24.07.2012
Türsteher der Nobeldisco P1
Der Oanser
Von Julia Jüttner, MünchenAls die Gäste anfangen, ihn zu siezen, weiß Klaus Gunschmann: Seine Zeit an der Tür ist vorbei. 23 Jahre lang hat er am Eingang der berühmtesten Discothek Deutschlands gestanden, dem P1 in München, hat durch das kleine Fenster in der Tür nach draußen gelugt oder breitbeinig davor gestanden.
Breitbeinig sitzt Gunschmann, 1,91 Meter groß, eingehüllt in eine Aftershave-Wolke, nun auf einem Hocker in seiner Bar Lehel im gleichnamigen Münchner Stadtteil. Er könnte ein Zwillingsbruder von Peter Illmann sein, dem einstigen Formel-1-Moderator.
Er schlingt ein Carpaccio runter, stürzt eine Spezi hinterher. Die kräftigen Arme ruhen auf seinen Kniescheiben, die Ventilatoren an der Decke kreisen auf der höchsten Stufe, immer wieder schaut Gunschmann auf sein iPhone. Seit er ein Buch über seine Zeit als Türsteher geschrieben hat, ist er im Stress.
Eine Frau betritt die Bar. Großes Hallo. Bussi links, Bussi rechts. "Sorry, hab grad wieder ein Interview...", sagt Gunschmann nicht ohne Stolz. Er wimmelt sie ab, bleibt aber konziliant, fast charmant, ein Menschenfänger. Ein Überbleibsel nach jahrelangem Training an der angeblich "härtesten Tür Deutschlands".
Gunschmann, in Schwabing geboren und aufgewachsen, studiert Anfang der achtziger Jahre Kommunikationswissenschaften, fährt einen klapprigen R4, am Wochenende verjubelt er sein Geld im P1. Um zu sparen, trinkt er manchmal aus dem Wasserhahn im Herrenklo. Er schwärmt für Kellnerinnen in neonfarbenen Aerobic-Tops und mit Farah-Fawcett-Frisuren. Aus dem Stammgast wird 1986 der Türsteher.
Gegründet wurde das P1 von US-Besatzungstruppen, die 1949 in der Prinzregentenstraße 1 ihren Offiziersclub einrichteten - das "P-One". Heute liegt das "Oanser", wie der Münchner sagt, an der Westseite des Hauses der Kunst am Ende des Englischen Gartens.
Gunschmann hört New Wave, trägt Lederjacken mit Schulterpolstern, spitze Schuhe, enge Hosen und einen Flattop, eine Bürstenfrisur wie Dolph Lundgren in Rocky IV, die Haarspitzen knallblond gefärbt. Alkohol und Drogen sind tabu und ein Kündigungsgrund. Er hält sich fit mit Basketball und Fußball. Pro Nacht verdient Gunschmann 100 D-Mark, die Hälfte davon verprasst er noch am selben Tag.
"Hey Süßer!"
Nach den Nachtschichten macht er sich Notizen. "Das war alles so schräg, ich dachte: Vielleicht schreib' ich irgendwann mal darüber." Keine Abrechung, nur "13 nette Gschichten", wie er sagt, "die keiner kennt". Die von Oliver Kahn und Verena Kerth hat er ausgespart, er erzählt sie unter den hektisch flatternden Ventilatoren seiner Bar.
"Die haben sich einfach wie zwei Teenies verknallt." Kerth sei als Bar-Frau "sehr sexy, sehr nett, sehr laut, sehr witzig und dazu recht intelligent" gewesen. Genau so eine habe man im P1 hinter der Theke gebraucht. Eine, die lässig "Hey Süßer!" hauchen konnte. "Und das konnte sie."
Gunschmann ist damals das Gegenstück: Er ist der Kotzbrocken, der Hundert-Kilo-Mann, der die Macht darüber hat, wer sich im Glitzernebel amüsieren darf. Die Promidichte ist hoch. Es gilt: In ist, wer drin ist.
Gunschmann winkt Paradiesvögel durch, Rockstars, Adlige und Stars wie Sandra Bullock, Brad Pitt, Kurt Russell. Die Mischung macht's. "Ein Milliardär, ein Staplerfahrer und dazwischen zwei Models aus Miami." Der Mix konnte auch schiefgehen. An Gunschmanns drittem Arbeitstag kommt es in der Disco zur Schlägerei mit den Toten Hosen. Gunschmann geht dazwischen und landet in der Notaufnahme.
Eine Garantie reinzukommen, gab es auch für VIPs nicht. Dustin Hoffmann stand sich eine Stunde die kurzen Beine in den Bauch, Gunschmann hatte den Hollywood-Star schlichtweg übersehen. Larry Mullen, Schlagzeuger von U2, hat er gar nicht erst erkannt. Naomi Campbell, Nadja Auermann und Claudia Schiffer sofort. Stéphanie von Monaco ging im Gewühl der Wartenden unter, oft standen bis zu 200 Leute vor der Tür. "Einen coolen Laden erkennst du daran, wie viele Leute anstehen", sagt Gunschmann.
Ärger hinter den Kulissen gab es, wenn er die Sprösslinge der Münchner Schickeria nicht identifizieren konnte, später half dabei die "Kukika", die Kunden-Kinder-Karte. Ein Hamburger Zuhälter rächte sich für eine Abfuhr, raste mit seinem Camaro in Gunschmanns R4, trachtete ihm nach dem Leben.
Die dicke Klofrau Sofie
Der Sohn von Libyens Ex-Staatschef Gaddafi kam mit 20 Bodyguards, blitzte ab und versuchte es zwei Stunden später mit nur drei Beschützern. Jennifer Lopez und Puff Daddy prellten ihre Zeche von 10.000 Euro. Prince verlief sich auf dem Weg zur Tanzfläche im verwinkelten Keller. Es sind amüsante Anekdoten, seicht aufgeschrieben, eine Art Hommage an einen eingestaubten Mythos.
"Jeder rieb sich an jedem, Klimaanlage gab es keine, der Schweiß war das verbindende Lebenselixier (...) Zehnmal ist man hingegangen, neunmal war es ein cooler Abend und einmal die beste Nacht des Lebens", schreibt Gunschmann. Nach durchzechter Nacht habe er oft "knöcheltief" in Zigarettenasche, Wodka, Glassplittern und zerrissenen Slips gestanden.
Er erinnert an die "dicke Sofie", die Klofrau des P1, der ein Fußballer mal ein Flugticket nach Gran Canaria schenkte. Doch Sofie wurde noch auf der Landebahn in München aus dem Flieger geworfen, weil sie eine Stewardess K.o. geschlagen hatte. "Zu ihrer Beerdigung kamen 500 P1-Stammgäste", sagt Gunschmann.
Er selbst schmeißt den Job als Türsteher, will Werbetexter werden, doch P1-Chef Michael Käfer holt ihn als Geschäftsführer und Gesellschafter ins Boot. 2009 steigt Gunschmann aus, sucht sich eine Bar und findet das Lehel, einem Restaurant-Club mit Tischen, auf denen die Absätze von Stöckelschuhen tiefe Kerben hinterlassen haben.
Gunschmann hat viel gelernt und sich bis heute eine wichtige Türsteherregel bewahrt: Wissen, wann man die Schnauze hält und trotzdem auf jeden Spruch die passende Antwort parat zu haben.
Geblieben ist der Bandscheibenschaden, den er sich zuzog, als er mit dem Kopf in dem kleinen Fenster der Tür stecken blieb. "Mick Fleetwood stand vor der Tür und hat sich kaputt gelacht über meine Verrenkungen."
Geblieben ist auch Nicola, die er an Silvester 1992 abwies, weil es im P1 brechend voll war. Sie kam in der Nacht wieder. "Sie war so hübsch!" Er sprach sie an, zwei Wochen später zogen sie zusammen, heirateten, bekamen einen Sohn und leben heute in Bogenhausen, nicht weit vom P1 entfernt.

