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21.11.2012
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Comeback der Steppjacke

Zieht euch warm an, Hipster

Von Daniel Haas
Corbis

Frau mit Steppjacke: Vereinnahmung durch den Hipster

Hat der Hipster nicht schon genug kaputtgemacht? Er hat dem Fernfahrer die Basecap entwendet und dem Buchhalter die Kastenbrille. Jetzt schnappt er sich die Steppjacke - und ein elitäres Abgrenzungsmittel ist plötzlich nur noch Allerweltmode. Nun reicht's aber!

Die Steppjacke ist wieder da. Richtig weg war sie nie, Typen wie ich haben sie getragen, Leute, die im Berliner Prenzlauer Berg ein Zeichen setzen wollten. Slacker, Hipster, Neopunks? Nicht mit mir, Freunde! Ich trage alles, was nach Upperclass, Yale-Abschluss und Ferien in den Hamptons aussieht. Ich habe so viele Karo-Hemden im Schrank, dass ich beim Anziehen morgens epileptische Anfälle kriege. Die Krokodilshaut an den Fingern? Kommt vom Button-down zuknöpfen. Budapester? Klar hab ich welche, und zwar als Hausschuhe. Alles andere wäre Laisser-faire.

Die Steppjacke gehörte für mich zum Basisoutfit. Am besten das Modell "Liddesdale" von Barbour, in schönem Marineblau. Wenn alle wirken, als hätte man sie gerade aus dem Second-Hand-Shop gezerrt, musst du aussehen wie ein Konfirmand auf dem Weg zur Kirche. Passend zum Cordkragen kann man eine gleichfarbige Hose anziehen. Der Effekt ist ungefähr der, den man erzielt, wenn man ein Rilke-Gedicht aufsagt und im Hintergrund läuft Musik von Mozart.

Der Hipster hat nun alles kaputtgemacht. Der Hipster kolonialisierte Moden bislang nur nach unten. Er hat dem Trucker stilistisch die Basecap entwendet, dem Buchhalter die Kastenbrille und allen Leuten, die nicht wissen, wie man eine Waschmaschine richtig bedient, das T-Shirt mit ausgeleiertem Kragen. Wenn du heute ein ehrlicher Fernfahrer bist und stolz eine dieser bescheuerten Kappen trägst, die so hoch sind, dass man auf ihnen Werbung schalten könnte, dann siehst du aus wie ein Hipster. Pass auf, sonst wirst du schneller zu einer Vernissage eingeladen, als du "Noch'n Astra, bidde" sagen kannst.

Hipster mögen auch sogenannte Skinnyjeans: spindeldürre Hosenbeine, und oben wird es unförmig breit, als sei man ein Junkie, der eine Windel trägt. In meiner Terminologie sind das Einkackhosen. Wenn du also ein ehrlicher Junkie bist und deine entzugsbedingte Inkontinenz in den Griff kriegen musst, dann ... Sie verstehen, worauf ich hinaus will.

Trägt der Hipster also Steppjacke in grässlichen Farben, in Orange und in Rot, ein Rot in Anführungszeichen, ein Poser- und Angeberrot. Es gibt die Steppjacke überall, in den Szenevierteln von Frankfurt und Stuttgart, in Schwabing, in Hamburg und eben auch in Berlin. Bei H&M werden sie gekauft in einem total fancy Gelbton - fancy ist ein widerliches Hipsterwort - und dazu eine Skinnyjeans und vielleicht eine jener debilen Wollmützen, die Männer mittlerweile sogar drinnen tragen. Vermutlich ist denen die Fontanelle noch nicht zugewachsen, und sie haben Angst, dass ihnen ihre Ich-hab-eine-echt-fancy-App-am-Start-Ideen aus der Birne purzeln.

Wachs willst du denn?

Jetzt wird es schwierig mit der Abgrenzung, früher war das in Berlin ja vergleichsweise einfach. Man putzte sich morgens die Zähne und war schon overdressed. Wenn die Steppjacke vom Hipster vereinnahmt wird, bleibt nur noch die Wachsjacke, ein "Ashridge Jacket" in Jägergrün oder in diesem leicht kotigen Braun, bei dem man sich mit Dung besprühen lassen kann, ohne dass es dem Look abträglich ist.

