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29.11.2012
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Von Hamburg nach Wuhan und zurück

Die fünf Kostbarkeiten eines Selbstversuchs

Von Simone Utler
Simone Utler

Drei Wochen, zwei Länder und jede Menge Erfahrungen: Eine Journalistin aus Deutschland und ein Kollege aus China haben sich gemeinsam auf Recherchereise begeben und dabei viel über Land, Leute und Leben des anderen gelernt - und auch über die eigene Heimat.

29. November, Hamburg

Interviews und Stadtrundgänge, Tempel und Kirchen, Straßenstände und Luxusshops, U-Bahn und E-Luxuskarosse, Treffen mit Fremden und Feiern mit Freunden, ein Fußballspiel, zwei Radtouren und eine Mauerbesteigung. Die Deutschland-China-Tournee, die Dong Bo und ich in den vergangenen drei Wochen absolviert haben, war reich an Erlebnissen und Eindrücken. Es ging von München über Rheinhessen, das Rheinland, das Ruhrgebiet und Hamburg nach Peking und Wuhan. Gereist wurde per Flugzeug, Auto, Bus, Bahn, Fähre und Fahrrad.

Nun bin ich zurück in Hamburg und muss Gehörtes, Gesehenes, Gefühltes und Geschmecktes verarbeiten. Das wird sicher eine Weile dauern, manches lässt sich vielleicht nie völlig durchdringen. China stellt eine besondere Herausforderung dar und ist mir aufgrund von Sprachbarrieren, politischen Gegebenheiten, kulturellen Unterschieden und gesellschaftlichen Strukturen, aber sicherlich auch wegen der extrem kurzen Aufenthaltsdauer, doch sehr fremd geblieben.

Trotzdem soll es ein kleines Fazit des Selbstexperiments Duisburg-Wuhan geben. Die dargestellten Erkenntnisse erheben weder Anspruch auf Vollständigkeit noch auf Allgemeingültigkeit, sondern sind eine ganz persönliche Bilanz.

Die Kraft der Ruhe

Unser Großraumbüro hat für mich gerade Ähnlichkeit mit einer Wellness-Oase. Es ist regelrecht luftig und optisch erholsam, außer der roten Taste an meinem Telefon, die mir zeigt, dass ich meine Mailbox abhören muss, blinkt hier nichts. Selbst die hellweiß strahlenden Schreibtischlampen haben in meinen Augen gerade einen unschätzbaren Wert: Ich kann sie manuell steuern, sogar ausschalten. Und erst die Akustik hier: Keiner der Kollegen benutzt einen elektronischen Verstärker, um sich Gehör zu verschaffen. Niemand daddelt lautstark auf einem Smartphone herum. Ich höre nur das leichte Klackern der Tastaturen, Telefonate und gelegentlich ein Husten, Schnäuzen oder Niesen. Und ein Lachen. Ach, wie schön.

Auch die Wirkung der Alster hat durch meine Reise gewonnen. All die Jogger, Hunde, Kinderwagen und Komfortradfahrer, die ich heute auf dem Weg ins Büro mit dem Rad umschiffen musste und die mir sonst gerne mal Wutrufe entlocken, erscheinen mir nun wie die letzten Exemplare einer aussterbenden Spezies.

Die Kunst der Gesprächsführung

Die Organisation von Interviews gestaltete sich etwas schwierig. Ob es tatsächlich an Terminengpässen der Gesprächspartner hakte oder an der Vermittlung von Gesprächen, vermag ich nicht zu sagen. Umso mehr freute ich mich aber, als wir in Wuhan einen Experten für Architektur, Stadtentwicklung und Feng-Shui treffen konnten. Weil auch er viele Termine hat, wurde das Gespräch für 21 Uhr angesetzt. Ungewöhnliche Zeit, dachte ich.

