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Panorama

Umstrittener Facebook-Aufruf

Mann suchte Adoptiveltern für Baby mit Downsyndrom

Bei Facebook hat ein Mann Adoptiveltern für ein Baby mit Downsyndrom gesucht. Hunderte Interessierte meldeten sich bei der Vermittlungsstelle. Jetzt stellt sich heraus: Der Aufruf war wohl voreilig.

DPA

Eine Frau schiebt einen Kinderwagen (Symbolbild)

Dienstag, 12.09.2017   20:32 Uhr

Wer möchte ein Baby mit Downsyndrom adoptieren? Diese Anfrage bei Facebook, gestartet von Raphael Brinkert aus Hamburg, nach eigenen Angaben selbst Vater eines Kindes mit Trisomie 21, hat innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Menschen gerührt - und etliche veranlasst, zu handeln.

Mehrere Hundert Menschen aus Deutschland und aus dem benachbarten Ausland hätten ihre Bereitschaft erklärt, das Kind bei sich aufzunehmen, teilte Marcel Schweitzer mit, Sprecher der zuständigen Senatsbehörde. Er berief sich auf die Hamburger Vermittlungsstelle für Adoptivkinder. Der Sprecher betonte aber: "Das Kind kann noch gar nicht adoptiert werden."

Die Eltern des Babys hätten noch nicht in eine Adoption eingewilligt. Das sei auch rechtlich noch gar nicht möglich, weil das Kind noch zu jung ist, sagte der Sprecher dem SPIEGEL. Eine Freigabe zur Adoption ist laut Gesetz erst nach frühestens acht Wochen möglich. Das Baby wurde nach SPIEGEL-Informationen Mitte August geboren.

Aufruf sei mit den Eltern nicht abgesprochen gewesen

Der Aufruf sei nicht mit der Adoptionsvermittlungsstelle abgesprochen gewesen, sagte Schweitzer - und nach seinen Informationen auch nicht mit den Eltern. "Vielmehr sucht die Vermittlungsstelle, ihrem gesetzlichen Auftrag entsprechend, noch nach einem Weg, um den Eltern ein Leben mit ihrem Kind zu ermöglichen", sagte der Sprecher.

Ob das Baby also tatsächlich in einem Heim aufwachsen muss, wie von Brinkert befürchtet, ist unklar. Zahlreiche Medien hatten den Facebook-Aufruf aufgegriffen. Der Druck, der dadurch auf den leiblichen Eltern lastet, dürfte ihre Situation nicht leichter gemacht haben.

Brinkert selbst ließ am Dienstag eine Anfrage der Nachrichtenagentur dpa unbeantwortet. Am Morgen hatte er sich noch für die rege Anteilnahme auf Facebook bedankt. Sein Aufruf, der inzwischen nicht mehr öffentlich ist, hatte in den sozialen Medien viele Menschen gerührt. Er wurde für die "super Initiative" gelobt - nicht zuletzt, weil er sich bemüht hatte, Menschen die Scheu vor Kindern mit Downsyndrom zu nehmen. Viele kommen in Deutschland gar nicht mehr zur Welt, weil Eltern die Schwangerschaften aufgrund der Pränataldiagnostik abbrechen lassen.

"Wir selbst haben einen kerngesunden Jungen mit DS"

"Wir selbst haben einen kerngesunden Jungen mit DS und ehrlich gesagt machen uns seine Schwestern nicht selten mehr zu schaffen als er", hatte Brinkert in seinem Facebook-Post geschrieben. Binnen 72 Stunden sei sein Hilferuf mehr als 5000-mal geteilt worden.

Hat sein Vorgehen am Ende dazu geführt, dass sich mehr Menschen vorstellen können, ein Kind mit Behinderung bei sich aufzunehmen? Im Fall von Kindern mit "besonderen Bedürfnissen" sind solche Bewerber nach Angaben des Sprechers bisher tatsächlich eher "rar gesät".

Viele Interessierte wussten aber anscheinend nicht genau, wie eine Bewerbung um ein Adoptivkind in der Regel abläuft. Schweitzer erklärt: Wenn sich die leiblichen Eltern ein Leben mit ihrem Kind nicht vorstellen können, werde entweder im Bewerberpool der Adoptionsvermittlungsstelle oder überregional nach geeigneten Adoptiveltern gesucht. "Öffentliche Aufrufe finden nicht statt."

Die Adoptionsbewerber werden vorher auf ihre Eignung überprüft. So soll Schweitzer zufolge sichergestellt werden, dass sie den Anforderungen, die die Adoption eines "Kindes mit besonderen Befürfnissen" mit sich bringt, dauerhaft gewachsen sind. Die Kinder würden also nicht "freihändig" vermittelt.

fok/dpa

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