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29.01.2013
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Kindermode

Kugelsicher ins Klassenzimmer

Von , Mexiko-Stadt
Miguel Caballero

Miguel Caballero stattet seit vielen Jahren Prominente und Politiker mit kugelsicherer Mode aus. Nach dem Amoklauf von Newtown hat er einen neuen Geschäftszweig eröffnet: gepanzerte Kinderkleidung.

Manche sagen, Miguel Caballero mache Geschäfte mit der Angst und dem Leid der Menschen. Andere meinen, er schließe lediglich eine Marktlücke. Miguel Caballero selbst findet: "Wir sind nicht das Problem, wir bieten eine Lösung." Ein wenig unwohl aber fühlt sich der kolumbianische Unternehmer doch, wenn er von seiner neuesten Modekollektion spricht. Er rutscht dann auf dem Stuhl herum, und die Worte, die sonst nur so aus seinem Mund heraussprudeln, versiegen fast. "Wir wissen, dass es ein Tabubruch ist, weil es um Kinder geht", sagt er schließlich.

In seinem Geschäft in Mexiko-Stadt empfängt Caballero seine Kunden in einem diskreten, sichtgeschützten Verkaufsraum. In der Mitte ein Glastisch, in den das Firmenwappen mit Lilie, Löwe und gekreuzten Schwertern eingearbeitet ist. An den Wänden hängen wie Urkunden eingerahmte Artikel aus der Weltpresse über ihn, daneben große Spiegel. Auf den Bügeln hängen Hemden und Lederjacken mit dezenter Panzerung. Business-Mode für wichtige oder halbwichtige Erwachsene.

"Kinder, das war auch für uns neu", fährt Caballero fort und erzählt dann von den vielen Hilferufen verängstigter Eltern in den USA, die ihn nach dem Massaker in Newtown Mitte Dezember erreichten. 28 Menschen wurden getötet, darunter 20 Schulkinder. "Jeden Tag kamen ein Dutzend Mails", sagt er und liest dann eine von einer Mutter aus San Diego vor:

"Wir sind entsetzt, nachdem wir heute sahen, was in der Grundschule in Newtown passiert ist. Ich habe eine zehnjährige Tochter und einen achtjährigen Jungen. Wenn meine Kinder ein schusssicheres Shirt hätten, das sie unter ihrer Schuluniform tragen können, wäre mir wohler. Bitte helfen Sie uns."

Trotz der Hilferufe habe er gezögert, sagt Caballero. Aber als immer mehr E-Mails kamen, dachte der 45-Jährige, was wohl alle Unternehmer denken würden: "Wenn es eine Nachfrage gibt, dann machen wir ein Angebot dazu." So setzte er sich mit seinen Experten daheim in Bogota ins Labor und an die Nähmaschine. In nur zwei Wochen entwarfen sie "MC Kids" - eine Mode-Kollektion aus vier Teilen. Sie heißen "T-Shirt Kids", "Puffer Kids", "Safety Vest" und "V-Bag".

Doppelt schusssicher - eine Kombination aus Weste und Schulranzen

Dahinter verbergen sich ein kugelsicheres T-Shirt, eine klassische Schussweste für drunter sowie eine modische Weste für drüber, der man ihre Panzerung nicht ansieht. Kostenpunkt: rund 150 Dollar pro Stück, umgerechnet 112 Euro. Der Klassiker aber ist eine Kombination aus Weste und Schulranzen. Doppelt schusssicher - von hinten und von vorn. Der "V-Bag" wiegt 2,5 Kilo und kostet 500 Dollar.

"Man kann ihn im Ernstfall auch als Schutzschild vor sich halten", sagt Caballero und schwört, dass seine Kinder-Kollektion todsicher ist und sogar den Beschuss durch eine Mini-Uzi aushält, eine kleine israelische Maschinenpistole. Garantie gibt es beim kolumbianischen Kugelfänger auch. Fünf Jahre verspricht er auf die Schussfestigkeit seiner Mode.

Für die besonderen Anforderungen der Kleidung hat sich der Vater Caballero Rat beim Kinderarzt seines eigenen Nachwuchs geholt: "Bei Kindern liegen die lebenswichtigen Organe anders und sind weniger geschützt, und natürlich muss die Kleidung besonders leicht sein." So bestehen die Schutzeinlagen bei "MC Kids" aus widerstandsfähigen synthetischen Stoffen wie Nylon, Aramid und Polyethylen, extra gepolstert mit einer Art Federung. Die Formel für die optimale Panzerung verrät der Unternehmer nicht. "Glauben Sie, Coca-Cola gibt sein Rezept preis?"

