08.02.2012
ZDF-Dokumentation
Assauers Weg ins Vergessen
Von Julia JüttnerEr kann es nicht mehr. Er kann die Zahlen nicht mehr im Uhrzeigersinn aufmalen. Er überlegt lange, dann kritzelt er die 20 da hin, wo eigentlich die 12 hingehört. Er weiß, irgendwas stimmt nicht, aber was? Das Chaos auf dem weißen Blatt Papier steht für das Durcheinander in Rudi Assauers Gehirn.
Rudi Assauer hat Alzheimer. Seit Tagen berichten Zeitungen darüber, wie der ehemalige Schalke-Manager und einstige Fußballprofi dabei ist, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Ausgerechnet er, das Pokerface der deutschen Bundesliga, der gewiefte Geschäftsmann, der Applaus dafür bekam, wenn er seine Lebensgefährtin in der Öffentlichkeit "die Alte" nannte und der bitterlich weinte, als Schalke ganze vier Minuten Deutscher Meister war.
Die Fernsehjournalistin Stephanie Schmidt hat den 67-Jährigen ein knappes Jahr lang begleitet, seinen langsamen Weg ins Vergessen dokumentiert. Entstanden ist im Rahmen der ZDF-Reportage-Reihe "37 Grad" der berührende Film "Rudi Assauer - Ich will mich nicht vergessen".
Zu Beginn der Dreharbeiten im vergangenen Frühjahr sitzt Assauer noch auf der hellen Couch in seinem cremefarbenen Wohnzimmer, nuckelt an einer Davidoff Grand Cru No.3. Auf dem Rasen kickt er mit seiner Zwillingsschwester und seiner Tochter, seine beiden Hunde tollen umher. Mit seiner Ehefrau Britta schubst er sich im Garten Kastanien über die weiße Tischdecke zu.
"Ich vergesse manchmal Dinge, die sind unglaublich"
Monate später zieht der Mann, der wie kein anderer das Klischee des coolen Cowboys zelebrierte, zu seiner Tochter, mit der er 16 Jahre lang keinen Kontakt hatte. Längst kann man ihn nicht mehr alleine lassen. "Hier penn' ich", sagt Assauer beim Rundgang und deutet auf das Zimmer, in das ihn die Tochter einquartiert hat. Vor deren Schlafzimmer bleibt er hilflos stehen. Auf die Frage, wer dort übernachte, weiß Assauer keine Antwort. Auf den Namen seiner Tochter kommt er nicht, verlegen stolpert er die Holztreppe hinunter.
Das Fernsehteam begleitet Assauer im September vergangenen Jahres in die Memory Clinic nach Essen. Der Arzt kündigt vor laufender Kamera eine Gedächtnisaufgabe an. Assauer windet sich, der Arzt beruhigt ihn, keine Sorge, bei dieser Fragestellung werde er sich nicht blamieren können. Doch Assauers schlimmste Befürchtungen werden wahr: Welches Jahr ist gerade? Assauer weiß es nicht. Welcher Monat? Es gehe auf den Winter zu, antwortet Assauer, es könnte September sein. Welcher Wochentag? Assauer hat keine Ahnung.
Es ist auch für ihn ein erschütternder Ausblick darauf, dass würdevolles Altern mit der Diagnose Alzheimer-Demenz unmöglich ist. Assauer, der Macher und Manager, der auf unvergleichbar selbstironische Art und Weise ein Macho-Image pflegte, sitzt beim Arzt und weiß nicht, welcher Tag, welcher Monat, welches Jahr gerade ist.
"Ich vergesse manchmal Dinge, die sind unglaublich", sagt er im Film, "da kann ich mir nur an den Kopf fassen und sagen: Okay, Assauer, so doof kannste doch nicht sein, dass du solche Fehler machst." Seit mehr als zwei Jahren wurde in Gelsenkirchen und in der Fußballszene getuschelt: Mit dem Assauer stimmt doch was nicht, säuft der etwa?
Gerede, das ihn verletzt hat. Assauers größte Angst sei es, dass andere über ihn urteilen, sagt Dokumentarfilmerin Schmidt. "Er hat eine unglaubliche Wut auf diese Krankheit und versucht, gegen sie anzukämpfen." Mit dem Film habe sich Assauer outen und zeigen wollen, dass er kein Alkoholiker ist und dennoch schwerkrank. Erstmals habe er selbst das Wort ergreifen und richtigstellen wollen - und danach nie wieder, sagt Schmidt. "Er hofft, dass er nun in Ruhe gelassen und wahrgenommen wird als der Rudi Assauer mit all seinen Verdiensten, der aber auch mit dieser Krankheit leben muss und sich nicht länger verstecken will."
