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17.01.2013
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Modewoche in Berlin

Dick im Geschäft

Von Susanne Hefekäuser

Auf der Fashion Week in Berlin treffen sich die Jungen, Schlanken und Schönen, um ihre perfekten Körper in perfekte Kleider zu hüllen. Doch bietet die Messe auch etwas für Normalgewichtige? Besuch einer Durchschnittsdeutschen.

Durch die Abflughalle des stillgelegten Flughafens Tempelhof wälzen sich die Massen der Modeschaffenden, Blogger und Einzelhändler. Unzählige Hersteller von Urban- und Streetwear haben hier, auf der "Bread and Butter"-Messe für junge Mode, ihre Stände aufgebaut. Beim Anblick der knatschbunten und ausgefallenen Kleider fühle ich mich ein bisschen wie ein Kind, das vor einem riesigen Haufen Spielzeug sitzt und doch nicht damit spielen darf.

Mit Konfektionsgröße 44 befinde ich mich jenseits dessen, was von der Modeindustrie als "Normalgröße" deklariert wird. In dem Sammelsurium verschiedener Formen, Farben und Stoffe auf der Modemesse ist es für mich schwierig, überhaupt etwas zu finden, das mir passt. Ich bin in dem schillernden Mode-Zirkus nur Zuschauerin.

Dicke Menschen gelten als faul, ungesund und unsexy

Ich bin mit einem schwierigen Auftrag hergekommen: zu beschreiben, wie es ist, als Frau mit Übergröße shoppen zu gehen. Eine Ich-Geschichte über das Dicksein zu schreiben, heißt, sich nackt zu machen. Den eigenen Körper an den Pranger der Öffentlichkeit zu stellen und zu schreien: "Seht her, ich bin hier, und mein Körper ist nicht perfekt." Mit Namen und Foto als Symbolfigur für eine Gruppe zu stehen, der eigentlich niemand angehören möchte.

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Fashion Week Berlin: Die Schau muss weitergehen
Mein erster Gedanke war: Ich habe Angst vor den Kommentaren, die unter dem Artikel erscheinen werden. Auf fast nichts reagiert unsere Gesellschaft so empfindlich und aggressiv wie auf dicke Menschen. "Fette Sau", könnte da stehen. Oder auch: "Heul nicht rum, mach lieber etwas Sport, dann nimmst du schon ab und passt in die normalen Klamotten." Das Dicksein ist die letzte Bastion, die die Political Correctness noch nicht eingenommen hat. Es ist gesellschaftlich immer noch anerkannt, dicke Menschen zu verachten. Sie gelten als faul, ungesund und unsexy.

Ich bin ausgestiegen aus dem Wettbewerb der Schönheitsköniginnen

Doch neben den schlanken Models auf der Messe zu posieren, macht mir nichts aus. Mit den Herstellern darüber zu sprechen, ob sie überhaupt Klamotten in meiner Größe führen, auch nicht. Viele schlanke Frauen würden sich schlecht fühlen neben dem übergroßen Plakat von Kate Moss, die ihre perfekten Proportionen in einem luftigen Sommerkleid präsentiert. Ich nicht.

Nicht, dass ich das Schönheitsideal verurteile. Im Gegenteil: Ich finde kaum etwas schöner als einen schlanken, wohlgeformten Frauenkörper. Der Unterschied ist nur: Ich vergleiche mich nicht. Ich bin schon vor langer Zeit ausgestiegen aus dem Wettbewerb der Schönheitsköniginnen. Es hätte wohl auch höchstens für eine Teilnehmerurkunde gereicht.

Aber wie vermittelt man einem Leser nun, wie es ist, als Übergewichtige einkaufen zu gehen? Königsdisziplin des Shoppings mit Pfunden ist der Hosenkauf. Die Jeans ist der natürliche Feind des gebärfreudigen Beckens - nichts ist so schwierig, wie eine Hose zu finden, die nicht entweder vorne eine Penisfalte wirft oder hinten beim Hinsetzen so weit herunterrutscht, dass man den halben Hintern sehen kann.

Ich wende mich also an die Denim-Hersteller. Doch hier macht man mir nicht viel Mut: Jeansfabrikanten wie Mavi, Superdry und G-Star RAW bieten Hosen generell nur bis Weite 32 oder 33 an, ich bräuchte eine 34. "Sie könnten die Herrenhosen tragen", die Pressesprecherin von Pepe Jeans London versucht, hilfreich zu sein. Herrenhosen gebe es nämlich bis Weite 38. Bei den Dr. Denim Jeansmakers werde ich schließlich fündig. Die Marke führt tatsächlich Damenjeans bis Weite 34. Die seien aber wahre Ladenhüter, erklärt mir Pressesprecher Kays Kacem - "Davon wurde noch nicht ein Stück verkauft." Ist das der Grund, warum viele Hersteller diese Größen nicht anbieten? Weil sie nicht nachgefragt werden? Weil es zu wenig Menschen gibt, die solche Größen überhaupt tragen? Das würde bedeuten, dass mein Körper tatsächlich jenseits der Norm liegt.

Eigentlich bin ich Durchschnitt

Die Macher der "Size Germany"-Studie sind 2009 der Frage nachgegangen, was normal ist und was durchschnittlich. Für die Untersuchung wurden die Körper von mehr als 13.000 Deutschen mit speziellen 3D-Scannern vermessen. Das Ergebnis: Die durchschnittliche deutsche Frau ist 165,8 cm groß, hat einen Brustumfang von 98,7 cm, einen Taillenumfang von 84,9 cm und 102,9 cm um die Hüfte. Das entspricht erschreckend genau meinen Maßen, ich bin eine Durchschnittsdeutsche. Dennoch finde ich auf der Bread and Butter kaum etwas zum Anziehen.

Kein Wunder also, dass sich Boutique-Inhaberinnen wie Gerlinde Lange-Wadsack fernhalten von der Fashion Week. "Da geht es nur um jung und schlank, die Fashion Week bietet keine großen Größen an", erzählt mir die Inhaberin der Übergrößen-Boutique "La Grande" in Berlin. Man merkt ihr die Frustration darüber an. Ihre Kundinnen sind weder schlank noch jung: Sie sind zumeist über 40 und tragen Kleider in den Größen 42 bis 60. Gerlinde Lange-Wadsack muss auf andere, kleinere Messen ausweichen, um etwas Passendes für ihre Kundinnen zu finden - Messen jenseits des medialen Trubels der Fashion Week.

Ich muss Klamotten in meiner Größe suchen wie die Nadel im Heuhaufen

Doch auch hier auf der Fashion Week gibt es sie, die größeren Größen. In einem mit dunklem Holz vertäfelten und von einer mächtigen Deckenlampe erhellten Raum des Hotel Adlon stellt das Label Leibschneider aus. Zwei Kleiderständer mit Jacken und Mänteln, nachhaltig gefertigt und erhältlich bis Größe 46. "Die 42 ist bei uns die Durchschnittsgröße, die verkauft sich am besten", erzählt mir Gaby Pressmar, die Managerin des Labels.

In diesem hintersten Winkel der Fashion Week wird sie also fündig, die durchschnittsdeutsche Frau. Auf den Laufstegen der Modemesse haben sich die größeren Größen aber noch nicht durchgesetzt: Hier laufen immer noch ausschließlich die Superschlanken. "Wir geben da dem Druck der Fashionwelt nach", erklärt Franziska Raabe, die Pressesprecherin des Showfloor Berlin.

Der Druck der Fashionwelt. Nirgends wurde er mir je so bewusst wie auf dieser riesigen Modemesse. Es gibt zwar Sachen in meiner Größe, aber ich musste sie suchen wie die Nadel im Heuhaufen. Mein Kleiderschrank ist trotzdem bis zum Bersten gefüllt mit wunderschönen, bunten Sachen - in denen ich mich austoben kann wie ein lachendes Kind in einem Berg von Spielzeug.