Wir treffen uns in einem schicken Fischrestaurant, in einem Séparée, wie man es für wichtige Gespräche in China wohl gern nutzt. Unser Gesprächspartner kommt jedoch nicht allein, im Schlepptau hat er einen Kollegen, einen Feng-Shui-Meister, der gerade aus den Wudang-Bergen zu Besuch ist, einen weiteren Feng-Shui-Experten, sowie einen Freund, der nicht näher eingeführt wird. Kann ja sehr interessant werden, denke ich.

Nach einer ausführlichen Bestellrunde reden wir zunächst über dies und das, teils auf Englisch, meist auf Chinesisch, was mich von Dong Bos Übersetzung abhängig macht. Zunehmend entspinnt sich ein Gespräch, von dem ich lediglich mitbekomme, dass die beiden Feng-Shui-Experten meist unterschiedliche Ansichten vertreten - und das wild gestikulierend und schnaubend betonen. Ich zupfe Dong Bo am Arm, bitte ihn um eine Übersetzung, in der Hoffnung, Informationen für meine Recherche zu erhalten.

"Pst. Das ist spannend", winkt Bo ab, "erzähl ich dir alles später."

Später komme ich immerhin dazu, ein paar meiner Fragen loszuwerden. Doch eben nur ein paar, denn dann müssen die Gäste gehen.

Auch unser Gespräch am nächsten Tag erfordert Geduld von mir: Der Interviewpartner kommt aufgrund von Terminen etwa eine Stunde zu spät und fängt dann mit Grundlagenwissen und den Informationen über sein Herzensprojekt an. Da er nur 25 Minuten Zeit hat, nehme ich auch hier etliche Fragen wieder unbeantwortet mit nach Hause.

Ich wende mich mit meiner Unzufriedenheit vertrauensvoll an Dong Bo und frage, ob wir in den nächsten Gesprächen nicht schneller zum Kern kommen könnten. Bo zieht die Augenbrauen hoch, er habe sehr wohl zur Kenntnis genommen, dass ich immer mit meinen Fragen vorgeprescht sei. "Und das empfinden viele Chinesen als sehr unhöflich."

Die Sache mit den Gucci-Tüten

Einkaufstechnisch war ich für Dong Bo eine Enttäuschung. Schon an seinem Shopping-Tag in Hamburg machte ich für seinen Geschmack extrem früh schlapp. Während er sich bei Karstadt durch Schuhe, Mützen, Schals, Wäsche und Jacken probierte, hing ich ermattet auf den diversen Hockern in den diversen Abteilungen und hütete seine stetig wachsende Tütensammlung. An diesem Nachmittag konnte ich auf einen Schlag all jene Männer verstehen, die sich lieber ein Leberkäsebrötchen beim Metzger nebenan holen als mir bei der Wahl zwischen schwarzen und braunen Stiefeln zu helfen.

In Peking wurde mir dann klar, dass Bo anderes gewohnt ist. Zusammen mit seiner Freundin zieht er ganze Nachmittage und Abende durch Shopping-Tempel. Prada, Gucci oder Louis Vuitton - in Peking, aber auch in Wuhan, finden sich unzählige Geschäfte für Designer-Klamotten, Schmuck, Uhren und andere Accessoires, meist sind sie gut besucht. Das sehe ich durch die Schaufernster und anhand der zahlreichen Tüten, die von Menschen über die Straßen getragen werden. Genaugenommen oft von einem Mann - für die neben ihm laufende Frau.

Und da wären wir beim eigentlichen Thema: Was Männer in China so alles für Frauen machen. Aus verschiedenen Quellen wurde mir zugetragen, dass Frauen in gewissen Schichten, vor allem in Städten wir Peking und Shanghai, ein durchaus bequemes und luxuriöses Leben führen können - auf Kosten eines Mannes. Ein-Kind-Politik und Abtreibungen von Mädchen haben zu einem Frauenmangel geführt, Junggesellen müssen sich ins Zeug legen. Der eine kauft eine Eigentumswohnung, der andere wirbt auf einer riesigen Plakattafel um die Damenwelt, und der nächste lässt seine Kreditkarte glühen.

