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14.01.2013
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Bischof über geplatzte Missbrauchsstudie

"Massive Enttäuschung der Opfer"

dapd

Bischofskonferenz (Archivbild): "Unschöne Töne"

Wer trägt die Schuld am Scheitern der Studie zur Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche? Im Interview rechtfertigt Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz, den Abbruch des Projekts - und kritisiert den Kriminologen Christian Pfeiffer.

SPIEGEL ONLINE: Herr Ackermann, warum ist die Aufarbeitung des Missbrauchs in der katholischen Kirche gescheitert?

Ackermann: Das ist sie nicht, auch wenn die Kündigung des Vertrags mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen von Herrn Pfeiffer ein Rückschlag ist, keine Frage. Das Projekt war ein wichtiger Baustein der Aufarbeitung, aber nicht der einzige: Kürzlich hat der Psychiater Norbert Leygraf seine Studie über Täter vorgestellt, in wenigen Tagen wird der Abschlussbericht der Telefon-Hotline veröffentlicht, die wir für Opfer eingerichtet hatten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Pfeiffer sollte unter anderem eine umfassende Untersuchung von Personalakten vornehmen. Warum haben Sie ihn rausgeworfen?

Ackermann: Es ist eine Frage des Vertrauens. Es ging um Zugriff auf Akten von Menschen, die noch leben und nicht um ihr Einverständnis gefragt werden - das ist sehr sensibel.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn Sie sehr sensibel sein wollen - müssten Sie es nicht vor allem gegenüber den Opfern sein, die nicht verstehen, warum das Projekt nun einfach aufgegeben wird?

Ackermann: Das Projekt ist nicht aufgegeben worden, sondern der Projektpartner. Ich sehe aber durchaus, dass die Kündigung des Vertrags eine massive Enttäuschung der Opfer darstellt.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihrem Kooperationspartner unterstellen Sie, dass er den Datenschutz unterlaufen wollte? Herr Pfeiffer weist dies zurück.

Ackermann: Er hat aber immer neue Irritationen erzeugt, bis es dann zur Zerrüttung kam.

SPIEGEL ONLINE: Einer der Streitpunkte war, dass die Bischöfe unbedingt ihre Sicht der Dinge in Pfeiffers Abschlussbericht veröffentlicht sehen wollten.

Ackermann: Bei einem Bericht geht es ja nicht nur um Statistiken und Zahlen, sondern auch um eine Deutung: warum etwas passiert ist. Deswegen gab es einen Projektbeirat, der vermerkt haben wollte, wenn er etwas anders sieht. Da ging es nicht um eine Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit, sondern nur um die Darstellung einer abweichenden Meinung, wenn es sie denn gibt.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren unter anderem uneins in der lächerlichen Frage, wie die Anmerkungen der Bischöfe veröffentlicht werden: in normaler Schrift oder im Fettdruck. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, wenn so viele Menschen gelitten haben und auf ein Ergebnis warten.

Ackermann: Nochmals: Wir wollen das Projekt. Jetzt erleben wir, wie das ist, wenn Vertrauen sich auflöst: Man streitet auch über Kleinigkeiten, die in der Öffentlichkeit wie Haarspaltereien wirken müssen.

SPIEGEL ONLINE: Es bleibt der Eindruck: Die Kirche wollte keine Aufklärung, sondern alles unter Kontrolle halten.

Ackermann: Und dieser Eindruck ist falsch. Wir haben die Leygraf-Studie vorgestellt, mit sehr schmerzlichen Ergebnissen für uns, aber nie hat es Ärger gegeben mit dem Autorenteam, allesamt renommierte Wissenschaftler. Die Kündigung des Vertrags hat wirklich viel mit der Person Pfeiffer zu tun. Ihn jetzt als den Einzigen zu sehen, der seriös und unabhängig aufklären kann, halte ich für übertrieben.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich aus freien Stücken entschieden, mit ihm zu kooperieren, und hätten wissen müssen, dass Herr Pfeiffer sich nicht gerne reinreden lässt und ohne Hindernisse forschen möchte.

Ackermann: Wir waren unter einem immensen Druck vor drei Jahren, als die Missbrauchsfälle bekannt wurden. Im Nachhinein kann man kritisch sagen: Wir hätten erst alle Vorklärungen treffen müssen, bevor wir eine Kooperation unterschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Stattdessen schürten Sie den Konflikt: Herr Pfeiffer beklagt sich, dass ihm von Ihrer Seite vorgeworfen worden sei, seine Forschungsergebnisse am liebsten in Boulevardmedien wie der "Gala" zu veröffentlichen. Ist das hilfreich, wenn man zusammenarbeiten will?

Ackermann: Es gibt unschöne Töne, wenn das Vertrauen erst einmal zerrüttet und man auf Sicherheit bedacht ist. Auch Herr Pfeiffer war ja dann auf Sicherheit aus und wollte plötzlich mit jedem einzelnen Bischof einen neuen Vertrag schließen, was nicht vereinbart war.

SPIEGEL ONLINE: Er wirft der Kirche vor, dass in mindestens zwei Bistümern nach Beginn des Forschungsprojekts Akten vernichtet worden seien.

Ackermann: Auf Nachfrage hat er mir die Bistümer nicht genannt. Er hat einfach an alle Bischöfe seitenlange Briefe geschrieben und darin unter anderem solch massive Vorwürfe erhoben. Wer Gerüchte in die Welt setzt, muss sie beweisen.

SPIEGEL ONLINE: Auch vorher wurden schon in den Kirchenarchiven Personalakten von verurteilten Missbrauchstätern vernichtet.

Ackermann: Das ist so pauschal nicht richtig. Dass unsere Aktenführung in früheren Jahren nicht dem Standard entspricht, den man heute erwartet, haben wir schon öffentlich gesagt. Faktum ist, dass der Tatbestand und das Urteil in Sittlichkeitsverfahren aufbewahrt werden müssen, so sieht es das Kirchenrecht vor. Also fallen keine Tat und kein Täter unter den Tisch.

