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05.04.2012
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Französischer Slip-Fabrikant

Heimatliebe unter der Gürtellinie

Von Stefan Simons, Paris
Fotos
AFP

Im französischen Wahlkampf sind sich Politiker wenigstens in einem Punkt einig: Die heimische Industrie muss gestärkt werden. Ein Unternehmer nutzt die Gunst der Stunde und offeriert "Le Slip français" - in den Farben der Trikolore.

In Frankreich tobt der Wahlkampf, sollte zwischen den Parteien jemals so etwas wie Brüderlichkeit geherrscht haben - derzeit ganz sicher nicht. Doch in einem Punkt sind sich die polternden Politiker einig: "Hergestellt in Frankreich" tönen sie im Chor, das ist die Parole der Stunde.

Die marode Wirtschaftsmacht will ihr bröckelndes Image als Industriestandort auffrischen, jeder Politiker will beweisen, dass sein Herz am stärksten für die heimische Wirtschaft schlägt.

Freilich soll "Produit en France" nicht heißen, dass auch die Rohstoffe aus der Heimat stammen, aber wenigstens vermehrt produziert werden soll zwischen Ärmelkanal, Atlantik, Alpen und Mittelmeer: Es geht den Kandidaten um nicht weniger als die "Re-Industrialisierung" der Republik.

Aber wie? Käse, Wein, Schampus, Luxusmode oder Flugzeuge? Alles längst Exportschlager. Aber was ist mit den lukrativen Massenmärkten? Etwa der Bekleidungsbranche?

Guillaume Gibault, 26, ein findiger Unternehmer, hat, passend zum politischen Motto, eine eigene Marke kreiert: "Le Slip français". Heimat beginnt bei der Unterwäsche.

Von Unterhosen und Kriegsschiffen

Ein Kracher. Gut zwei Wochen vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahl ist der Pionier des Feingerippten, einst Chef einer Bio-Supermarktkette, zur Heldenfigur aufgestiegen. Die Produktion des Slips am Standort in der Dordogne machte ihn zum Vorbild des visionären Unternehmers.

Und geschickt verband er den patriotischen Appell ("in Frankreich herstellen") mit dem Slogan des sozialistischen Kandidaten François Hollande: "Der Wechsel ist jetzt." Gibault macht daraus: "Der Wechsel der Unterhose - das ist jetzt."

Dabei greift Gibault nach mehr als nur der Wäsche - er rührt gleich ans Nationalgefühl: Ziel ist die Erhebung des Bekleidungsstücks zum elastischen Nachweis wahrhaft vaterländischer Gesinnung.

Mit Liebe zum Detail entworfen, präsentiert Erfinder Gibault "Unterwäsche der höchsten Produktpalette", zugeschnitten und verpackt von 180 Angestellten des Unternehmens Moulin Neuf Textiles in Saint-Antoine-Cumond. Gewiss, das Baumwollgarn ist importiert, aber, so der Chef der Firma, die ausschließlich in Frankreich produziert, "ganz in Wahrung der Tradition und mit dem Stempel französischer Eleganz".

Was Wunder, dass die Höschen-Marke "mit dem tiefen Schnitt" in den Farben der Trikolore antritt, jede getauft nach dem Namen französischer Kriegsschiffe: "L'Intrepide" (Die Unerschrockene) kommt in Marineblau daher, ganz in Weiß erscheint das Modell "Le Redoutable" (Die Furchterregende), während "Le Vaillant" (Die Unerschrockene) in Rot gefärbt ist. Neben den Slips im Dreiklang von Frankreichs Flagge steht noch "Le Triomphant" (Die Triumphierende) im Angebot: In schlichtem Anarcho-Schwarz, aber auch diese Version "ebenso komfortabel wie elegant".

Wahlplakate als Werbevorlage

So viel Liebe zur Heimat, selbst wenn nicht offen zur Schau getragen, hat ihren Preis. 20 Euro kostet das Stück, im Dreifachpack 55 Euro. Dafür erhält der aufrechte Franzose aber auch ein Produkt, das "nationale handwerkliche Herstellung" verbürgt und außerdem voll in der Tendenz des "lokalen Konsums liegt". Tatsächlich gehen die Unterhosen ganz ordentlich über den Tisch: 4000 der Slips wurden immerhin binnen der ersten drei Monate verkauft.

Mit seiner politischen Korrektheit ist der Herrenslip zum Wahlkampfthema geworden: Unisono wird die lokal hergestellte Wäscheproduktion als Alternative zur Abwanderung in Billiglohnländer gepriesen.

Im Internet kursieren Videos und die Firma hat die Plakate der Kandidaten - von ökologisch Grün bis kommunistisch Links - mit den eigenen Slip-Slogans verfremdet.

Aber ist die Fertigung in Blau-Weiß-Rot am Ende nur eine plumpe Werbemasche? Nutzt der Unternehmer den Wahlkampf, um den Slip als patriotisches Feigenblatt besser zu verkaufen?

Ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Denn Gibault - der einen Teil seiner Einnahmen für krebskranke Kinder abführt - denkt nicht nur daran den "Französischen Slip" zum Aushängeschild französischer Textilindustrie zu machen, es liegt ihm an der Zukunft des Landes. An die hasenherzigen Unternehmer, die er mit seinem Modell überzeugen will, richtet er daher den Rat: "Immer sich fragen, was läuft und was nicht, und vor allem seine Idee bis zu Ende denken."

Ein Tipp, der auch für die Kandidaten der Präsidentschaftswahlen gelten dürfte.

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insgesamt 4 Beiträge
1. ...
janne2109 05.04.2012
erinnert mich an buy america, nicht die Unterhose sondern die Werbung einheimisch hergestellte Dinge zu kaufen. Sollten wir mal nach machen, auch wenn Kik dann nix mehr verkauft.
erinnert mich an buy america, nicht die Unterhose sondern die Werbung einheimisch hergestellte Dinge zu kaufen. Sollten wir mal nach machen, auch wenn Kik dann nix mehr verkauft.
2. stimmt
axelkli 05.04.2012
Wobei die frz. Farben auch glatt als amerikanische durchgehen könnten. In D würde man mit einer Schwarz-rot-goldenen Büx allerdings gleich als Nationalist abgestempelt.
Zitat von janne2109erinnert mich an buy america, nicht die Unterhose sondern die Werbung einheimisch hergestellte Dinge zu kaufen. Sollten wir mal nach machen, auch wenn Kik dann nix mehr verkauft.
Wobei die frz. Farben auch glatt als amerikanische durchgehen könnten. In D würde man mit einer Schwarz-rot-goldenen Büx allerdings gleich als Nationalist abgestempelt.
3. also ...................
ottohuebner 05.04.2012
fuer 20 euro das stueck wuerde ich doch glatt meine nationale einstellung vergessen und was billigeres importiertes kaufen.
fuer 20 euro das stueck wuerde ich doch glatt meine nationale einstellung vergessen und was billigeres importiertes kaufen.
4.
Stäffelesrutscher 05.04.2012
Das hat was. Wer sang doch gleich "L'impotence ist inner Hose"?
Das hat was. Wer sang doch gleich "L'impotence ist inner Hose"?

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