollte er die NPD-Anfrage ignorieren: Die Partei schmeißt ihn raus. "Damit kann ich leben. Ich sehe meine Zukunft nicht in der NPD", sagt K. "Ich habe meine politischen Aktivitäten in den letzten Jahren so gut wie aufgegeben." Angeblich war er seit zwei Jahren bei keinem Aufmarsch mehr dabei.

Daher habe er selbst schon über einen Austritt nachgedacht, "aber vielleicht würde man das als Signal werten, vielleicht sogar als Schuldeingeständnis - und das wäre falsch".

Falsch war aus Sicht der Partei K.s Interview in der Wochenzeitung "Junge Freiheit", heißt es. Darin gibt das NPD-Mitglied zu, dass "man" sich nach dem Untertauchen von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe 1998 "natürlich Gedanken gemacht" habe, "was man an Hilfestellung leisten könnte". Auch gibt er zu: "Sicher haben wir uns damals immer mehr radikalisiert beziehungsweise politisiert. Die wollten irgendwann auch aktionistischer werden, um mehr Öffentlichkeit zu bekommen, aber das bedeutet ja nicht gleich Terrorismus." Deshalb habe er die Bombenattrappen, die 1997 an die Polizei in Jena und die Redaktion der "Thüringischen Landeszeitung" geschickt wurden, "nicht so ernst genommen". "Das sollte doch nur zeigen: Seht her, wir könnten, wenn wir wollten", so K.

"Eier in der Hose"

Innerhalb der NPD galt André K. schon immer als Querulant, als tickende Zeitbombe, einer, der sich nicht im Zaum halten konnte. So schrieb er seinen Parteifreunden Mails mit der Betreffzeile "Sauladen beschissener!", darin heißt es: "Man sollte sich langsam mal entscheiden ob man hier wieder auf den Wischiwaschi-Kurs zurück fällt oder ob man endlich mal seine Eier in der Hose spürt und danach auch mal handelt! Wir sind kein Kaninchenzüchterverein, sondern wir wollen eine Weltanschauungsbewegung sein. Wir möchten den Menschen, die wir davon überzeugen wollen, die NPD zu wählen, auch noch ins Gesicht sehen können, von unseren Kampfgefährten einmal ganz abgesehen."

Im Gespräch mit der "Jungen Freiheit" plauderte André K. auch über die enge Freundschaft, die ihn mit den mutmaßlichen Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt verband, bevor sie untertauchten. Er wundere sich, so sagt K., dass die Ermittler behaupten, Mundlos habe zuerst Böhnhardt mit einem aufgesetzten Kopfschuss getötet und anschließend sich selbst.

"Wenn überhaupt, dann hätte ich gedacht, dass Böhnhardt Mundlos erschießt. Einfach vom Typ her. Ich frage mich allerdings, warum sie nicht versucht haben, sich freizuschießen oder als 'Märtyrer' zu sterben?", sagt K. "Waffen hatten sie doch genug, sogar eine Maschinenpistole, und Skrupel, Polizisten zu erschießen, doch angeblich auch nicht."

Er könne sich nicht erklären, warum "jemand loszieht und irgendwelche ausländischen Ladenbesitzer erschießt". Gemeinsam sei er mit dem Trio in ausländischen Restaurants essen gewesen. "Wenn ich aus purem Ausländerhass töte, dann gehe ich dort nicht essen. Wir waren uns damals schon einig, dass nicht der einzelne Ausländer der Feind ist." Für die Taten könne er einfach kein Motiv erkennen.

Holger Apfel, seit vergangenem November Vorsitzender der NPD, hat sich trotz mehrfacher Anfragen von SPIEGEL ONLINE zum Fall André K. nicht geäußert. Patrick Wieschke, Mitglied im NPD-Parteipräsidium und stellvertretender Kreisvorsitzender der NPD im Wartburgkreis, sagte: "Ich kann den Vorgang nicht kommentieren."

Forum

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insgesamt 19 Beiträge
1. Es wird langsam unheimlich!
megamekerer 27.01.2012
Ich glaube langsam dass bei derr NPD nur noch V-Leute darin sitzen, es ist erschütternd wie genau BND über die NSU wusste und nichts unternahm. Ich gehe davon aus dass der parlamentarische Ausschuss auch einige unangenehme Fragen [...]
Ich glaube langsam dass bei derr NPD nur noch V-Leute darin sitzen, es ist erschütternd wie genau BND über die NSU wusste und nichts unternahm. Ich gehe davon aus dass der parlamentarische Ausschuss auch einige unangenehme Fragen umklammern wird, denn es geht um die Ehre Deutschland in die Welt, aber sicher eine verlorene Ehre wenn man die Berichte internationale Medien studiert.
2. Das Leben ist Realsatire!
Das-tobende-Steuerschaf 27.01.2012
Die NPD im 'Kampf gegen Rechts'! (LOL!)
Die NPD im 'Kampf gegen Rechts'! (LOL!)
3. ?
w.o. 27.01.2012
Da geht's wohl ein bisschen durcheinander. Im Innland überwacht der VErfassungsschutz, im Ausland der BND. Ehre in Ihrem Verständnis ist eher was, das die Rechten im Munde führen (jeder das, was er nicht hat)
Zitat von megamekererIch glaube langsam dass bei derr NPD nur noch V-Leute darin sitzen, es ist erschütternd wie genau BND über die NSU wusste und nichts unternahm. Ich gehe davon aus dass der parlamentarische Ausschuss auch einige unangenehme Fragen umklammern wird, denn es geht um die Ehre Deutschland in die Welt, aber sicher eine verlorene Ehre wenn man die Berichte internationale Medien studiert.
Da geht's wohl ein bisschen durcheinander. Im Innland überwacht der VErfassungsschutz, im Ausland der BND. Ehre in Ihrem Verständnis ist eher was, das die Rechten im Munde führen (jeder das, was er nicht hat)
4. Ich steh auf dem Schlauch wohl?
1lauto 27.01.2012
hat denn irgendjemand schon einen belastbaren Hinweis darauf, dass Bönhard oder Mundlos an den Morden beteiligt waren? Ich hab immer verstanden, bewiesen sei , dass die Waffen dabei waren. Kann mir da jemand helfen? Wo [...]
hat denn irgendjemand schon einen belastbaren Hinweis darauf, dass Bönhard oder Mundlos an den Morden beteiligt waren? Ich hab immer verstanden, bewiesen sei , dass die Waffen dabei waren. Kann mir da jemand helfen? Wo sind DNA Spuren? Wo ist der "dritte Mann" geblieben der lt. Bild am Ort des Todes der beiden war?
5. Was sie nicht alles wissen
leulind 27.01.2012
So, der BND wusste, dass es den NSU gab, das dieser die ausländischen Mitbürger und die Polizistin ermordete, aus welchen Personen er bestand und wo diese sich aufhielten? Wissen Sie dann auch, warum er dennoch nichts [...]
Zitat von megamekererIch glaube langsam dass bei derr NPD nur noch V-Leute darin sitzen, es ist erschütternd wie genau BND über die NSU wusste und nichts unternahm. Ich gehe davon aus dass der parlamentarische Ausschuss auch einige unangenehme Fragen umklammern wird, denn es geht um die Ehre Deutschland in die Welt, aber sicher eine verlorene Ehre wenn man die Berichte internationale Medien studiert.
So, der BND wusste, dass es den NSU gab, das dieser die ausländischen Mitbürger und die Polizistin ermordete, aus welchen Personen er bestand und wo diese sich aufhielten? Wissen Sie dann auch, warum er dennoch nichts unternahm?

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