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28.03.2013
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Nordafghanistan

Bauer verkauft neugeborene Zwillinge für 1000 Dollar

Aus Kabul berichten und Shoib Najafizada

Der Fall eines verarmten Bauern und seiner Kinder schockiert Nordafghanistan: Nachdem seine Frau bei der Geburt von Zwillingen starb, verkaufte der Vater die beiden Mädchen noch vor dem Hospital an Fremde. Die Polizei fahndet nach dem Mann.

Doktor Mohammed Anwar Wardak redet schnell und aufgeregt, wenn er über den Fall von Mohammed Zaher und seiner Ehefrau Qamargul spricht. "Wir haben alles für die junge Patientin getan, doch wir konnten sie nicht retten", sagt der Arzt aus dem nordafghanischen Pul-i-Khumri. Trotz Beatmung und einer Notoperation sei ihm die 36-jährige Frau am vergangenen Dienstag unter seinen Händen weggestorben.

"Es war ein tragischer Fall", sagt Wardak, "gegen die Embolie bei der Mutter konnten wir mit unseren bescheidenen Mitteln nichts tun, doch wenigstens konnten wir ihre Zwillinge retten".

Der Tod von Qamargul gehört in der bettelarmen Region Nordafghanistans zur traurigen Normalität. Immer wieder sterben dort Mütter bei oder unmittelbar nach der Geburt. Geschockt aber ist Doktor Wardak über das Nachspiel der Tragödie der Familie, die bereits vier Kinder hat und aus einem kleinen Dorf im Umkreis der Provinzhauptstadt von Baghlan stammt. "Als wir gehört haben, was nach dem Tod der Mutter passiert ist, sind wir alle hier im Hospital sehr traurig geworden", sagt Wardak.

In den Zeitungen Afghanistans ist die Geschichte des Bauern Mohammed Zaher in diesen Tagen nur eine kleinere Meldung, doch sie erzählt viel über die Verzweiflung der Bevölkerung Afghanistans: Kaum hatte der Vater nach dem Tod seiner Frau mit den beiden Zwillingen das Hospital verlassen, suchte er im Hof des Krankenhauses nach Käufern für die beiden Mädchen, so berichtet es Doktor Wardak. "Einer unserer Wachleute erzählte uns, dass er andere Patienten und deren Familie ansprach und ihnen erzählte, dass er die Kinder nicht allein aufziehen könne, er sei völlig verarmt."

Für das erste Mädchen gab es 20.000, für das zweite 30.000 Afghani

Aus dem Elend des Bauern wurde in wenigen Minuten ein Geschäft. Obwohl der Wachmann den Vater vom Gelände des Krankenhauses verwies, soll er auf der Straße weitere Passanten angesprochen haben. Es habe nicht lange gedauert, so Wardak, bis er seine beiden neugeborenen Mädchen verkauft hatte.

Für das erste Kind kassierte er nach Angaben des Arztes 20.000, für das zweite 30.000 Afghani. Umgerechnet 1000 Dollar - für einen Bauern aus der Region ein kleines Vermögen. Danach verschwand er und fuhr mit der Leiche seiner Ehefrau mit einem Taxi in sein kleines Dorf Dashtaq im Distrikt Dahn-i-Ghori, um sie dort zu beerdigen.

Die Behörden in Pul-i-Khumri haben erst durch Anrufe von Reportern von dem tragischen Fall erfahren. Umgehend kündigten sie Ermittlungen an und versprachen, den Vater zu finden. Dass man Kinder, die man nicht selbst aufziehen könne, zu Verwandten gebe, sei in Afghanistan ganz normal, sagt der zuständige Polizeichef der Stadt. Strafbar aber sei, wenn man dafür Geld nehme. Deswegen werde man den Vater nun suchen.

Ob die Mission gelingt, ist mehr als ungewiss. Das Dorf, aus dem die Familie stammt, gilt als Hochburg der Taliban. Die lokale Polizei hat dort wenig zu melden.

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