Die Kollektion werde nur in den USA vertrieben, betont Caballero. "Woanders gibt es dafür keinen Markt". Inzwischen sind bei ihm fast 600 Bitten von verängstigten Eltern eingegangen, die um gepanzerte Schutzkleidung für ihre Kinder bitten. Mitte Januar hat der erste Großhändler Ware für 70.000 Dollar geordert.

Caballero muss es wissen, denn er ist der erfolgreichste Schneider Kolumbiens. Seit 20 Jahren verbindet der kleine, kräftige Mann mit dem verschmitzten Lächeln unauffällige Sicherheit mit modischem Chic. Die Geschäftsidee hat ihn längst zu einem Global Player werden lassen. Caballero liefert seine Mode in 22 Länder. Mit vier Angestellten und - wie er sagt - zehn von seiner Mutter gepumpten Dollar, fing er 1992 an. Im ersten Jahr setzte er 17.000 Dollar um. Heute arbeiten in seinem Unternehmen 251 Näher, Designer, Verkäufer und Waffenexperten. Der Umsatz lag vergangenes Jahr bei 21 Millionen Dollar.

Man muss vermutlich Kolumbianer sein, um auf die Idee von gepanzerter Alltagskleidung zu kommen. "Wir sind mit Gewalt, Krieg, Tod und Entführung groß geworden", sagt der Mann, der fast so alt ist wie der Bürgerkrieg in seinem Land. Die Geschäftsidee kam ihm an der Universität. Caballero studierte Textildesign und Betriebswirtschaft, aber die Theorie lag ihm schon damals wenig.

So sann er stattdessen in den Vorlesungen darüber nach, wie man die dicken und schweren kugelsicheren Westen schlanker, leichter und unauffälliger machen könnte. Ihm waren die Leibwächter einer Kommilitonin aufgefallen, die keine Schusswesten trugen, weil sie ihnen zu gewichtig und unbequem waren. Caballero nahm sich eine vor, schichtete die Stoffe um und rüstete die Westen so immer weiter ab. Über die Jahre verfeinerte er seine Formel und schaffte es so, herkömmliche Schusswesten von fünf auf rund ein Kilo abzuspecken.

Der Markt für Hochsicherheitsmode wächst rasant

Waren am Anfang vor allem Polizisten und Sicherheitsbeamte seine Kunden, rüstet er heute rund um den Globus Prominenz aus Politik, Adel und Showgeschäft aus. Hollywood-Schauspieler kaufen bei ihm ebenso ein wie die Hälfte der Staatsoberhäupter Lateinamerikas. Die Hoheiten von Jordanien schwören ebenso auf tragbare Sicherheit Made in Colombia wie Spaniens Thronfolger Felipe und seine Gattin Letizia. Für sie hat Caballero ein besonderes Hochzeitgeschenk gebastelt: gepanzerte Steppjacken, dunkelblau.

Der Markt für Hochsicherheitsmode, der man ihr Geheimnis nicht ansieht, wächst rasant. 50.000 Kleidungsstücke verkauft Caballero jährlich. Seine Kreativabteilung bastelt ständig an neuen Ideen oder der Umsetzung der absurdesten Wünsche: Kugelsichere Kimonos, gepanzerte Bettdecken, geschütztes Outfit für Rap-Musiker und mexikanische Polka-Kapellen - nichts scheint unmöglich. Sogar ein schussfestes Dirndl und eine stichfeste Lederhose hat er schon entworfen. Auch kugelresistente Bibeln und Soutanen für Pfarrer.

Seit neuem tragen auch die Scheichs der Emirate schusssichere Gewänder. Abu Dhabi und Katar sind Caballeros ertragreichste Märkte, erst dann kommt Lateinamerika. Ideal sind für sein Unternehmen Länder wie Mexiko, wo es viele Millionäre und Neureiche gibt, die gerne zeigen was sie haben. Hier hat er in einem der Reichenviertel von Mexiko-Stadt, zwischen Hugo Boss und einem Anbieter von Autopanzerungen, sein bisher einziges Geschäft außerhalb Kolumbiens eröffnet. Mitte Februar folgt eine Filiale in der peruanischen Hauptstadt Lima.

Die Phantasie von Caballero und seinen Kunden scheint grenzenlos. "Wir machen jetzt sogar Panzerungen für Privat-Hubschrauber", sagt er. "Gefahren und Verrückte lauern eben überall."

