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Panorama

Obdachlose an der US-Westküste

"Ich wurde geschlagen, ausgeraubt und gejagt"

Manchmal liegt es an Drogen, manchmal an steigenden Mieten: Zehntausende Menschen entlang der US-Westküste haben keine feste Bleibe. Fotograf Jae Hong hat sie porträtiert.

AP
Mittwoch, 15.11.2017   06:43 Uhr

An einem Obdachlosen vorbeizugehen ohne hinzusehen, fällt manchen leicht. Viel schwieriger ist es, den Menschen mit dem Pappschild in die Augen zu sehen, auf dem sie um Essen oder etwas Geld bitten. Fotograf Jae Hong hat entlang der US-Westküste genau das getan - und eine Serie bewegender Porträts von Menschen erschaffen, die auf der Straße leben.

Unter den Porträtierten ist der 54-jährige James Harris, der seinen Bitten um etwas Geld häufig ein "Gott beschütze dich" vorausschickt. Das mache das Betteln leichter, sagte Harris, der in einem Zelt in Hollywood lebt. "Es ist hart, zu betteln und Dinge von Menschen anzunehmen." Seit Jahrzehnten lebe er mit einer HIV-Infektion, als die Medikamente nicht mehr wirkten, sei er depressiv geworden. Jetzt fühle er sich wie ein Ausgestoßener. "Ich wurde geschlagen, ausgeraubt und gejagt."

Obdachlosigkeit ist an der Westküste ein wachsendes Problem. Laut Associated Press (AP) haben dort Nacht für Nacht mehr als 105.000 Menschen kein Dach über dem Kopf. Weitere 63.000 Menschen leben den Angaben zufolge in Notunterkünften oder Zwischenstationen. Und jedes Jahr verlieren Tausende mehr durch steigende Mieten ihr Zuhause - an der US-Westküste liegen einige der angesagtesten Metropolregionen der Welt.

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Obdachlose an der US-Westküste: Gesichter der Straße

"Es ist katastrophal", sagte Jeremy Lemoine, der in Seattle im US-Bundesstaat Washington für eine Hilfsorganisation arbeitet, die Obdachlose unterstützt. "Es sind zu viele Bedürftige, die Anlaufstellen sind überfordert."

In Anaheim nahe Los Angeles, wo das Disneyland tagsüber Touristen lockt, schlafen regelmäßig 400 Menschen auf einem Radweg im Schatten des Baseballstadions. In San Diego lässt die Stadtverwaltung Gehwege mit Bleiche schrubben, um die Ausbreitung von Hepatitis A zu stoppen. In Portland im US-Bundesstaat Oregon zündeten Organisatoren eines Essensfestivals kürzlich Weihrauch an, um den Uringestank auf dem von Obdachlosen genutzten Parkplatz zu überdecken, auf dem die Verkäufer ihre Stände aufbauten.

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Armut in den USA: Ohne Obdach

Die Nachrichtenagentur AP hat mehrere Fotografen losgeschickt, um die Obdachlosigkeit an der US-Westküste zu dokumentieren. Ein Teil des Projekts sind die Bilder von Jae Hong, der die Augen der Obdachlosen in den Fokus nahm. Jede seiner Aufnahmen wird durch Informationen über die Porträtierten ergänzt.

Der Obdachlose James Harris hofft, als Veteran eine dauerhafte Unterkunft zu bekommen. Er lebe von 900 Dollar Sozialhilfe und dem, was er durch betteln zusammenbekomme. So könne er abends manchmal auch Crack rauchen. Aber, so behauptet Harris, er kaufe Notwendiges zuerst, Drogen zuletzt.

Als kürzlich nach einem Monat 105 Dollar übrigblieben, habe er sich einen Anzug gekauft und sich wie der Batman-Schurke Two-Face geschminkt, erzählt Harris. Auf dem Hollywood-Boulevard habe er mit diesem Outfit wie andere verkleidete Straßenkünstler etwas Geld einnehmen wollen. Verdient habe er keinen Cent.

apr/AP

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