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30.01.2013
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Keksdiebstahl bei Bahlsen

"Klauen ist keine Krümelmonster-Attitüde"

Fotos
dapd

Wer hat den vergoldeten Keks von der Fassade der Bahlsen-Zentrale gestohlen? Das Krümelmonster, wenn man einem Erpresserbrief glaubt. Wie viel kriminelle Energie steckt in dem Star aus der "Sesamstraße"? Fragen an Douglas Welbat, den Mann hinter dem Monster.

Hannover - Wo ist der vergoldete Keks? Diese Frage beschäftigt seit Tagen den Bahlsen-Konzern. Das überdimensionale Gebäck wurde von der Fassade des Stammhauses in Hannover geklaut. Am Dienstag bekam der Fall eine besondere Wendung: Bei der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung" ging ein Erpresserbrief ein, unterzeichnet vom "Krümelmonster". Ein beigelegtes Foto zeigt eine entsprechend kostümierte Person - mit einem großen vergoldeten Keks im Arm. Von den Dieben fehlt jede Spur.

Die Verfasser schreiben in dem aus Zeitungsschnipseln zusammengesetzten Brief: "Ich habe den Keks! Ihr wollt ihn haben." Die Forderungen sind eindeutig: Das Unternehmen solle alle Stationen im Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover mit Leibniz-Keksen versorgen. Zudem solle die zur Ermittlung des Täters ausgesetzte Belohnung von 1000 Euro an ein Tierheim gespendet werden. Werden die Forderungen nicht erfüllt, soll der Keks bei "Oskar in der Mülltonne" landen. Oskar, der in einer Tonne wohnt, ist wie das Krümelmonster eine Figur aus der "Sesamstraße".

Der Brief hat eine Menge Leute zum Lachen gebracht, doch Unternehmenschef Werner M. Bahlsen findet die Sache weniger lustig. Er appellierte an die Erpresser, den gestohlenen goldenen Keks zurückzugeben: "Dieser Keks ist für unser Haus ein Symbol." Der Konzern lasse sich nicht erpressen. Allerdings werde das Unternehmen bei Rückgabe des Diebesgutes eine soziale Aktion starten.

Wie viel Erpresser steckt im Krümelmonster? Wenn es jemand wissen muss, dann Douglas Welbat, die deutsche Stimme der Figur.

SPIEGEL ONLINE: Herr Welbat, Sie sind die Synchronstimme des Krümelmonsters. Hat sich die Polizei schon bei Ihnen gemeldet?

Welbat: Nein, ich habe erst durch dieses Interview von dem Diebstahl erfahren. Jetzt warte ich gespannt, was passiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel kriminelle Energie steckt im Krümelmonster?

Welbat: Ich glaube gar keine. Klauen ist keine Krümelmonster-Attitüde. Das würde auch dem pädagogischen Auftrag, den es seit 1972 hat, widersprechen. Es hält den kleinen Zuschauern einfach den Spiegel vor: In der Welt, in der alles so vernünftig und geordnet ist, gibt es so viele Ideen, Wünsche und Träume, die ungeordnet und wild sind. Und dafür steht das Krümelmonster. Das ist ein ganz normaler, auch menschlicher Zug, der nichts mit krimineller Energie zu tun hat.

SPIEGEL ONLINE: Aber ein Keksdiebstahl ist dem Krümelmonster schon zuzutrauen?

Welbat: Ich kann mich an keine Szene erinnern, in der es einen Keks geklaut hat. Wenn es Kekse gab, standen sie ihm zur Verfügung. Oder sie lagen so offen da, dass es nicht widerstehen konnte - und davon ausgehen durfte, dass es zumindest ein Zugriffsrecht hat.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es fair, das Krümelmonster als Impulsivtäter zu bezeichnen?

Welbat: Impulsiv ist es auf jeden Fall. Fehlende Selbstkontrolle ist sein Markenzeichen.

SPIEGEL ONLINE: Und alles, was dem entgegensteht, geht ihm auf den Keks?

Welbat: Ja, jede Art von Stromlinienförmigkeit und Political Correctness. Das Krümelmonster ist nicht gerade ein ordentlicher Charakter und deshalb steht es mit der Ordnung auf Kriegsfuß.

SPIEGEL ONLINE: Man denkt etwa an die Szene, in der Ernie Kekse zählen will und damit nicht besonders weit kommt.

Welbat: Das ist typisch. Da ist das Krümelmonster ein Beispiel für Kinder, die sich in dessen Anarchie wiedererkennen können. Dazu zählt auch das Verlangen, einen Wunsch unmittelbar zu erfüllen oder erfüllt zu bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb kommt das Krümelmonster, als es den Unterschied zwischen schnell und langsam erklären soll, ja auch zum Schluss, es könne Kekse besser schnell essen.

Welbat: Das würde ich auch typisch für das Krümelmonster betrachten, wobei es beides - schnell und langsam essen - gerne macht.

SPIEGEL ONLINE: Was mögen Sie außer der Liebe zu Keksen am Krümelmonster?

Welbat: Seine Spontaneität und Neugier. Es reduziert vieles im Leben auf den Keks. Damit macht es manches einfacher.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Welbat: Es sieht ein Problem, meistens entpuppt sich dieses als Keks. Und das Krümelmonster löst das Problem, indem es den Keks aufisst.

SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie selbst Kekse eigentlich auch sehr gerne?