Forum

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insgesamt 25 Beiträge
1.
Attila2009 29.01.2013
Man kann mit alles Geld machen, sogar mit irrationalen Ängsten. Es gibt sicher auch Hersteller von Alu-Hüten die vor geheimen Strahlungen von Außerirdische schützen ( die Hüte helfen wirklich ! lol) und es gibt sicher [...]
Zitat von sysopKlaus EhringfeldMiguel Caballero stattet seit vielen Jahren Prominente und Politiker mit kugelsicherer Mode aus. Nach dem Amoklauf von Newtown hat er einen neuen Geschäftszweig eröffnet: gepanzerte Kinderkleidung. http://www.spiegel.de/panorama/kugelsichere-kleidung-fuer-kinder-caballeros-geschaeft-mit-der-angst-a-880135.html
Man kann mit alles Geld machen, sogar mit irrationalen Ängsten. Es gibt sicher auch Hersteller von Alu-Hüten die vor geheimen Strahlungen von Außerirdische schützen ( die Hüte helfen wirklich ! lol) und es gibt sicher Kunden die die kaufen und benuzten. Es gibt ja ein Sprichwort: jeden Morgen stehen 50 Dumme auf, man muss sie nur finden. Solch Schutzbekleidung wird schwer sein und sicher nicht sehr tragefreundlich und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein bis sie achtlos im Kofferraum liegt und der Sprößling im Sommer ein leichtes T-Shirt trägt. Selbst Polizisten ziehen ihre Schutzwesten nur an wenn sie es müssen. Eine gute Lösung ist das nicht und wer kann sich so etwas leisten.Sicher nicht jeder. Im Grunde macht der Hersteller es nicht anders als politische Parteien und Medien : Er schlachtet das aus und nutzt die Angst. Aus einem tragischen Fall macht man ein Geschäft bzw. die Parteien machen ein Wählerfangthema und die Medien eine Story...
2. Alles schön und gut...
Pommespanzer 29.01.2013
aber vor Kopfschüssen bietet auch diese Kleidung keinen Schutz...
aber vor Kopfschüssen bietet auch diese Kleidung keinen Schutz...
3. Klingt auf den ersten Blick klasse...
drsindelfaenger 29.01.2013
... man fragt sich nur wieso Polizei und Militärs so dicke Westen tragen und bei Beschuss immer noch sehr schmerzhafte Prellungen und sogar Knochenfrakturen erleiden, bei Kindern reicht für den Schutz aber schon ein [...]
... man fragt sich nur wieso Polizei und Militärs so dicke Westen tragen und bei Beschuss immer noch sehr schmerzhafte Prellungen und sogar Knochenfrakturen erleiden, bei Kindern reicht für den Schutz aber schon ein entsprechendes T-Shirt? Wenn man dann noch bedenkt, daß die im Artikel erwähnte UZI "lediglich" relativ schwache Pistolenmunition verschiesst, bei den Attentaten in den USA und auch in Norwegen aber (für ein Gewehr immer noch relativ schwache) Gewehrmunition im Kaliber .223 verwendet wurde und diese fast dreimal so viel Energie wie eine Pistole hat, relativiert sich der vielgepriesene Schutz ganz schnell. Da verdient sich jemand eine goldene Nase mit den Ängsten der Eltern!
4. Sehr lustige Vorstellung,
Mo2 29.01.2013
wie die Panzerkinder sich in die Schule schleppen und schon beim Weg in die Sporthalle unter der Last schlapp machen. Da bekommt "du stellst dich jetzt mal 10 Minuten in die Ecke" gleich ein ganz anderes Gewicht. Und [...]
wie die Panzerkinder sich in die Schule schleppen und schon beim Weg in die Sporthalle unter der Last schlapp machen. Da bekommt "du stellst dich jetzt mal 10 Minuten in die Ecke" gleich ein ganz anderes Gewicht. Und überhaupt: Dann erübrigt sich ja auch jegliche Waffendiskussion, endlich gibt es eine Lösung!
5.
datalien 29.01.2013
ca. 1,5 bzw. 2,5 Kilogramm, steht zumindest in den Bildern
Zitat von Attila2009Man kann mit alles Geld machen, sogar mit irrationalen Ängsten. Es gibt sicher auch Hersteller von Alu-Hüten die vor geheimen Strahlungen von Außerirdische schützen ( die Hüte helfen wirklich ! lol) und es gibt sicher Kunden die die kaufen und benuzten. Es gibt ja ein Sprichwort: jeden Morgen stehen 50 Dumme auf, man muss sie nur finden. Solch Schutzbekleidung wird schwer sein und sicher nicht sehr tragefreundlich und es dürfte nur eine Frage der Zeit sein bis sie achtlos im Kofferraum liegt und der Sprößling im Sommer ein leichtes T-Shirt trägt. Selbst Polizisten ziehen ihre Schutzwesten nur an wenn sie es müssen. Eine gute Lösung ist das nicht und wer kann sich so etwas leisten.Sicher nicht jeder. Im Grunde macht der Hersteller es nicht anders als politische Parteien und Medien : Er schlachtet das aus und nutzt die Angst. Aus einem tragischen Fall macht man ein Geschäft bzw. die Parteien machen ein Wählerfangthema und die Medien eine Story...
ca. 1,5 bzw. 2,5 Kilogramm, steht zumindest in den Bildern

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