Die Kamera begleitet Assauer dabei und zeigt, wie er - Meister der Floskeln und großspurigen Parolen - das Versteckspiel perfektioniert hatte. Launig schüttelte er die Hände anderer Prominenter, hier mal ein Schulterklopfer, dort mal ein kumpelhafter Klaps. Sein Parallelleben mutierte zum Spießrutenlauf, bei dem er seine Vertrauten immer im Augenwinkel behielt.
"Was willst du eigentlich noch?"
Beziehungspersonen sind existentiell für Alzheimer-Patienten. Stephanie Schmidt, die Fernsehjournalistin, musste bei jeder Begegnung aufs Neue Vertrauen zu Rudi Assauer aufbauen. Was mühsam klingt, weil er die Kamera in seiner Situation auch als bedrohend empfand, gelang ihr ohne Probleme. "Er hat sich von Anfang an gut aufgehoben gefühlt", konstatiert Schmidt.
Tabuzonen beim Dreh gab es immer wieder, formuliert werden mussten sie nicht. "Wenn er nicht mehr wollte, zog er sich zurück", erinnert sich Schmidt. So läuft Assauer im Film einmal aus dem Wintergarten hinaus, das Team bleibt zurück, respektiert seinen Rückzug. Es ist ein erster Abschied auf Raten.
Sein engstes Umfeld weiß, dass Assauers Erinnerungen von Tag zu Tag mehr im Schatten versinken, wahrhaben wollen sie es nicht. Wenn sich seine Sekretärin Sabine Söldner, seit drei Jahrzehnten treu an seiner Seite, schon jetzt vor dem Moment fürchtet, in dem ihr Chef sie fragen wird: Wer bist du?
Die Verzweiflung ist erkennbar, wenn Assauers engster Freund, Sportmoderator Werner Hansch, erzählt, wie Assauer über den Beginn seines eigenen Verfalls erschrak, sich mit Kreuzworträtseln und Sudoku versuchte, selbst zu therapieren. Unerträglich muss es für den Freundeskreis sein, zuzusehen, wie sich einer abmüht und abkämpft und immer weiß, dagegen kommt keiner an. "Das ist bitter", konstatiert Hansch.
Das Wissen über die Unaufhaltsamkeit seines geistigen Niedergangs lässt Assauer auch resignieren. "Was willst du eigentlich noch?", frage er sich immer mal wieder, sagt er in dem Film. Dabei war ihm die Erkrankung nie fremd: Assauers Mutter erkrankte an Alzheimer-Demenz, ebenso sein älterer Bruder. Letzterer liege seit "Jahr und Tag" im Krankenhaus. "Das ist doch kein Leben. Ich geh da gar nicht erst hin", sagt Assauer.
Die Demaskierung der Krankheit
Denkt der bekennende Lebemann etwa an Selbstmord? "Nein", sagt Assauer. " Die paar Jahre, die wir noch haben, die wollen wir auch noch haben."
Noch richtet ihm die Tochter nur die Kleidung hin, waschen und rasieren kann sich Assauer noch eigenständig. Beide wissen, dass der Tag kommen wird, an dem er auch das nicht mehr alleine bewältigen können wird. Etwa 1,3 Millionen Demenzopfern in Deutschland geht es ähnlich. "Ich wollte eine Krankheit zeigen so wie sie ist, aber in einem Maße, wie sie erträglich ist - für ihn und für die Zuschauer", sagt TV-Journalistin Schmidt. Viele Szenen habe sie gar mehrfach gedreht und dann doch bewusst darauf verzichtet.
Über den Protagonisten im zunehmenden Dämmerzustand sagt die 40-Jährige: "Herr Aussauer war unglaublich geduldig, der Wahrheit sehr verpflichtet. Er wollte, dass wir zeigen, wie es ihm geht, aber auch, dass er noch Spaß am Leben hat." Die Tage könne man "wunderbar mit ihm verbringen".
Medizinern zufolge kann ein traumatisches Erlebnis Auslöser für eine Demaskierung der Krankheit sein. Vielleicht war es im Fall Assauer sein Rausschmiss bei Schalke. Im Film sinniert er über sein abruptes Ende dort als Manager und für einen winzigen Moment blitzt der alte Assauer auf, den man zu kennen glaubt. "Das mit dem Kündigungsschein ist ganz spät nachts passiert. Da sind die zu mir gekommen und da hab ich gesagt: Okay, die Zeit vom Assauer ist nicht mehr da." Er hält kurz inne und schiebt trotzig nach: "War aber nicht so schlimm."