Welbat: Wer mich sieht, merkt, dass man das nicht verleugnen kann.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen Sie es den Verfassern des Erpresserbriefes übel, dass sie das Krümelmonster als Tarnung benutzen?

Welbat: Als Privatmensch kann ich darüber schmunzeln, als Krümelmonster darf ich das nicht.

Das Interview führte Benjamin Schulz

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insgesamt 62 Beiträge
1. Humor
Peter-Lublewski 30.01.2013
"Der Brief hat eine Menge Leute zum Lachen gebracht, doch Unternehmenschef Werner M. Bahlsen findet die Sache weniger lustig." Weil der Typ anscheinend keinen Funken Humor hat.
"Der Brief hat eine Menge Leute zum Lachen gebracht, doch Unternehmenschef Werner M. Bahlsen findet die Sache weniger lustig." Weil der Typ anscheinend keinen Funken Humor hat.
2. optional
querulant1892 30.01.2013
Geil :-))) Zum ersten Mal seit langem, dass ich beim Lesen des SPIEGEL wieder lachen konnte.... Dass sich der Werner M. Bahlsen darüber aber aufregt, ist peinlich. Eine bessere Werbung für seine Firma könnte es eigentlich [...]
Geil :-))) Zum ersten Mal seit langem, dass ich beim Lesen des SPIEGEL wieder lachen konnte.... Dass sich der Werner M. Bahlsen darüber aber aufregt, ist peinlich. Eine bessere Werbung für seine Firma könnte es eigentlich kaum geben....
3.
Zaunsfeld 30.01.2013
Das Krümelmonster hat diese Tat schon vor fast zwei Jahren angekündigt, aber es wollte ja mal wieder niemand hören: Rammstein feat. Krümelmonster - Ich esse den Keks - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=G7S0T0ft-n0)
Das Krümelmonster hat diese Tat schon vor fast zwei Jahren angekündigt, aber es wollte ja mal wieder niemand hören: Rammstein feat. Krümelmonster - Ich esse den Keks - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=G7S0T0ft-n0)
4. GEFAKTE AKTION - ganz billiger PR Coup von Bahlsen!
meinungsmann 30.01.2013
Das es sich hier um einen wirklich ganz billigen PR-Coup von Bahlsen selbst handelt lässt sich doch an 5 Fingern abzählen. 1.) Die Entfernung des Kekses wurde offenbar nicht "bemerkt" bzw. durch "Handwerker" [...]
Das es sich hier um einen wirklich ganz billigen PR-Coup von Bahlsen selbst handelt lässt sich doch an 5 Fingern abzählen. 1.) Die Entfernung des Kekses wurde offenbar nicht "bemerkt" bzw. durch "Handwerker" getarnt nicht wahrgenommen. Aha?! 2.) Die Meldungen dazu waren ganz schnell in allen Medien umfangreich präsent. 3.) Die "Erpresser" handeln selbstlos und uneigennützig, sozial und "ach sooooooo menschlich". 4.) Der Erpresserbrief geht bei den örtlichen (und überregionalen) Medien ein und werden umgehend veröffentlicht. 5.) Alle Welt amüsiert und beklatscht diese Aktion als Robin Hood Aktion 2013 in den Medien. Fazit: PR SATT! - Ein Werbeblock in div. Jahresrückblicksendungen zur Primetime zum Jahresende ist damit auch kostenlos gesichert. HUT AB Bahlsen Marketingabteilung, das habt ihr ganz gut gemacht, wäre es nur nicht zu offensichtlich. Und SPON berichtet täglich von Twittereinträgen, etc. Liegen bei der SPON Redaktion eigentlich auch schon kostenlose Bahlsen Kekse aus?
5.
balmy_matrix 30.01.2013
Nun wollen wir doch mal wieder ein weniger ernster werden und mit diesen Verschwörungstheorien aufhören. Keine Marketingabteilung würde so etwas planen: 1. § 145d StGB Vortäuschen einer Straftat - dejure.org [...]
Zitat von meinungsmannDas es sich hier um einen wirklich ganz billigen PR-Coup von Bahlsen selbst handelt lässt sich doch an 5 Fingern abzählen. Und SPON berichtet täglich von Twittereinträgen, etc. Liegen bei der SPON Redaktion eigentlich auch schon kostenlose Bahlsen Kekse aus?
Nun wollen wir doch mal wieder ein weniger ernster werden und mit diesen Verschwörungstheorien aufhören. Keine Marketingabteilung würde so etwas planen: 1. § 145d StGB Vortäuschen einer Straftat - dejure.org (http://dejure.org/gesetze/StGB/145d.html) 2. Der PR-Schaden bei Aufdeckung einer solchen Praxis ist immens. Dieses Risiko geht niemand ein, virales Marketing ja, faken nein.

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  • Julian Wollny
    Douglas Welbat, Jahrgang 1957, ist Schauspieler, Drehbuchautor und Synchronsprecher. Er hat die "7 Zwerge"-Filme mit Otto Waalkes und den Animationsfilm "Der 7bte Zwerg" produziert. Welbat hat Figuren in zahlreichen Filmen und Serien seine Stimme verliehen.

    Seit vielen Jahren spricht er in der "Sesamstraße" das Krümelmonster. Zudem ist Welbat die deutsche Stimme von Schauspieler Rolf Lassgård, der den von Henning Mankell erfundenen Kommissar Wallander spielt. Welbat, gebürtiger Berliner, ist mit der Schauspielerin Katja Brügger verheiratet und lebt in Hamburg.

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