30.07.2012
Außenseiter bei Olympia
Verlierer zum Verlieben
Von Jens WitteHamburg - In den Ergebnislisten tauchten sie erst ganz am Ende auf, in den Herzen vieler Fans belegen sie hingegen immer noch einen Spitzenplatz. Die Rede ist von Michael Edwards, britischer Skispringer, genannt Eddie the Eagle (Adler), und von Eric Moussambani, äquatorialguinesischer Freistilschwimmer, genannt Eric the Eel (Aal). Beide waren so schlecht, dass sie Kultstatus erlangten.
Edwards, weil er bei den Winterspielen 1988 mit Brillengläsern so dick wie der Boden einer Sprudelwasserflasche und kurzen, hektisch rudernden Armen von der Olympia-Schanze in Calgary hüpfte. Der andere, Moussambani, weil er bei den Sommerspielen 2000 fast ertrunken wäre, beim Versuch im Aquatic Centre von Sydney 100 Meter Freistil zu schwimmen.
Ihre Kontrahenten waren deutlich besser, die meisten sind aber längst in Vergessenheit geraten. Edwards und Moussambani nicht - weil sich mit ihnen der olympische Geist unter dem Motto "Dabei sein ist alles" so wunderbar erzählen lässt. Auch in London sind wieder Athleten am Start, für die allein die Teilnahme an den Spielen ein enormer Erfolg ist.
Hamadou Djibo Issaka zum Beispiel, ein 35 Jahre alter Sportler aus dem Niger, der erst seit drei Monaten rudert, in London aber trotzdem im Einer am Start war. Seine Kontrahenten hatten im Hoffnungslauf am Wochenende längst das Ziel erreicht, da quälte er sich auf dem Dorney Lake in Eton noch in Richtung Ziel. Zuschauer und Stadionsprecher ("Du schaffst das!") peitschten ihn über die Regattastrecke. Issaka schaffte es, in 8:39,66 Minuten, rund 100 Sekunden langsamer als der Sieger.
"Es lief ganz gut", sagte er, "ich habe das Ziel erreicht." Schließlich sei er ja eigentlich Schwimmer. Jetzt will in seiner afrikanischen Heimat ein Ruderteam aufbauen: "Wir werden damit beginnen, wenn ich zurück bin. Wir müssen nur noch warten, bis wir eigene Boote haben."
SPIEGEL ONLINE stellt weitere Underdogs vor: eine Schwimmerin aus Lesotho, einen Sprinter von den Marshallinseln, eine Leichtathletin aus Saudi-Arabien und einen japanischen Dressurreiter, der zwar längst das Rentenalter erreicht hat, sich in London aber dennoch mit der Jugend der Welt misst.
Masempe Theko (Lesotho, Schwimmen, 50 Meter Freistil)
Schwimmerin Masempe Theko: 49,75 Sekunden für 50 Meter Freistil
Aus der Datenbank des Weltschwimmverbands Fina geht hervor, dass Theko 2011 an den Weltmeisterschaften in Shanghai teilgenommen hat. 49,75 Sekunden über 50 Meter Freistil bedeuteten den letzten Platz - mehr als fünf Sekunden hinter der Vorletzten, der damals zwölf Jahre alten Rebecca Kpossi aus Togo.
Für ihren Olympia-Traum am kommenden Freitag hat Theko zuletzt im walisischen Wrexham trainiert. Der Coach des örtlichen Schwimmclubs zeigte sich begeistert: "Unsere Schwimmer haben davon profitiert, mit einer Olympiateilnehmerin zu trainieren. Für viele wird das eine einmalige Erfahrung bleiben." Die Mitglieder des Clubs haben sich jedenfalls vorgenommen, die Schwimmerin aus Lesotho bei ihrem Wettkampf kräftig anzufeuern.
