07.08.2012
Olympia-Dorf
Athleten aus Kamerun verschwunden
Athleten aus Kamerun beim Einzug ins Olympia-Stadion: Sieben Sportler fehlen
London/Yaoundé - Plötzlich waren sie einfach weg: Sieben Sportler aus Kamerun haben sich bei den Olympischen Spielen in London abgesetzt. Das bestätigt das Sportministerium Kameruns. "Was zuerst ein Gerücht war, hat sich als wahr herausgestellt. Sieben Kameruner Teilnehmer der Olympischen Spiele in London 2012 sind aus dem Olympischen Dorf verschwunden", teilte Kameruns Delegationsleiter David Ojong in einer Nachricht an das Ministerium mit.
Die fünf afrikanischen Boxer, ein Schwimmer und eine Fußball-Torhüterin hatten in den vergangenen Tagen das Team unbemerkt verlassen, berichtete Ojong weiter. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) zeigte sich überrascht. "Wir wissen davon nichts", sagte Sprecher Mark Adams. Auch bei Scotland Yard gab es bis zum Abend keine Vermisstenmeldungen.
Als Erste hatte sich laut Ojong eine Torhüterin der Fußballmannschaft, Drusille Ngako, aus dem Staub gemacht. In der Vorbereitung auf das olympische Turnier hatte sie es nicht in den endgültigen 18-köpfigen Kader geschafft. Als ihre Mannschaftskolleginnen zum letzten Vorbereitungsspiel gegen Neuseeland nach Coventry aufbrachen, sei Ngako verschwunden. Ihr Team schied anschließend bereits in der Vorrunde aus.
Als Zweiter verschwand Ojong zufolge einige Tage später Schwimmer Paul Ekane Edingue, der mitsamt seinem Gepäck nicht mehr auffindbar war. Schließlich verabschiedeten sich am Sonntag auch noch fünf Boxer aus dem olympischen Dorf. Thomas Essomba, Christian Donfack Adjoufack, Abdon Mewoli, Blaise Yepmou Mendouo und Serge Ambomo waren zuvor nach verlorenen Kämpfen aus dem Rennen um die Medaillen ausgeschieden.
Fluchten bei sportlichen Großveranstaltungen haben Tradition
Es wird vermutet, dass die Sportler aus wirtschaftlichen Gründen in Europa bleiben wollen. Kamerun gehört mit einem jährlichem Bruttoinlandsprodukt von etwa tausend Dollar pro Einwohner zu den ärmsten Ländern der Welt.
Das für Immigration zuständige britische Innenministerium konnte bis Dienstagabend keine Angaben dazu machen, ob die Sportler bereits Asylanträge eingereicht haben. Ojong zufolge haben alle sieben Athleten Visa, die ihnen erlauben, bis mindestens November in Großbritannien zu bleiben.
Immer wieder nutzen Menschen aus wirtschaftlich sehr schwachen Ländern die Gelegenheit, sich bei sportlichen Großereignissen in das Gastgeberland abzusetzen. Bereits im Juni war etwa der 15-jährige Äthiopier Natnael Yemane aus seinem Hotel in Nottingham verschwunden. Er war im Rahmen eines Jugendprogramms als Fackelträger ausgewählt worden. Die Polizei fand den Teenager jedoch 24 Stunden nach der Vermisstenmeldung wieder.
Oft vermischen sich auch politische und wirtschaftliche Gründe: Kuba etwa leidet seit Jahren am Schwund seiner traditionell zu den Weltbesten gehörenden Boxer. Sie setzen sich in den Westen ab, um als Profis kämpfen und damit gutes Geld verdienen zu können - und weil sie politische Freiheit suchen.
Auch Deutschland kennt spektakuläre Sportler-Fluchten. So setzten sich mehr als 600 Athleten aus der DDR meist nach Westdeutschland ab, etwa die Fußballer Falko Götz und Dirk Schlegel, die sich im November 1983 vor einem Europapokal-Match in Belgrad in die bundesdeutsche Botschaft flüchteten. Ein berühmtes Beispiel ist auch der Radsportler Jürgen Kissner, der 1964 nach einem Ausscheidungsrennen für Olympia in Köln flüchtete. Der Sportler verschwand über den Aufzug aus dem Teamhotel direkt am Dom.
fdi/fhu/dpa/Reuters