Als ich Dong Bo bei seiner Einkaufstour in Hamburg frage, wie viele Geschenke er seiner Freundin noch mitbringen möchte, ernte ich einen missbilligenden Blick: "Sie ist mir einfach sehr wichtig. Und das möchte ich ihr zeigen."

Der Wert des Radfahrens

Schon in Hamburg hat sich Dong Bo mit Treppen schwer getan. Dass es zu meiner Wohnung im dritten Stock eines Altbaus keinen Aufzug gibt und wir - auch noch samt Gepäck - die Stufen hochsteigen müssen, überstieg seine Vorstellungskraft, zumindest anfänglich. Entweder gewöhnte er sich daran oder war einfach höflich - jedenfalls wurde später nicht mehr gejammert.

Anders an der chinesischen Mauer: "Ich fühle mich wie 40." Dong Bo steht auf der Chinesischen Mauer und schnauft. Ich, 38 und trotzdem noch nicht ganz so außer Atem wie mein 27 Jahre alter Kollege, überlege kurz, ob ich etwas sage, hebe mir die Puste aber für die nächsten Stufen auf. Bo schnauft noch ein bisschen, streichelt seine angeblich schon zwackenden Oberschenkel und blickt mit besorgter Miene über seinen Mundschutz hinweg die weiteren Stufen hinauf. Wir sind erst an Turm sieben, angefangen haben wir bei der Nummer fünf. Mindestens vier weitere sehe ich noch auf dem Weg zum Bergkamm. Den nächsten macht Bo noch mit, dann streikt er. Ich lasse mich jedoch nicht von meinem ursprünglichen Plan abbringen und gehe weiter - insgesamt sechs Türme erklimme ich noch.

Die nächsten Tage sind wir dann allerdings in unseren Bewegungen etwas eingeschränkt: Bo klagt über Muskelkater in den Oberschenkeln. In diesem Zustand müssen wir dann auch noch in Wuhan einem Bus hinterherlaufen, der an der Haltestelle zu weit vorne gehalten hat. Völlig außer Atem werfen sich Bo und unsere Kollegin Zhangling neben mich.

"Hast du eine gute Kondition", pustet Zhangling, und ich frage mich in Gedanken, ob die beiden nicht an all den sportlichen Aktivitäten teilnehmen, die ich den Chinesen zuvor zugeschrieben habe. Tai Chi oder Kung Fu? Schwimmen oder die überall in den Straßen befindlichen Geräte nutzen? Sie machen Yoga, sagen sie, das mache ich auch. Aber Dong Bo setzt meine Beinkraft mit einer anderen Aktivität in Beziehung: "Das ist das Radfahren." Na, wenn's mich die Mauer hochbringt. Bitte.

Das Ansehen eines teuren Autos

Mercedes-Benz, BMW und Audi, Hummer, Lamborghini und Maserati - die Ringstraßen von Peking sind voller dicker Autos. Erstaunlich neu, auffallend gut poliert, extrem selten von Beulen entstellt. "Ein Auto ist ein Statussymbol", erklärt mir Dong Bos Freund, der uns in seinem neuen Volvo mit weißen Ledersitzen, Holzlenkrad und allerlei technischem Schnickschnack zu einem Ausflug fährt. Damit bestätigt er meinen Eindruck der ersten Tage. Dicke Autos verhelfen in Peking offenbar zu Ansehen, besonders deutsche Marken sind beliebt. Meiner optischen Mini-Empirie zufolge scheint jeder zweite Wagen seinen Ursprung in Stuttgart, München oder Ingolstadt zu haben. "Vielleicht sollte ich mir besser einen BMW holen", unterbricht der Volvo-Fahrer meine Gedanken. Dabei wurde sein jetziger Wagen erst 2012 zugelassen und hat noch nicht einmal 800 Kilometer runter.

Für Hochzeiten wird noch einmal besonders aufgetrumpft. Das erklärt mir Bo, als wir in Wuhan eine hupende Kolonne von weißen BMWs mit rosafarbenen Schleifen sehen. "Daran siehst du, dass es hier anders ist als in Peking", erklärt mir mein Begleiter. Hier fahren die zur Hochzeit nur BMW. In Peking würde man sich für den Tag besondere Autos leihen." Da könnte ich mit meinem verdellten Kleinstwagen ja gleich einpacken.

