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05.02.2013
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Spitzel "Corelli"

V-Mann-Führer zum Rapport

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Thomas R. bei einem Neonazi-Aufmarsch in Magdeburg: Fotograf von Gegendemonstranten

Thomas R. führte fast zehn Jahre lang ein Doppelleben: Er war ein bekannter Neonazi aus Sachsen-Anhalt - und zugleich als V-Mann aktiv für den Verfassungsschutz, Deckname "Corelli". Der NSU-Untersuchungsausschuss fordert nun Details zu dem Spitzel.

Ein Szenario wird es im NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages ganz sicher nicht geben: einen schwadronierenden Neonazi vor dem Plenum. Darin ist sich die Mehrheit der Ausschussmitglieder einig. Keine Bühne für Rechtsextremisten.

Also wird auch Thomas R. kein Forum kriegen. Seine Kameraden nennen ihn "HJ Tommy" - die Hitlerjugend (HJ) war die Jugend- und Nachwuchsorganisation der NSDAP. Der 42-Jährige aus Halle gilt als mutmaßlicher Unterstützer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) - und es gibt Hinweise darauf, dass er Informant des Bundesverfassungsschutzes war. Von 1997 bis 2007 soll er für die Behörde gespitzelt haben. Sein Deckname: "Corelli".

Der NSU-Ausschuss hat das Bundesinnenministerium aufgefordert, sämtliche Kontaktleute des V-Mannes preiszugeben und die Akten zu seiner Person offenzulegen, um seinen V-Mann-Führer anhören zu können. Doch das Ministerium mauert, bestätigt nicht einmal, ob es je einen V-Mann "Corelli" gegeben hat und weigert sich, mehr Informationen als bereits bekannt herauszugeben.

Auch der Untersuchungsausschuss in Sachsen-Anhalt durfte zu "Corelli" nur belangloses Material einsehen: lediglich seine V-Mann-Berichte mit Informationen, die er seinen V-Mann-Führern in Sachsen-Anhalt zugetragen hat. "Da ist nichts Interessantes dabei", sagt einer, der Einsicht in die Akten hatte.

Die viel spannendere, sogenannte Quellenakte von Thomas R. blieb unter Verschluss: Darin sind alle Details zu seiner Anwerbung, seiner Bezahlung und seiner Vermittlung vom Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen-Anhalt zum Bundesamt für Verfassungsschutz aufgeführt. Zumindest sollten sie das.

Nun hat das Gremium den Verfassungsschutz-Präsidenten Hans-Georg Maaßen und Innenstaatssekretär Klaus-Dieter Fritsche vor den Ausschuss zitiert, um mit ihnen das weitere Vorgehen zu erörtern. Falls das Ministerium nicht einlenken sollte, müsse die Sache "notfalls gerichtlich geklärt werden", drohte Ausschuss-Chef Sebastian Edathy (SPD).

"Corellis" V-Mann-Führer muss geladen werden

Die anderen Abgeordneten unterstützen die Drohkulisse, gehen aber nicht davon aus, dass die Auseinandersetzung eskaliert. "Es wäre eine Premiere", sagt Wolfgang Wieland, Obmann der Grünen. Auch sein Kollege von der CDU, Clemens Binninger, betont, dass es bereits in der Vergangenheit "schwierige Fragen" mit Behörden gegeben habe, aber man "immer eine einvernehmliche Lösung" gefunden habe.

Egal wie: "Auf die Informationen zu Thomas R. können wir nicht verzichten, er taucht an zu wichtigen Stellen auf", so Binninger. Für die Mitglieder des Ausschusses steht fest: Thomas R. könnte bei der Aufarbeitung der NSU-Verbrechen eine Schlüsselfigur sein. Welche Informationen hat Thomas R. alias "Corelli" an den Verfassungsschutz weitergegeben? Wie nah stand er dem untergetauchten Trio? Was wusste er von den Morden und Banküberfällen? Hatte die Szene Ahnung vom NSU?

Die Ermittler waren Thomas R. auf die Spur gekommen, weil sein Name samt Adresse und mehreren Telefonnummern auf einer Liste stand, die Ermittler 1998 nach dem Untertauchen der drei Jenaer Rechtsextremisten des NSU in deren Garage sichergestellt hatten. Handschriftlich hatte Uwe Mundlos die Nummer 700512 notiert für ein Postfach, das R. bis zum Sommer 2012 nutzte.

Von 1997 bis 2007 soll Thomas R. als "Corelli" erst beim Landesamt, später beim Bundesamt für Verfassungsschutz angeheuert haben - eine ungewöhnlich lange Zeit für einen V-Mann. Seine erste Meldung soll die Kameradschaftsszene in Sachsen-Anhalt betroffen haben, aus Halle gab er Details zu geplanten Aktionen und Demonstrationen an die Behörde weiter.

Halle war auch ein Ort, den das Trio im Untergrund mehrfach anpeilte: Hier ließ sich Beate Zschäpe unter falschem Namen von einem Zahnarzt behandeln. "Warum ausgerechnet da?", wundert sich Sebastian Striegel, der innenpolitische Sprecher der Grünen im Landtag von Sachsen-Anhalt. "Zschäpe war meist in Thüringen und Sachsen, hatte ihr Aufenthalt in Halle etwas mit Corelli zu tun?"

"Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen."

Um die Jahrtausendwende - das Trio war gerade in den Untergrund gegangen - war Thomas R. einer der führenden Köpfe in der rechten Szene Sachsen-Anhalts. Er war Herausgeber der Zeitung "Nationaler Beobachter" und betrieb zahlreiche Internetseiten mit rechtsextremer Hetze.

In einem internen Bericht des Bundeskriminalamts (BKA) über "Rechtsextremistische Kameradschaften" wird er als Einziger namentlich aufgeführt und als "Namensgeber und Initiator" des Nationalen Widerstands Halle bezeichnet. Auch in der regionalen Sektion des militanten Neonazi-Netzwerkes "Blood & Honour" mischte R. mit und pflegte Kontakte zu anderen Größen aus den Nachbarbundesländern, zu NPD-Funktionären - und zu Uwe Mundlos.

Thomas R. soll mit fünf anderen Neonazis Anfang der neunziger Jahre den European White Knights of the Ku Klux Klan (EWK KKK), einen deutschen Ableger des rassistischen Geheimbunds in den USA, gegründet haben. Jene Vereinigung, der auch zwei Polizeibeamte aus Baden-Württemberg angehörten, die 2005 bei der Bereitschaftspolizei Böblingen im Dienst waren - zeitgleich mit Michèle Kiesewetter, die 2007 mutmaßlich von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Heilbronn erschossen wurde. Laut Untersuchungsbericht des baden-württembergischen Innenministeriums war einer der Polizisten zudem schwerpunktmäßig an Einsätzen mit "rechtem Hintergrund" beteiligt.

Bis etwa 2003 soll es den EWK KKK gegeben haben. Im Sommer 1996 kam es in Johanngeorgenstadt im Erzgebirge zu einer Kreuzverbrennung, ähnlich der Rituale des amerikanischen Vorreiters. In der rechten Szene Johanngeorgenstadts - und angeblich auch bei jener Kreuzverbrennung - tummelten sich damals mutmaßliche NSU-Helfer wie Mandy S., André E. und Matthias D. Sie waren es auch, die im Jahr 2000 die "Weiße Bruderschaft Erzgebirge" (WBE) gründeten, um "die Reinheit der wundervollsten Rasse" zu schützen, wie es in der Vereinspostille "The Aryan Law and Order" ein anonymer Autor formuliert.

Thomas R. engagierte sich indes bei dem rechten Fanzine "Der Weiße Wolf", in dessen Ausgabe Nummer 18 im Jahr 2002 ein interessantes Vorwort erschienen ist. Fettgedruckt, ohne nähere Erläuterung, heißt es da: "Vielen Dank an den NSU, es hat Früchte getragen. Der Kampf geht weiter!" Es ist die erste bekannte Erwähnung des NSU in der Öffentlichkeit, neun Jahre bevor die Mordserie aufgedeckt wurde.

Herausgegeben wurde das Heft zeitweise von David Petereit, Landtagsgeordneter der NPD in Mecklenburg-Vorpommern. Ermittler stellten bei ihm einen "Unterstützerbrief" des NSU sicher, Textbausteine aus diesem Schreiben tauchen später auch im Bekennervideo der Rechtsterroristen auf.

Dem Kuvert soll auch eine vierstellige Bargeldspende beigelegen haben, die aus einem Überfall des Trios stammen könnte. Ermittler vermuten, dass der NSU ausgewählte Gesinnungsgenossen unterstützt hat. 2500 Euro soll er an "Der Weiße Wolf" gezahlt haben. Auch Thomas R. soll den Fanzines mit Anzeigen für seine Internetauftritte finanziell geholfen haben.

Thomas R. ist seit seiner Enttarnung untergetaucht und soll inzwischen in einem Zeugenschutzprogramm sein.

In einer ersten Version stand, dass Thomas R. heute mit seiner Verlobten in Leipzig lebt. Die Redaktion.