Aber, machen wir uns nichts vor, die Wachsjacke ist haptisch eine Herausforderung: als hätte sich ein Neurodermitis-Kranker mit Massageöl eingerieben und das Ganze anschließend mit Haarspray imprägniert. Distinktionstechnisch ist das natürlich top. Der Wachsjackenträger erklärt: Bleib mir vom Leib, verzieh dich.

Die Steppjacke passt so gesehen weder zum Hipster noch zu mir, dem Snob. Anders als die Wachsjacke besteht sie nicht auf Abstand, sie sagt: Schmieg dich an mich, mach es dir bequem. Von der Machart erinnert sie an Heizdecken, an Kaffeefahrten ältlicher gepflegter Damen, die Bridge spielen und zum Valium einen guten Earl Grey zu schätzen wissen.

Auf Tuchfühlung mit der Utopie

Ich gehe so weit zu sagen: Die Steppjacke ist aus dem Stoff, aus dem soziale Utopien gemacht werden. Sie symbolisiert die Sehnsucht nach Gemeinschaft und die Einladung, sich anzulehnen an den Nächsten (was, wie ich probiert habe, in überfüllten Szenelokalen ein kurzes heimliches Ausruhen an der Schulter des Nebenmanns ermöglicht).

Die Steppjacke kann man gut zu einem Kissen zusammenlegen, auch Hunde lassen sich darin wärmen, es muss ja nicht gleich ein Weimaraner sein. Letztlich ist die Steppjacke ein integratives und sogar ideologiekritisches Stück Mode. Mit ihrer Schraffur erinnert sie an Gummizellen. In Zeiten, da der Bürger an den Verhältnissen irre zu werden droht (Finanzkrise, Internet, Lanz), ist das die treffende Ästhetik. Das aufgeklärte Subjekt weiß um den Wahnsinn der Lage und verwahrt sich selbst in sicherer Wattierung. Kafka hätten Wachsjacken gefallen.

Genau besehen gibt es sowieso nur zwei Lager: Die Steppjacken- und die Wachsjackenträger. Als Thatcher sagte, "there is no such thing as society" - so was wie einen Staat, der reguliert, aufpasst und hilft, den gibt es nicht -, da hat sie sicher eine Wachsjacke getragen.

In der aktuellen Politik gilt: für Obama Stepp-, für Romney Wachsjacke. Die Logik lässt sich auch auf Kulturträger anwenden. Tommy Jaud, Lena, Beckmann: Stepp. Botho Strauß, Harald Schmidt, Bushido: Wachs.

Um dem Hipster zu entgehen, ziehe ich übrigens weg aus Mitte, weiter nach Neukölln. Dort trägt man ärmellos und kugelsicher von Kevlar.

Forum

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insgesamt 103 Beiträge
1. Vorschlang
oscho 21.11.2012
Hallo Herr Haas, falls Sie ein "elitäres Abgrenzungsmittel" brauchen, schreiben Sie doch ein mal Buch. Über urbanes Singleleben z.B.
Hallo Herr Haas, falls Sie ein "elitäres Abgrenzungsmittel" brauchen, schreiben Sie doch ein mal Buch. Über urbanes Singleleben z.B.
2. optional
HWGerlacher 21.11.2012
Daumen hoch, mehr davon.
Daumen hoch, mehr davon.
3. optional
misscecily 21.11.2012
Was ist denn das für ein peinlicher Möchtegern-Artikel? 30 Jahre später aus dem Sloane Ranger Handbook abgeschrieben? Bitte dringend mit so was aufhören, danke!
Was ist denn das für ein peinlicher Möchtegern-Artikel? 30 Jahre später aus dem Sloane Ranger Handbook abgeschrieben? Bitte dringend mit so was aufhören, danke!
4. Danke
Läsah 21.11.2012
Herr Haas - das wird für lange Zeit mein Lieblingsbeitrag sein! Und gleich an alle notorischen Nörgler und Mäkler: Dann lacht doch über etwas anderes !
Herr Haas - das wird für lange Zeit mein Lieblingsbeitrag sein! Und gleich an alle notorischen Nörgler und Mäkler: Dann lacht doch über etwas anderes !
5. Köstlich.
Hr. Toland 21.11.2012
Bitte mehr davon. :-)
Bitte mehr davon. :-)

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