Timi Garstang (Marshallinseln, Leichtathletik, 100 Meter)
Sprinter Timi Garstang (r.): 12,5 Sekunden für 100 Meter
Garstangs Bestzeit liegt bei 12,5 Sekunden. Damit ist er fast drei Sekunden langsamer als Usain Bolt bei dessen Weltrekord, und selbst zur Olympianorm fehlen ihm mehr als zwei Sekunden. Teilnehmen darf er trotzdem, dank einer der Wildcards, die das Internationale Olympische Komitee (IOC) den kleinen Nationen zur Verfügung stellt. So können die Marshallinseln, die 2008 in Peking erstmals an Olympischen Spielen teilnahmen, insgesamt vier Athleten nach London schicken.
Die Trainingsbedingungen in dem Staat im Westpazifik sind katastrophal. Garstang muss auf einer Wiese in der Hauptstadt Majuro trainieren, die eher an eine Kuhweide erinnert als an eine Laufbahn. "Wenn du läufst, musst du ständig aufpassen, dass du dich nicht verletzt, weil du in ein Loch, zerbrochene Flaschen oder Exkremente von Tieren trittst", sagt er. "So kann man nicht mit Höchstgeschwindigkeit trainieren."
Um ihm eine gute Vorbereitung auf die Spiele zu bieten, finanzierte das IOC Garstang ein zweimonatiges Trainingslager in Australien. Dabei nahm er auch an den Ozeanien-Meisterschaften teil, war mit 12,56 Sekunden jedoch der langsamste Teilnehmer. "Es war trotzdem ein tolles Erlebnis, wir wurden wie Stars behandelt", sagt Garstang. "Jetzt will ich in London meine Bestzeit knacken."
Sarah Attar (Saudi-Arabien, Leichtathletik, 800 Meter)
Leichtathletin Sarah Attar: 2:40 Minuten für 800 Meter
"Es ist eine große Ehre, und ich hoffe, dass es den Frauen in Saudi-Arabien wirklich weiterhilft, mehr in den Sport involviert zu sein", sagt Attar. Denn was für Sportlerinnen aus anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, gleicht für Frauen aus dem islamischen Königreich einer Revolution. In ihrer Heimat dürfen sie weder Auto fahren noch in der Öffentlichkeit Sport treiben. Aber: Sie dürfen jetzt zu Olympia.
Attar ist in den USA aufgewachsen, studiert Kunst an der Pepperdine University, gehört dort zum Leichtathletik-Team - und tritt in ärmellosen Hemden und kurzen Hosen an. Für ihren Olympia-Traum wird sie in London lange Ärmel und Hosen sowie ein Kopftuch tragen müssen, um die Auflagen der sittenstrengen Saudi-Araber zu erfüllen.
Ihre Bestzeit steht bei 2:40 Minuten, für eine Medaille müsste sie wohl die Zwei-Minuten-Grenze unterbieten. Attar hat andere Ziele: "Ich hoffe, dass ich für die Frauen ein paar große Schritte gehe, damit sie mehr Sport treiben können."
Hiroshi Hoketsu (Japan, Reiten, Dressur)
Reiter Hiroshi Hoketsu: Mit 71 Jahren bei Olympischen Spielen
Hoketsu wird es nicht mal in die Nähe der Medaillenränge schaffen. Doch allein die Qualifikation für die Olympischen Spiele ist für ihn ein großer Erfolg, "um es prunkvoll auszudrücken: ein Wunder", so Hoketsu. Schon bei Olympia 1964 in Tokio ging er an den Start, als Mitglied der japanischen Springreiter-Equipe. Mit 42 Jahren sattelte er auf Dressur um - weil seine Augen nachließen und er die Distanzen zum nächsten Hindernis nicht mehr richtig abschätzen konnte.
Hoketsu arbeitete als Manager eines Pharmakonzerns. Erst als er 2003 in Rente ging, kam seine Sportkarriere noch einmal richtig in Schwung. Der Japaner wanderte nach Aachen aus, wird seitdem vom Niederländer Ton de Ridder trainiert. Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking reichte es immerhin zu Platz 35 unter 46 Teilnehmern. In Japan wir Hoketsu die "Hoffnung der alten Männer" genannt.
Mit Material von AFP und AP
