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24.01.2013
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Brandkatastrophe von Bangladesch

Das doppelte Leid der Opferfamilien

AP

Sie trauern um ihre Angehörigen und warten auf versprochene Zahlungen: Viele Hinterbliebene der Opfer des verheerenden Feuers in einer Textilfabrik in Bangladesch sind verzweifelt. Der Fotograf Kevin Frayer hat ihr Leid in bewegenden Bildern festgehalten.

Dhaka - Das Feuer tötete 112 Menschen. Sie arbeiteten in einer Textilfabrik in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Dutzende Angehörige der Opfer konnten niemanden beerdigen, weil die Leichen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt sind. Und zwei Monate nach der Katastrophe haben diese Familien auch noch keine Entschädigung bekommen, die ihnen versprochen wurde - noch nicht einmal den letzten Gehaltsscheck ihrer Verwandten.

Es müssten erst noch DNA-Tests durchgeführt werden, um die Ansprüche von gut 50 Familien zu klären, sagte ein Funktionär der einflussreichen Bekleidungsindustrie des Landes. Doch viele dieser Familien brauchen dringend Geld, weil sie ihren Haupternährer bei dem Feuer Ende November verloren haben.

In der Fabrik wurde Bekleidung unter anderem für große, global agierende Textilketten produziert, darunter für die US-Handelskette Wal-Mart und Disney. Die Textilindustrie macht rund 79 Prozent der Export-Einnahmen Bangladeschs aus. Die meisten Produkte gehen nach Europa und die USA.

Der Sohn ist traumatisiert

Der Verband der Bekleidungshersteller und -exporteure Bangladeschs (BGMEA), ein ausländischer Lieferant und die Regierung hatten den Familien jedes Getöteten je 7500 Dollar sowie die Auszahlung der offenen Gehälter versprochen. Auch die Kosten für die Ausbildung der Kinder würde übernommen, so die Ankündigung.

Doch passiert ist bislang offenbar wenig. "Ich habe noch nichts bekommen. Niemand sagt mir irgendwas", sagt zum Beispiel Ansar. Der 55-Jährige hat Frau und Tochter bei der Brandkatastrophe verloren. Er selbst ist zu krank, um zu arbeiten. Sein 16-jähriger Sohn, der ebenfalls in der Textilfabrik tätig war, ist traumatisiert von den Erlebnissen. "Er wacht Nacht für Nacht auf und weint dann lange", sagt Ansar.

Das Zuhause der Familie liegt in der nähe der ausgebrannten Fabrik. Doch Ansar kann die Miete nicht mehr zahlen. Er befürchtet, seine Heimat verlassen zu müssen - und dann niemals eine Entschädigung zu erhalten.

"Wie lange sollen wir noch warten?"

Nach Erkenntnissen der Ermittler wurde das Feuer gelegt, dem Fabrikbesitzer wird zudem Fahrlässigkeit vorgeworfen. "Das Unglück scheint ein Akt der Sabotage gewesen zu sein, aber die Nachlässigkeit des Besitzers hatte den tragischen Tod der Arbeiter zur Folge", sagte Mainuddin Khandker, Chef des fünfköpfigen Ermittlungsteams im Dezember. Vermutlich habe einer der Arbeiter den Großbrand absichtlich ausgelöst, so Khandker.

Die Kommission forderte eine Strafe für den Fabrikbesitzer, weil er die Sicherheit der Arbeiter nicht gewährleistet habe. In der Fabrik fehlten Notausgänge, und nur für drei der acht Stockwerke gab es eine Baugenehmigung. Überlebende hatten berichtet, dass sie bei ihrer Flucht vor verschlossenen Toren gestanden und die Aufseher ihnen befohlen hätten, trotz des Feueralarms wieder an die Arbeit zu gehen.

Bislang seien 59 Opfer identifiziert worden, sagt BGMEA-Vizepräsident Siddiqur Rahman. Die anderen 53 Toten wurden demnach in anonymen Gräbern beigesetzt, nachdem DNA-Proben genommen worden seien. Der Verband fordert nun von den Verwandten der Opfer DNA-Proben, um sicherzustellen, dass deren Ansprüche gerechtfertigt sind. Das Geld solle bis Ende Februar ausgezahlt werden, so Rahman: "Wir werden unsere Versprechen halten." 80 verletzte Fabrikarbeiter haben seinen Angaben zufolge bereits je 1250 Dollar Entschädigung erhalten.

Als Ansar von den Versprechen hörte, schickte er der BGMEA Fotos von seiner Frau und seiner Tochter, ihre Personalnummern sowie Kopien ihrer Pässe. Sein Sohn ließ sich eine Blutprobe für den DNA-Test abnehmen. Dreimal, so Ansar, sei er bereits bei der BGMEA gewesen - bislang ohne Ergebnis: "Wie lange sollen wir noch warten?"

wit/AP

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