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23.01.2013
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Chemieunfall in Rouen

Justiz ermittelt zu stinkender Gaswolke

AFP

Eine Schlamperei oder ein Fehler - das war nach Ansicht der französischen Umweltministerin Ursache des Unfalls mit dem Gas Methanthiol in Rouen. Die Justiz hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die gute Nachricht: Der Gestank hat nachgelassen.

Paris - Nach dem Austritt von Stinkgas aus einem Chemiewerk in Nordfrankreich hat die Justiz Ermittlungen wegen möglicher Gefährdung der Öffentlichkeit eingeleitet. Ursache des Unfalls mit dem Gas Methanthiol in Rouen sei zweifellos eine Schlamperei oder ein Fehler, sagte Umweltministerin Delphine Batho am Mittwoch in Paris. Eine Untersuchung sei unverzichtbar.

Nach Angaben eines Justizsprechers wurde ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, um zu prüfen, ob womöglich menschliches Versagen oder Nachlässigkeit zu dem Unfall führten.

Am Montagmorgen war es in einem Werk des Unternehmens Lubrizol, in dem Zusatzstoffe für Schmierprodukte und Farben hergestellt werden, zu einem Störfall gekommen. Extrem stinkendes Gas, das in großen Mengen giftig ist, trat aus und war am Dienstag selbst im mehr als hundert Kilometer entfernten Paris und an der britischen Küste zu riechen. Tausende besorgte Menschen hatten sich wegen des faulig-stechendenden Geruchs bei den Behörden gemeldet, einige klagten auch über Beschwerden wie Kopfschmerzen oder Übelkeit.

Eine ernsthafte Gesundheitsgefahr für die Bevölkerung habe aber nicht bestanden, versicherte das Gesundheitsministerium am Dienstagabend wie zuvor bereits das Innenministerium. Die Konzentration des Gases in der Luft sei zu niedrig gewesen.

Methanthiol wird wegen seines unangenehmen und anhaltenden Geruchs Erd- oder Propangas als Warnstoff zugesetzt, um auf Lecks aufmerksam zu machen. Experten zufolge riecht das Gas sehr stark, schon lange bevor es eine für Menschen gefährliche Konzentration erreicht hat. In höheren Konzentration gehen von dem Stoff aber akute Gesundheitsgefahren aus. Zudem gilt er als gewässergefährdend.

Einsatz zur Beendigung des chemischen Prozess läuft

Am Mittwoch war der Gestank in Rouen nicht mehr wahrnehmbar. Der in der Nacht begonnene Einsatz zur Beendigung der chemischen Reaktion laufe gut, versicherte der zuständige Präfekt Pierre-Henry Maccioni.

Dazu muss der Inhalt eines Behälters, in dem nach Angaben des Unternehmens am Montagmorgen eine "unerwartete" chemische Reaktion aufgetreten war, in einen anderen Behälter geleitet werden. Dieser enthält den Angaben zufolge Wasser mit Natron, das die Reaktion stoppen soll. Am Mittwochmorgen waren laut Präfektur zwei der 35 Tonnen des Produkts umgefüllt worden, im Verlauf des Tages sollten weitere zwölf Tonnen umgefüllt werden.

Der Einsatz könne "mehrere Tage" dauern, sagte Umweltministerin Batho dem Radiosender Europe 1. Zugleich versicherte sie, die Lage sei "unter Kontrolle". Es gebe keinen Grund, das Umfeld der Anlage zu evakuieren.

Die Regierung werde Konsequenzen aus dem Vorfall ziehen, betonte Batho. In Frankreich gebe es derzeit 421 Industrieanlagen, die wie die Lubrizol-Fabrik unter die Auflagen der sogenannten Seveso-II-Richtlinien für den Umgang mit potentiell gefährlichen Stoffen fallen. Für diese Anlagen schreibt die EU-Richtlinie aus dem Jahr 1996 Pläne zur Risikoprävention vor. Batho zufolge gibt es aber nicht einmal für die Hälfte der französischen Seveso-Anlagen einen Präventionsplan, der einsatzbereit ist.

Die Regierung arbeite "mit aller Kraft" daran, die Vorbeugung von gefährlichen Industrieunfällen zu verbessern. Vorrang hätten dabei Fabriken, die wie das Werk Lubrizol in der Nähe von Wohngebieten liegen. Das Chemiewerk in Rouen liegt im Seine-Hafen, nicht weit vom Stadtzentrum entfernt.

siu/AFP/dpa

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insgesamt 1 Beitrag
1. Viel Glück!
weltoffener_realist 23.01.2013
Interessant, dass es nicht einmal für die Hälfte der französischen Seveso-II-Anlagen einen Präventionsplan gegen Störfälle gibt. Mir fehlt aber die Info, ob es für die hier betrachtete Anlage einen solchen Plan gab. So [...]
Zitat von sysopAFPEine Schlamperei oder ein Fehler - das war nach Ansicht der französischen Umweltministerin Ursache des Unfalls mit dem Gas Methanthiol in Rouen. Die Justiz hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Die gute Nachricht: Der Gestank hat nachgelassen. http://www.spiegel.de/panorama/stinkende-gaswolke-justiz-ermittelt-zu-chemieunfall-in-rouen-a-879331.html
Interessant, dass es nicht einmal für die Hälfte der französischen Seveso-II-Anlagen einen Präventionsplan gegen Störfälle gibt. Mir fehlt aber die Info, ob es für die hier betrachtete Anlage einen solchen Plan gab. So oder so darf man der französischen Bevölkerung rund um solche Anlagen für die Zukunft viel Glück wünschen.

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