Das Interview führte Peter Wensierski

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Heft 3/2013
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Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 153 Beiträge
1. Wenn einer das Vertrauen...
derpublizist 14.01.2013
...verspielt hat, dann sind es eindeutig die katholischen Bischöfe, die bereits vor den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren Jahre lang schützend ihre Hände über die Sexualstraftäter in den Reihen ihrer [...]
...verspielt hat, dann sind es eindeutig die katholischen Bischöfe, die bereits vor den staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren Jahre lang schützend ihre Hände über die Sexualstraftäter in den Reihen ihrer Organisationen gehalten haben. Wer da wohl noch Mitglied sein...?
2. Macht was ihr wollt
derschlumpf 14.01.2013
aber nicht mehr mit meinen Geldern! Ich bin jetzt ausgetreten - nach langen Überlegungen (über 3 Jahre). Letztendlich bin ich froh mit meiner Entscheidung. Das Geld geht nun an ein Patenkind in Indonesien. Da kann ich mir [...]
aber nicht mehr mit meinen Geldern! Ich bin jetzt ausgetreten - nach langen Überlegungen (über 3 Jahre). Letztendlich bin ich froh mit meiner Entscheidung. Das Geld geht nun an ein Patenkind in Indonesien. Da kann ich mir sicher sein dass gutes getan wird. Wenn ich nur daran denke was Pastöre und Bischöfe an Gehalt verdienen (besser gesagt bekommen), welche Prunkpaläste Sie sich bauen lassen (siehe Limburg) und wer z.B. in Wirklichkeit so genannte katholische Kindergärten finaziert (der Steuerzahler über Kommunen). Die Bekämpfung des Elends in der Welt, mit welcher die kath. Kirche unter anderem ihre Daseinsberechtigung proklamiert, erzeugt diese Institution durch ihr Handeln selbst. Ist ja schön wenn man Verhütung verbietet - und im gleichem Zug Kinder verhungern müssen, weil ihre HIV erkrankten Eltern die Ernährung der (ungewollten?) Kinder nicht mehr erbringen können. Glaube: ja, katholische Kirche:nein!
3. Die Kirche und Beweise?
copsilberhaupt 14.01.2013
Bischof Ackermann äußert in dem Interview u. a., dass Herr Pfeiffer Gerüchte in die Welt gesetzt habe und derjenige, der das tut, dies dann auch beweisen muss. Hallo, habe ich da was nicht verstanden? Lieber Bischof [...]
Bischof Ackermann äußert in dem Interview u. a., dass Herr Pfeiffer Gerüchte in die Welt gesetzt habe und derjenige, der das tut, dies dann auch beweisen muss. Hallo, habe ich da was nicht verstanden? Lieber Bischof Ackermann, wer hat nochmal das Gerücht in die Welt gesetzt, dass es einen Gott gibt??? Beweisen Sie es!
4. Beichte?
PTerGun 14.01.2013
Lese ich das richtig, dass der liebe Bischof zugibt, das es personelle Infos gibt zu Vorfällen, die den Straftatbestand des Kindesmissbrauchs erfüllen, die Sie aber aus Datenschutzgründen der lebenden Täter zurückhalten? So [...]
Lese ich das richtig, dass der liebe Bischof zugibt, das es personelle Infos gibt zu Vorfällen, die den Straftatbestand des Kindesmissbrauchs erfüllen, die Sie aber aus Datenschutzgründen der lebenden Täter zurückhalten? So wird das nix mit dem Vertrauen. Wundert mich, dass die sich auf den Datenschutz und nicht das Beichtgeheimnis berufen.
5. nene
rabenkrähe 14.01.2013
......... Dieses RKK-klerikale Gerede ist einfach nur peinlich und soll mit seinen nebulösen Phrasen verdecken, worum es eigentlich geht: Die RKK will gar nicht, daß herauskommt, was war und ist, und schon gar nicht, in [...]
Zitat von sysopdapdWer trägt die Schuld am Scheitern der Studie zur Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche? Im Interview rechtfertigt Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz, den Abbruch des Projekts - und kritisiert den Kriminologen Christian Pfeiffer. Studie zum Missbrauch: Bischof Ackermann rechtfertigt den Abbruch - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/studie-zum-missbrauch-bischof-ackermann-rechtfertigt-den-abbruch-a-877320.html)
......... Dieses RKK-klerikale Gerede ist einfach nur peinlich und soll mit seinen nebulösen Phrasen verdecken, worum es eigentlich geht: Die RKK will gar nicht, daß herauskommt, was war und ist, und schon gar nicht, in welchem Ausmaß das geschah und geschieht, nämlich massenhaft. Veranwortlich für diese Drama-Posse sind allerdings die Auftraggeber, die die Täter unbedingt an der Aufklärung beteiligen wollten. So läufts nur nicht, wie jeder damit Befaßte weiß, da machen Täter Opfer immer und immer wieder zu Opfern, gnadenlos - statt sich ihrer Verantwortung und ihren Taten zu stellen. Die Täter gehören in den Maßregelvollzug und nicht unter die schulterstreichende Versetzungsorgie ihrer Hintermänner! rabenkrähe
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Zur Person

  • dapd
    Stephan Ackermann, 49, ist seit 2009 Bischof von Trier. Im Jahr 2010 ernannte ihn die Deutsche Bischofskonferenz zum Missbrauchsbeauftragten der Katholischen Kirche. Im Juli 2011 gab er gemeinsam mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer bekannt, man habe eine Vereinbarung zu einem Forschungsprojekt getroffen, mit dem sexueller Missbrauch durch Priester und Ordensleute untersucht werden sollte. Die Vertragspartner überwarfen sich, das Projekt mit Pfeiffer platzte.

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