Forum

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insgesamt 25 Beiträge
1. "Perfekte Proportionen"?
cor 17.01.2013
Kate Moss hat keine perfekten Proportionen. Sie ist die Manifestation des perversen Schönheitsbildes unserer Gesellschaft.
Kate Moss hat keine perfekten Proportionen. Sie ist die Manifestation des perversen Schönheitsbildes unserer Gesellschaft.
2. Was soll denn das?
saxae 17.01.2013
Die Autorin torpedioert Ihren eigenen Bericht mit der Überschrift "Dick..." und dem Textteil worin Konfektionsgröße 44 sofort mit dick verbunden wird. Genau dort liegt doch das Problem. 44 ist bei weitem nicht dick [...]
Die Autorin torpedioert Ihren eigenen Bericht mit der Überschrift "Dick..." und dem Textteil worin Konfektionsgröße 44 sofort mit dick verbunden wird. Genau dort liegt doch das Problem. 44 ist bei weitem nicht dick sondern völlig normal und gesund. Größen weit drunter sind dagegen dürr und magersüchtig, ungesund sogar bis zum Tod. Dieser ganze Magerwahn ist schon so in den Köpfen drin, dass selbst Gegenmeinungen dieses verquorene Vokabular verwenden.
3. Ich weiß ja nicht...
whis42per 17.01.2013
....wie klein die Autorin ist, aber 44 zählt in meiner Wahrnehmung noch nicht zu den Übergrößen. Es ist auch nicht sonderlich schwierig, in dieser Größe was Modisches zum Anziehen zu finden. Ab Größe 48 dürfte das [...]
Zitat von sysopAnnette Hauschild/ OstkreuzAuf der Fashion Week in Berlin treffen sich die Jungen, Schlanken und Schönen, um ihre perfekten Körper in perfekte Kleider zu hüllen. Doch bietet die Messe auch etwas für Normalgewichtige? Besuch einer Durchschnittsdeutschen. http://www.spiegel.de/panorama/die-fashion-week-berlin-hat-fuer-mollige-frauen-wenig-zu-bieten-a-878107.html
....wie klein die Autorin ist, aber 44 zählt in meiner Wahrnehmung noch nicht zu den Übergrößen. Es ist auch nicht sonderlich schwierig, in dieser Größe was Modisches zum Anziehen zu finden. Ab Größe 48 dürfte das schon deutlich schwieriger sein. Aber wenn frau mit Gr. 44 tatsächlich schon solche Probleme hätte, passende Auswahl zu finden, dann frag ich mich, wo 50% der jungen Mädchen, denen ich täglich im öffentlichen Nahverkehr begegne, sich denn einkleiden. Im Übrigen kann ich Männerjeans nur empfehlen! Die gibt es wenigstens auch in passend für lange Beine. ;)
4. Kate wird immer...
juergw. 17.01.2013
perfekt nachbearbeitet auf den Photos-im normalen Leben würde man sie nicht wieder erkennen.Alk und Drogen haben ihre Spuren hinter lassen.
Zitat von corKate Moss hat keine perfekten Proportionen. Sie ist die Manifestation des perversen Schönheitsbildes unserer Gesellschaft.
perfekt nachbearbeitet auf den Photos-im normalen Leben würde man sie nicht wieder erkennen.Alk und Drogen haben ihre Spuren hinter lassen.
5. optional
SirJazz 17.01.2013
Da sie ja angeblich intelligent sind hier eine Aufgabe: untersuchen sie doch mal den Verlauf der Durchschnittskonfektionsgröße bei Frauen. 44 ist im Regelfall ein Indiez für übergewichtig. Es gab mal Zeiten wo fast jede [...]
Zitat von saxaeDie Autorin torpedioert Ihren eigenen Bericht mit der Überschrift "Dick..." und dem Textteil worin Konfektionsgröße 44 sofort mit dick verbunden wird. Genau dort liegt doch das Problem. 44 ist bei weitem nicht dick sondern völlig normal und gesund. Größen weit drunter sind dagegen dürr und magersüchtig, ungesund sogar bis zum Tod. Dieser ganze Magerwahn ist schon so in den Köpfen drin, dass selbst Gegenmeinungen dieses verquorene Vokabular verwenden.
Da sie ja angeblich intelligent sind hier eine Aufgabe: untersuchen sie doch mal den Verlauf der Durchschnittskonfektionsgröße bei Frauen. 44 ist im Regelfall ein Indiez für übergewichtig. Es gab mal Zeiten wo fast jede Frau 36/38 trug. Und die waren alles andere als unterentwickelt.

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