Forum

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insgesamt 70 Beiträge
1.
acitapple 06.11.2012
"ich liebe deutschland"... darf man das wieder sagen ? oder nur wenn man selbst kein deutscher ist ?
Zitat von sysopSimone UtlerDrei Wochen, zwei Nationen, eine Unmenge Erfahrungen: Dong Bo ist zum ersten Mal in Deutschland. Der Koffer ist noch nicht ausgepackt, schon fühlt er sich wie Zuhause. Das liegt an den Menschen, denen er begegnet, an der Musik. Und an viel Fleisch. Austausch zwischen China und Deutschland: Von Wuhan nach München - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/austausch-zwischen-china-und-deutschland-a-865578.html)
"ich liebe deutschland"... darf man das wieder sagen ? oder nur wenn man selbst kein deutscher ist ?
2. .
frubi 06.11.2012
Ach herjeh. Geht das wieder los. Nein, dürfen Sie nicht. Wenn Sie "Ich liebe Deutschland" als arisch reiner Deutscher sagen, fallen Steine vom Himmel und der Boden unter ihnen wird zu einem Lavainferno.
Zitat von acitapple"ich liebe deutschland"... darf man das wieder sagen ? oder nur wenn man selbst kein deutscher ist ?
Ach herjeh. Geht das wieder los. Nein, dürfen Sie nicht. Wenn Sie "Ich liebe Deutschland" als arisch reiner Deutscher sagen, fallen Steine vom Himmel und der Boden unter ihnen wird zu einem Lavainferno.
3. Ufff !!
Thomas-Melber-Stuttgart 06.11.2012
Ich dachte, Deutschland sei so fremdenfeindlich. Wohl doch nicht.
Zitat von sysopSimone UtlerDrei Wochen, zwei Nationen, eine Unmenge Erfahrungen: Dong Bo ist zum ersten Mal in Deutschland. Der Koffer ist noch nicht ausgepackt, schon fühlt er sich wie Zuhause. Das liegt an den Menschen, denen er begegnet, an der Musik. Und an viel Fleisch. Austausch zwischen China und Deutschland: Von Wuhan nach München - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/austausch-zwischen-china-und-deutschland-a-865578.html)
Ich dachte, Deutschland sei so fremdenfeindlich. Wohl doch nicht.
4.
obikenwanobi 06.11.2012
Natürlich darf man das sagen - solange kein "ich bin stolz, Deutscher zu sein" hinterher kommt...
Zitat von acitapple"ich liebe deutschland"... darf man das wieder sagen ? oder nur wenn man selbst kein deutscher ist ?
Natürlich darf man das sagen - solange kein "ich bin stolz, Deutscher zu sein" hinterher kommt...
5. Nettes Land
ogniflow 06.11.2012
Alle meine Gäste aus dem Ausland haben sich in Deutschland pudelwohl gefühlt, besonders das Essen wurde sehr gelobt. Ich war eigentlich gegenüber Deutschland immer relativ reserviert, erst seit ich längere Zeit im Ausland [...]
Alle meine Gäste aus dem Ausland haben sich in Deutschland pudelwohl gefühlt, besonders das Essen wurde sehr gelobt. Ich war eigentlich gegenüber Deutschland immer relativ reserviert, erst seit ich längere Zeit im Ausland gelebt habe begreife ich, dieses Land ist wahrlich nicht so übel.

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    Wieviele verschiedene Fleischsorten kann ein Mensch an einem Tag in Bayern essen? Wie authenthisch ist ein Asia-Laden in Hamburg? Was kann die Industriestadt Wuhan vom Ruhrgebiet lernen? SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin Simone Utler und "Global Times"-Journalist Dong Bo reisen gemeinsam durch Deutschland und China. Drei Wochen lang recherchieren sie gemeinsam - und lernen ständig Neues über die Heimat ihres Tandem-Partners.

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