Lade Daten...
02.12.2012
Schrift:
-
+

Tunneleinsturz in Japan

"Ich hörte Hilferufe, aber das Feuer war zu stark"

AP/Kyodo News

Erst fielen Betonplatten von der Decke, dann brach ein Feuer aus: In Japan ist ein Straßentunnel teilweise eingestürzt, mehrere Menschen kamen ums Leben. Augenzeugen berichten von dramatischen Szenen.

Tokio - Er gehört zu den Überlebenden des Unglücks. Fast eine Stunde sei er durch die Dunkelheit gelaufen, dann erst habe er den Ausgang gefunden. "Als ich im Tunnel gefahren bin, fielen Betonstücke von der Decke", erzählt der Mittdreißiger dem japanischen Sender NHK. Er habe gesehen, wie ein Auto Feuer fing. "Ich hatte Angst", sagt er. Deswegen verließ er das Auto und lief zu Fuß Richtung Ausgang.

Bei dem schwersten Tunneleinsturz in Japan seit 1996 sind nach Polizeiangaben neun Menschen gestorben. Es seien weitere Leichen geborgen worden, berichteten am Montag übereinstimmend die Nachrichtenagenturen Jiji Press und Kyodo unter Berufung auf Polizeiangaben. Zuvor war die Zahl der Opfer unklar gewesen - Medien hatten von mehreren Vermissten berichtet.

Der 4,7 Kilometer lange Sasago-Tunnel, rund 80 Kilometer westlich von Tokio, war um 8 Uhr morgens (Ortszeit) teilweise eingestürzt. Mehrere Fahrzeuge wurden eingeschlossen, ein Feuer brach aus, dichter Rauch quoll aus dem Tunnel. Zwischenzeitlich unterbrachen Rettungsteams die Arbeit, zu gefährlich sei die Lage im Tunnel. Drei Stunden später setzten sie ihre Arbeit fort.

Mehr als hundert Meter Tunnel eingestürzt

Der NHK-Reporter Yoshio Goto saß auch im Auto, als das Unglück passierte. Er drückte aufs Gas, fuhr Richtung Ausgang. "Aber ich war ein bisschen zu spät", sagte er, "und Stücke von der Decke fielen auf mein Auto." Er fuhr weiter und schaffte es. "Als ich mich dann umdrehte, sah ich, dass die Hälfte der Decke eingebrochen war." Die Betreibergesellschaft Central Nippon Expressway Co teilte später mit, die Decke sei in V-Form eingestürzt. Insgesamt sollen es mehr als hundert Meter gewesen sein.

Die Bilder einer im Tunnel angebrachten Videokamera zeigen, wie sich Feuerwehrleute durch die herabgestürzten Teile der Tunneldecke kämpften. Offenbar fielen bei dem Unglück rund 150 Betonplatten von der Decke auf die Fahrbahn und stürzten auch auf mehrere Autos. Jede Platte wiegt 1,2 Tonnen.

Der Tunnel ist 35 Jahre alt. Durch ihn verläuft der Chuo Expressway, eine der Hauptverkehrsadern des Landes. Er verbindet Tokio mit dem Westen Japans und führt auch zum berühmten Fuji-Vulkan. Erst im September und Oktober sei die Decke überprüft worden, erklärte der Katastrophenschutz, es habe keine Auffälligkeiten gegeben.

"Ich habe mich gefragt, wann uns das Feuer einholen würde"

Andere Augenzeugen berichteten von Chaos im Tunnel, meldet die Nachrichtenagentur AFP. Autos seien in die verkehrte Richtung gefahren. "Ich konnte Hilferufe hören, aber das Feuer war zu stark", sagte eine Frau.

Ein Mann erzählt der Nachrichtenagentur Jiji Press von einer jungen Frau, die sich aus einem brennenden Wagen befreit hat. Sie habe unaufhörlich gezittert, sie habe keine Schuhe angehabt, ihre Kleidung sei zerrissen gewesen. Sie habe gesagt: "Alle meine Freunde und mein Freund… Bitte hilf ihnen." Die Flammen aber, sagte der Mann, seien zu stark gewesen.

Er flüchtete mit seiner Frau und seinen beiden Kindern vor dem Feuer. "Ich hatte Angst, weil ich den Ausgang nicht sehen konnte", sagte er. "Ich habe mich gefragt, wann das Feuer sich ausbreiten und uns einholen würde." Auch sie hätten eine Stunde gebraucht, bis sie draußen angekamen. Das Unglück hatte sich 1,7 Kilometer vom Tunneleingang entfernt ereignet, das erschwerte die Rettungsarbeit zusätzlich.

Der Tunneleinsturz ist ein Schlag für Japan als High-Tech-Nation. Das Land rühmt sich seiner soliden Infrastruktur, qualifizierten Arbeitskräfte und strengen Regulierungen und ist auch bestrebt, große Infrastrukturprojekte zu exportieren. Zugleich werden aber Politiker kritisiert, fragwürdige Vorhaben in Auftrag zu geben, die nur den örtlichen Baufirmen nützten.

Der Präsident der Tunnelgesellschaft, Takekazu Kaneko, entschuldigte sich bei einer Pressekonferenz am Firmensitz in Nagoya für den Unfall. "Es tut mir sehr leid, so einen schweren Unfall verursacht zu haben", sagte er. "Ich setze nun alles daran, die zu retten, die drinnen zurückgeblieben sind."

fln/dpa/dapd/Reuters

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Video

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter RSS
alles zum Thema Japan
RSS
Rubriken

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten