Lade Daten...
22.01.2013
Schrift:
-
+

Leck in Chemiefabrik

Stinkende Gaswolke zieht über Nordfrankreich

AFP

In der Luft hängt ein beißender Gestank, Menschen leiden unter Kopfschmerzen, Übelkeit und Hautirritationen: Eine Gaswolke ist aus einem Leck in einer Chemiefabrik in Nordfrankreich mehr als 100 Kilometer weit bis Paris gezogen. Inzwischen hat sie sich sogar bis nach England ausgebreitet.

Paris - Hunderte Anrufe erreichten am frühen Morgen die Rettungsdienste in Nordfrankreich und Paris. Besorgte Bürger berichteten von einem unglaublichen Gestank - wie von verfaulten Eiern oder einer Stinkbombe. In Internetforen klagten Franzosen über einen "unausstehlichen Geruch".

Zahlreiche Menschen meldeten sogar körperliche Beschwerden. Von Übelkeit, Schwindel und Kopfschmerzen berichteten Bewohner der betroffenen Regionen dem Sender Europe1. Andere Lokalmedien meldeten auch Fälle von Hautirritationen. "Selbst im Haus (gut isoliert) stinkt es nach Gas … und ich habe unglaubliche Kopfschmerzen", schrieb ein User auf Twitter.

Der Gestank ist laut französischem Innenministerium auf das Gas Methanthiol, das auch Methylmercaptan genannt wird, zurückzuführen. Es entweicht aus einem Leck in einer Fabrik bei Rouen, rund 120 Kilometer nordwestlich von Paris. Der Wind trug das Gas zunächst nach Süden. Der Geruch war demnach am Dienstag in mehreren Départements der Regionen Haute-Normandie und im Großraum Paris "sehr präsent". Im Laufes des Tages erreichte die Wolke eine Ausdehnung von rund 350 Kilometern.

Das Innenministerium bemühte sich zu beruhigen: Das Gas sei harmlos. Es bestehe "keine Gefahr für die Gesundheit" von Menschen.

Das faulig riechende Methanthiol wird normalerweise geruchlosem Erdgas zugesetzt, damit Lecks leichter bemerkt werden können. Doch ganz harmlos ist es offenbar nicht: In schwachen Konzentrationen kann das Gas Augen, Atemwege und Haut reizen. Bei Personen, die dem Gas direkt ausgesetzt sind, kann es nach Angaben des französischen Instituts für Forschung und Sicherheit (INRS) zu Lungenproblemen, Schwindel, Übelkeit und Bewusstseinsstörungen kommen. In sehr hohen Konzentrationen kann Methanthiol tödlich sein.

Gaswolke erreicht England

Bis zum Nachmittag war der Gestank über den Ärmelkanal gezogen und erreichte England. Die Feuerwehr der Grafschaft Kent riet den Anwohnern, Türen und Fenster geschlossen zu lassen. Bei der Londoner Polizei gingen aus dem Südosten der Metropole erste Meldung über einen beißenden Gestank ein.

Der Austritt des Gases hatte Vertretern der französischen Rettungsdienste zufolge bereits am Montagvormittag in einer Anlage des Chemiekonzerns Lubrizol in Rouen begonnen. Grund war demnach eine "Reaktion" in einem Ofen. Laut Lubrizol war das Problem auch am Dienstagvormittag nicht beseitigt. "Wir sind noch in der Neutralisierungsphase", sagte ein Unternehmenssprecher und betonte: "Wir sind guter Dinge, dass es im Laufe des Tages aufhört."

Lubrizol ist eine Tochterfirma von Warren Buffetts Berkshire Hathaway und betreibt Produktionsstätten in 19 Ländern. Lubrizol Frankreich stellt Bestandteile für industrielle Schmierstoffe und Farben her.

Fußballverband sagt Spiel in Rouen ab

"Wir können verstehen, dass die Menschen beunruhigt sind", sagte Unternehmenssprecherin Nathalie Bakaev dem Sender Europe1. Es sei aber nur der Gestank, der Unannehmlichkeiten bereite, betonte sie.

Die Menschen in den betroffenen Regionen geben wenig auf derartige Beschwichtigungsversuche. "Alle sagen, wir sollen keine Angst haben, aber das Gleiche wurde auch über die Wolke von Tschernobyl erzählt", sagte eine Familienmutter mit Blick auf die Atomkatastrophe im Jahr 1986.

Ein Vertreter der Rettungsdienste sagte allerdings, es handele sich vermutlich in erster Linie um "psychologische Reaktionen". Die Behörden riefen die Bewohner der Normandie und des Großraums Paris ausdrücklich auf, nicht den Notruf zu wählen. Die Pariser Feuerwehr teilte mit, die Gaswolke werde sich selbst auflösen. Allerdings hänge dies vom Wetter ab.

Der französische Fußballverband FFF sah sich wegen des Gestanks gezwungen, das für Mittwochabend geplante Pokalspiel zwischen dem Drittligisten FC Rouen und Olympique Marseille zu verschieben.

siu/ala/AFP/Reuters

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
1. optional
nils1966 22.01.2013
Mutig, diese Verharmlosung !!! Methylmercaptin (Etanthiol) wird nach GGVS als "Giftig" klassifiziert. Es kann tödliche Lungenödeme auslösen. MAK 0,5ppm. Zudem muß man damit rechnen, daß bei der Fabrikation auch [...]
Mutig, diese Verharmlosung !!! Methylmercaptin (Etanthiol) wird nach GGVS als "Giftig" klassifiziert. Es kann tödliche Lungenödeme auslösen. MAK 0,5ppm. Zudem muß man damit rechnen, daß bei der Fabrikation auch Schwefelwasserstoff zugegen ist und somit möglicherweise auch ausgetreten ist. Dessen Giftigkeit liegt im Bereich der Blausäure
2. Keine Gefahr?
lordas 22.01.2013
Ich frage mich woher die Franzosen ihre Informationen haben. Nach der GHS Gefahrstoffverordnung handelt es sich in absolut keinen Fall um ein "harmloses" Gas. Man konnte zwar aus anderen Unfällen bestimmte [...]
Ich frage mich woher die Franzosen ihre Informationen haben. Nach der GHS Gefahrstoffverordnung handelt es sich in absolut keinen Fall um ein "harmloses" Gas. Man konnte zwar aus anderen Unfällen bestimmte Vergiftungserscheinungen beobachten und nie genau auf Methanthiol schließen. Dazu gehörten aber übrigens Kopfschmerzen, Hautirritationen, Übelkeit... Hinzu kommt noch, das Methanthiol schlecht Wasserlöslich ist und stark Wassergefärdend, mit besonderer Langzeitwirkung. Ich hoffe mal die Katastrophenschützer wissen wenigstens, dass das Gas Hochentzündlich ist.
3. Trotzdem keine Panik
asorbas 22.01.2013
Ethanthiol ist kein Stoff, der in verdünnter Form in der Luft zu Panik Anlass geben muss, wenn auch der Geruch in der Tat sehr unangenehm ist. Die GHS-Einstufung lautet: Entzündbare Flüssigkeiten, Kategorie 2; H225 Akute [...]
Ethanthiol ist kein Stoff, der in verdünnter Form in der Luft zu Panik Anlass geben muss, wenn auch der Geruch in der Tat sehr unangenehm ist. Die GHS-Einstufung lautet: Entzündbare Flüssigkeiten, Kategorie 2; H225 Akute Toxizität, Kategorie 4, Einatmen; H332 Gewässergefährdend, Akut Kategorie 1; H400 Gewässergefährdend, Chronisch Kategorie 1; H410 Die akute Toxizität ist mit Kategorie 4 also eher gering. Im Transportbereich (GGVS) ist der Stoff als Ethylmercaptan UN-Nummer 2363 in Verpackungsgruppe I (hohe Gefährlichkeit) eingestuft. Die hohe Gefährlichkeit eines lecken Tanks resultiert zum einen aus dem niedriegen Siedepunkt 35 °C und zum anderen aus dem widerlichen Geruch, der die Einsatzkräfte vor besondere Probleme stellt. Der Hinweis auf die Gefährlichkeit von Schwefelwasserstoff ist sicher richtig. Dabei sollte man nicht vergessen, dass H2S auch bei natürlichen Prozessen z.B. in Kompostierungsanlagen entstehen kann, was ihn aber nicht ungefährlich macht. Er hat schon für Todesfälle in diesem Bereich gesorgt.
4. asorbas
asorbas 22.01.2013
Upps, Es handelt sich um Methanthiol; ich hatte auf Beitrag Nr. 1 "(Etanthiol)" geschaut: Dafür gilt: Einstufung: Entzündbare Gase, Kategorie 1; H220 Gase unter Druck, verflüssigtes Gas; H280 Akute Toxizität, [...]
Upps, Es handelt sich um Methanthiol; ich hatte auf Beitrag Nr. 1 "(Etanthiol)" geschaut: Dafür gilt: Einstufung: Entzündbare Gase, Kategorie 1; H220 Gase unter Druck, verflüssigtes Gas; H280 Akute Toxizität, Kategorie 3, Einatmen; H331 Gewässergefährdend, Akut Kategorie 1; H400 Gewässergefährdend, Chronisch Kategorie 1; H410
5.
lordas 22.01.2013
Was den Stoff aber schonmal gefährlicher macht als Ethanthiol. Vor vor dem Hintergrund, dass laut Gestis besagte Symptome bei anderen Expositionen beobachtet worden waren, finde ich es schon stark von "psychologischen [...]
Zitat von asorbasUpps, Es handelt sich um Methanthiol; ich hatte auf Beitrag Nr. 1 "(Etanthiol)" geschaut: Dafür gilt: Einstufung: Entzündbare Gase, Kategorie 1; H220 Gase unter Druck, verflüssigtes Gas; H280 Akute Toxizität, Kategorie 3, Einatmen; H331 Gewässergefährdend, Akut Kategorie 1; H400 Gewässergefährdend, Chronisch Kategorie 1; H410
Was den Stoff aber schonmal gefährlicher macht als Ethanthiol. Vor vor dem Hintergrund, dass laut Gestis besagte Symptome bei anderen Expositionen beobachtet worden waren, finde ich es schon stark von "psychologischen Reaktionen" zu sprechen. Vor allen da es zu wenig Daten über Sicherheit von Methanthiol gibt, dessen Toxizität aber mit Schwefelwasserstoff vergleichbar sein soll (was schon Akute Toxizität, Kategorie 2 ist), finde ich es Grenzwertig hier von etwas Ungefährlichen zu sprechen. Es ist wohl eher so, dass besagte Experten keine "nennenswerten" Folgeschäden erwarten und die Franzosen mit den temporalen Vergiftungserscheinungen da jetzt durch müssen.

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter RSS
alles zum Thema Frankreich
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten