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15.02.2013
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New York Fashion Week

Modeln auf dem Stundenplan

Von Wlada Kolosowa, New York
Wlada Kolosowa

Auf der New York Fashion Week präsentieren Designer ihre Entwürfe, unweit davon rüstet sich der Nachwuchs. In der Highschool of Fashion Industries stehen Schneidern, Modeln und Design auf dem Stundenplan - und Modeblogger vor der Tür.

"Models müssen auch Schauspieler sein", referiert die Dame an der Tafel. "Ihre Fotos müssen eine Geschichte erzählen." Hört sich nach einer Weisheit von Heidi Klum an, ist aber Englischunterricht an der Highschool of Fashion Industries. Das heutige Thema: wie man eine Fotostrecke plant. Anstatt Grammatik zu pauken, bringt der Abschlussjahrgang eine Modezeitschrift heraus - inklusive Beauty- und Modeteil. Hausaufgabe: ein Shooting für ein Teenager-Model vorbereiten.

Dann setzt die Musik ein. In dieser Schule gibt es keinen Pausengong, sondern fünf Minuten Pop - gerade genug Zeit, um zur nächsten Stunde zu eilen. In der Turnhalle laufen die Schüler auf einem improvisierten Catwalk. "Kopf nach oben! Nach oben!", sagt die Trainerin. Wer ausgewählt wurde, um die Kollektion der Abschlussklasse zu präsentieren, darf den Sportunterricht gegen Laufstegtraining eintauschen. Es gibt Ausdauerübungen, aber die Schüler lernen auch, wie man sich als Model bewegt.

Win-Win für Designer und Nachwuchs

Natürlich steht bei der Highschool of Fashion Industries nicht nur Mode auf dem Stundenplan, sondern auch Mathematik, Physik und Geschichte. Die Schüler werden mit etwa 14 Jahren aufgenommen - und müssen denselben Stoff behandeln, wie Schüler anderer New Yorker Highschools auch. Zusätzlich gibt es täglich zwei Stunden Unterricht in Modethemen. Die Schüler können zwischen verschiedenen Ausrichtungen wählen: Modemarketing, Illustration, visuelle Vermarktung oder Modedesign. Die meisten wählen Letzteres. Modedesign-Schüler lernen wie man näht, drapiert, Schnitt- und Textilmuster erstellt.

Fotostrecke

New York Fashion Week: Das Beste der Schauen
"Ich komme aus Queens und brauche für den Hin- und Rückweg zur Schule vier Stunden", erzählt Tiffany, 17, während sie eine Stofffalte an der Schneiderpuppe befestigt. "Aber das ist es mir wert." Vor drei Jahren hat sie bibbernd auf das Ergebnis der Aufnahmeprüfung gewartet: Bewerber müssen gute Noten vorweisen und einen Kunsteignungstest bestehen.

Irgendwann will Tiffany Abendkleider schneidern wie der Designer Zac Posen. Um ihrem Traum näher zu kommen, hat sie schon zwei Praktika absolviert und bei Schauen von Anna Sui und Y-3 ausgeholfen. Die Schule kooperiert mit der Modebranche. Letzte Woche hielt Tommy Hilfiger eine Rede. Viele Designer machen gemeinsame Projekte mit den Schülern.

"Eine Win-Win-Situation" nennt das Kate Boulamaali, 37, Assistenzdirektorin und Kunstlehrerin mit fünf Paar Schuhen in ihrem Büro. "Schüler können einen großen Namen in ihrem Lebenslauf vorweisen und Designer kriegen Einblicke in die jungen Köpfe." Teenager seien eine Trendquelle, der sich die Branche gerne bedienen würde. "Vor der Schule tummeln sich häufiger Fotografen und fangen Schüler ab", erzählt Boulamaali.

Kaderschmiede, keine Eliteschule

Teuere Designklamotten werden sie hier nicht finden. Die Highschool of Fashion ist keine Eliteanstalt, sondern eine öffentliche Schule. Das Gebäude steht mitten in Manhattan, aber die 1700 Schüler - 90 Prozent von ihnen Mädchen - kommen aus allen Teilen New Yorks. Viele stammen aus armen Familien und nehmen am Free-Lunch-Programm teil, das sie mit kostenlosem oder verbilligtem Mittagessen versorgt. "Das hier ist das echte New York", sagt Boulamaali. Über 80 Prozent der Schüler sind Hispanics oder afroamerikanischer Abstammung.

"In den vierziger Jahren war das eine Arbeiterschule - inzwischen ist es eine Kaderschmiede", erzählt Boulamaali. Einer der Absolventen ist der Designer Sal Cesarani, der nach seinem Abschluss unter anderem bei Ralph Lauren arbeitete, bevor er sich selbstständig machte.

Schwimmunterricht im Mode-Haifischbecken

Die Schüler schauen mit großen Augen auf die Fashion Week, die gerade in Manhattan stattfindet. Aber sie wissen, dass nicht alle von ihnen dort einen Platz finden werden.

Lois, 17, arbeitet gerade an ihrem Abschlussprojekt: einem Rock und einem Spitzenoberteil. Im Mai präsentieren die Schüler ihre Kollektion der Fachwelt. Nach dem Abschluss würde Lois am liebsten das Fashion Institute Of Technology besuchen - wie alle ihre Schulkameraden. Die renommierte Modeuniversität ist nur ein paar Straßen entfernt - scheint aber manchmal unendlich weit weg.

Bevor sie an der Highschool aufgenommen wurde, wollte Lois unbedingt Designerin werden. "Jetzt verstehe ich aber, wie viel Talente es allein in New York gibt. Es ist ein Haifischbecken." Jetzt will sie vielleicht Beauty-Redakteurin werden: "Ich muss schauen, wo die Branche einen Platz für mich hat."

Der Unterricht endet meist gegen 4 Uhr. Viele Schüler bleiben da, werkeln an ihren Projekten, nehmen an Fashion Clubs teil, dem Kosmetikclub, dem Strickclub oder dem Accessoire-Club. In der Schule ist die Mode-Welt etwas Spielerisches. Und außerhalb? "Die Branche ist taff. Davor können wir unsere Schüler nicht schützen", sagt Boulamaali. "Wir können ihnen nur einen kleinen Vorsprung geben."

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