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Flüchtlingsheim am Grenzweg

Flüchtlingsheim am Grenzweg

Enayatullah hat Ärger mit der Polizei

SPIEGEL ONLINE

Enayatullah

Von Marianne Wellershoff
Samstag, 12.08.2017   12:23 Uhr

Enayatullah geht es gar nicht gut: Er ist depressiv und hält es im Flüchtlingsheim kaum noch aus. Jetzt hat er zudem Ärger mit der Polizei. Er soll eine Frau bedroht haben.

Flüchtlingsheim am Grenzweg

Enayatullah hat keine Lust, nach Berlin zu fahren. Nicht wegen der langen Fahrt von der Erstaufnahme (EA) in Hamburg-Rahlstedt zur afghanischen Botschaft in der Hauptstadt. Sondern weil er, wie er sagt, afghanische Behörden nicht leiden kann, denn die seien gleichbedeutend mit Bestechung.

Fahren muss Enayatullah trotzdem. In die Geburtsurkunde für seinen vor ein paar Wochen geborenen Sohn Hurat kann er erst als Vater eingetragen werden, wenn belegt ist, dass er mit der Mutter Sakineh verheiratet ist. Die Bestätigung vom Imam, die er aus Afghanistan mitgebracht hat, wird hierzulande nicht anerkannt. Enayatullah wird zwei Passbilder vorlegen, die Gebühr bezahlen und fünf Zeugen benennen, der Einfachheit halber fünf Afghanen, die auch in der Botschaft warten; dann wird er die Heiratsbestätigung bekommen und ans deutsche Standesamt weiterleiten.

Der Freund eines Freundes habe gesagt, er könne ihm bei dem Behördengang "helfen", was bedeute: Er solle ihm Geld geben, damit alles problemlos laufe. "Aber wenn jemand in der Botschaft von mir Bestechungsgeld verlangt oder mich beleidigt, dann werde ich das zur Sprache bringen", sagt Enayatullah und klingt schon jetzt ziemlich wütend. Er kenne die Ämter, denn er habe ja in Kabul für die Stadtverwaltung gearbeitet: Nur wer besteche, bekomme Aufträge.

"Müde, müde, müde"

Bald beginnt für Enayatullah und seine Frau ein Deutschkurs. Bis vor kurzem hätten ihnen als abgelehnte Asylbewerber, die auf ihren Prozess warten, die 960 Stunden Sprachkurs gar nicht zugestanden. Denn Integration ist nur vorgesehen für Menschen, bei denen "ein rechtmäßiger und dauerhafter Aufenthalt zu erwarten ist". Doch das Bundesarbeitsministerium argumentierte Anfang Juli, man könne schlecht von Afghanen Integrationsanstrengungen erwarten, wenn man ihnen gleichzeitig den Zugang zu Integrationskursen und Ausbildung verwehre. Und auch für die deutsche Bevölkerung sei es problematisch, wenn Menschen hier lebten, "ohne sich richtig verständigen zu können und soziale Teilhabe zu genießen."

Inzwischen hat auch Enayatullahs ambulante Psychotherapie begonnen. Eine Depression ist bei ihm diagnostiziert, er bekommt deshalb Medikamente. Zwei Sitzungen hat er bereits gehabt, mit Übersetzer, denn die Therapeutin ist Deutsche. "Alles, was sie hier für mich tun", sagt Enayatullah, "hat keinen Sinn." Er sei "müde, müde, müde", er könne nachts nicht schlafen und beiße zwanghaft auf seiner Lippe herum, bis sie blute. Und wenn er sich mal zwei Stunden fröhlich fühle, dann sei es "in der dritten Stunde vorbei". Sakineh sei bereits seit anderthalb Jahren in psychotherapeutischer Behandlung, und auch sie sage, "es bringt nichts". Ihr Therapeut, der das dem afghanischen Dari sehr ähnliche Farsi spricht, habe ihr geantwortet: "Dann musst du auch nicht mehr kommen."

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Der Therapeut habe Sakineh den Tipp gegeben, sie solle sich zurückziehen. Zurückgezogen, so hätten sie auch in Afghanistan gelebt. Aber wie solle das in einem Containerdorf funktionieren? Sie besäßen ein Attest, dass sie eine eigene Wohnung bräuchten, aber "keiner tut was", erzählt Enayatullah. Wenn er sage, er wolle endlich in eine Wohnung umziehen, höre er, dass er zu hohe Erwartungen habe. Er könne "das Leben im Modul" nicht mehr ertragen. Und er könne nicht mehr mit ansehen, dass Sakineh dauernd die Gemeinschaftstoilette putze, weil sie diese zu schmutzig fände. Allerdings habe seine Frau auch schon in Afghanistan einen Dauerkampf gegen Dreck und Bakterien geführt, so sei sie eben. "Was soll ich machen?"

Enayatullah hat von seiner Therapeutin einen Zettel mit Ratschlägen bekommen, wie er selbst gegen seine Depression arbeiten könne: Er solle die Treppe benutzen, statt Aufzug zu fahren, er solle Kontakt zur Familie halten und tägliche Spaziergänge mit dem Hund machen. Was für ein Aufzug im Containerdorf? Eltern besuchen, die auf der Flucht aufgegriffen und nach Afghanistan zurückgeschickt wurden? Ein Hund in einer Erstaufnahme?

Er soll eine Frau bedroht haben

Seit gut einem Monat hat Enayatullah noch ein weiteres Problem: Es gibt eine Strafanzeige gegen ihn wegen Bedrohung, Paragraf 241 Strafgesetzbuch: "Wer einen Menschen mit der Begehung eines gegen ihn oder eine ihm nahestehende Person gerichteten Verbrechens bedroht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft." Von dem, was in der EA Rahlstedt passiert sein soll, gibt es zwei Versionen. Der nachts herbeigerufenen Polizei hat die Bewohnerin erzählt, Enayatullah habe gedroht, sie umzubringen. Sie sagt, sie habe sich zuvor von ihm regelrecht verfolgt gefühlt. Eine Anzeige erstattete sie nicht, aber die Polizei nahm ihre Schilderung zu Protokoll.

Enayatullah sagt, er habe die Frau näher kennenlernen wollen, "als Kollegin, als Freundin, ich bin ein offener Mensch". Er würde "nie drohen, jemanden umzubringen". Ihn habe die Polizei an diesem Abend nur gefragt, warum er denn so viel Alkohol getrunken habe.

Die Frau könne erzählen, was sie wolle, sagt Enayatullah, "für mich ist das gegessen". Für die Polizei aber ist die Sache nicht gegessen, denn "Bedrohung" ist ein Offizialdelikt, weshalb jetzt die Kriminalpolizei ermittelt. Vielleicht wird das Ganze eingestellt, vielleicht nicht.

Eine Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr könnte nach Paragraf 54 Absatz 2 Aufenthaltsgesetz Grund für eine Ausweisung sein. Aber in Hamburg werden Familien derzeit nicht nach Afghanistan abgeschoben, und sogenannte Familientrennungen, bei denen nur ein oder mehrere Familienmitglieder abgeschoben werden, hat es 2016 auch nicht gegeben.

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