Forum

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insgesamt 9 Beiträge
1. Jaja, da werden Verfassungsfeinde auch noch finanziert . . .
DDM_Reaper20 05.02.2013
Wäre es nicht so traurig, man müsste schallend drüber lachen: Dieser Kerl, immerhin überzeugter Neonazi, wurde jahrelang vom Verfassungsschutz ausgehalten, weil er ja ach-so-wichtige "Informationen" lieferte. [...]
Zitat von sysopThomas R. führte fast zehn Jahre lang ein Doppelleben: Er war ein bekannter Neonazi aus Sachsen-Anhalt - und zugleich als V-Mann aktiv für den Verfassungsschutz, Deckname "Corelli". Der NSU-Untersuchungsausschuss fordert nun Details zu dem Spitzel. V-Mann "Corelli": Innenministerium verweigert Informationen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/v-mann-corelli-innenministerium-verweigert-informationen-a-881466.html)
Wäre es nicht so traurig, man müsste schallend drüber lachen: Dieser Kerl, immerhin überzeugter Neonazi, wurde jahrelang vom Verfassungsschutz ausgehalten, weil er ja ach-so-wichtige "Informationen" lieferte. Inwieweit man solchen Leuten überhaupt trauen kann, sollten sich unsere Tausendsassas beim Verfassungsschutz mal fragen. Wenn die überhaupt daran Interesse haben. Klingt für mich langsam eher nach Versorgung von "alten Kameraden". Kurz und gut: Da kommt nichts bei raus. Es wird viel zu viel gemauert. Es sollte mal mit der Faust dazwischen gehauen werden -- Rausschmiss aller, die bei diesem unsauberen System mitgemacht haben, und zwar ohne großzügige Altersversorgung.
2. Pau ?
arti67 05.02.2013
Ich würde den Ausschüssen auch nicht alle Informationen liefern. Immer wieder kommt es aus den Reihen der Mitglieder zu Geheimnisverrat. Wann hat so etwas eigentlich mal strafrechtliche Konsequenzen, z. B. für Frau Pau?
Ich würde den Ausschüssen auch nicht alle Informationen liefern. Immer wieder kommt es aus den Reihen der Mitglieder zu Geheimnisverrat. Wann hat so etwas eigentlich mal strafrechtliche Konsequenzen, z. B. für Frau Pau?
3. optional
eu-citizen 05.02.2013
Es ist aber auch schwierig. Auf der einen Seite sollen Verfassungsschützer möglichst viel herausfinden und die Szene beobachten. Anf der anderen Seite sollen sie das aus möglichst großer Distanz erledigen, am Besten vom [...]
Es ist aber auch schwierig. Auf der einen Seite sollen Verfassungsschützer möglichst viel herausfinden und die Szene beobachten. Anf der anderen Seite sollen sie das aus möglichst großer Distanz erledigen, am Besten vom Schreibtisch aus. Was gefordert wird, ist ein klares Bekenntnis zur freiheitlich demokratischen Grundordnung der Nachrichtendienste und ihrer Mitarbeiter. Und natürlich braucht der Deutsche Bundestag, zumindest der betroffene Kreis, entsprechende Einsichtsmöglichkeiten, um die Dienste auch wirksam zu kontrollieren.
4. Wenn ich sehe
otto1890 05.02.2013
und höre, was da so beim Verfassungsschutz in Sachen NSU abging und abgeht wundere ich mich langsam, dass man dem Filbinger das Bundesverdienstkreuz nicht gegönnt hat.
und höre, was da so beim Verfassungsschutz in Sachen NSU abging und abgeht wundere ich mich langsam, dass man dem Filbinger das Bundesverdienstkreuz nicht gegönnt hat.
5.
friedrich_eckard 05.02.2013
Man darf vielleicht daran erinnern, dass der derzeitige Verfassungsschutzpräsident den monumentalen Saustall. der da seinen Missduft verbreitet, nur geerbt hat. Angelegt worden ist er unter der Ägide des Rechtssozialdemokraten [...]
Man darf vielleicht daran erinnern, dass der derzeitige Verfassungsschutzpräsident den monumentalen Saustall. der da seinen Missduft verbreitet, nur geerbt hat. Angelegt worden ist er unter der Ägide des Rechtssozialdemokraten Heinz Fromm, unrühmlich bekannt geworden als Teilnehmer an einem Heckenschützenangriff auf Andrea Ypsilanti und unentwegter Befürworter fortdauernder Bespitzelung der LINKEN. Auch wenn man ihm sicher keine persönlichen Nazi-Sympathien unterstellen darf: dass unter der Leitung dieses rotkollerigen Noske- und Zörgiebel-Epigonen, für den der Feind links stand, nur links und nirgendwo anders als links, die braunen Mäuse in seinem Hause auf den Schreibtischen tanzen konnten, nimmt nun wirklich nicht wunder. Woraus folgt: zusperren den Laden! Dieser rechte Sumpf ist anders nicht auszutrocknen, und es fragt sich ja ohnehin, ob es einen Inlandsgeheimdienst überhaupt zu geben hat - ich würde das allenfalls mit allen Vorbehalten unter der Aufgabenstellung "Spionageabwehr im nichtmilitärischen Bereich" mit ja beantworten. Für Straftaten - selbstverständlich auch für politisch motivierte - sind die Ermittlungsbehörden zuständig, und allfällige Anträge auf Parteiverbote müssen allein mit öffentlich zugänglichem Material begründet werden können - und wenn man das nicht kann, muss man es halt lassen.

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