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24.02.2012
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Film über Obdachlosigkeit

"Wie der letzte Penner"

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Foto: Radio Bremen TV

Sie hausen unter Brücken, in Männerwohnheimen oder Containerdörfern: In Deutschland leben mehr als 245.000 Menschen auf der Straße. Ein Fernsehteam hat Wohnungslose durch den Winter begleitet, entstanden ist ein eindringlicher Film - mit ernüchternder Erkenntnis.

Diana Bendix sieht man nicht an, dass sie säuft. Sie hält die Fassade aufrecht, achtet auf ihr Äußeres, pflegt sich penibel. Die dunklen Haare trägt sie kinnlang, nur den fehlenden Schneidezahn könnte man als Indiz dafür nehmen, dass ihr Leben an einem Punkt aus den Fugen geraten ist.

Als sie vor einem Jahr besoffen im Mutter-Kind-Heim auflief, nahm ihr das Jugendamt den Sohn weg. Seither haust die 42-Jährige in einem Container im Hamburger Stadtteil St. Georg, an der kalten, glatten Wand hat sie ein Bild aufgehängt, das ihr Sohn für sie gemalt hat.

Autor Holger Baars hat mit einem Fernsehteam von Radio Bremen Momentaufnahmen aus ihrem Leben und dem anderer Obdachloser dokumentiert, entstanden ist "Obdachlos - Wenn das Leben entgleist", ein eindringlicher, ehrlicher Film vom Rande der Gesellschaft.

Man komme sich vor "wie der letzte Penner", sagt Diana Bendix in die Kamera, "manche denken, wir taugen nichts und wollen nur auf Kosten des Staates leben". Dabei will sie nur eins: So behandelt werden wie andere auch. Das Team begleitet sie dabei, wie sie gegen die Vorverurteilung und für Respekt kämpft und wie sie versucht, einen noch tieferen Absturz abzuwenden.

Diana Bendix kann noch weiter sinken. Thomas Bonin ist bereits ganz unten angekommen. Seit zwei Jahren schläft der 35-Jährige unter der Brücke einer stark befahrenen Straße mitten in Bremen. Eingewickelt in Schlafsack und Decken, unter dem Parka mehrere dicke Pullover, liegt er in einem Matratzenlager, neben ihm sein Kumpel Steffen Krüger, 32 Jahre alt.

Prostitution für ein Dach überm Kopf

Zum Frühstück gibt es eine Pulle Bier, kalten Glühwein aus der Flasche, Zigaretten. Thomas Bonins Augen sind klein und glasig, die Wangen von der Kälte gerötet. Seine Beine, sagt er, seien schuppig, die Haut aufgescheuert. In der Nacht war es minus zehn Grad kalt, das Bier ist gefroren, aus der Flasche tropft nur Schaum.

Sein Leben bestimmt der Alkohol: Nach dem Aufwachen erst einmal auf Pegel trinken, das Leergut zum Supermarkt schaffen, am Geldautomaten zehn Euro ziehen, das muss für den Tag reichen. Davon bezahlt er zwei Euro für ein warmes Mittagessen im Jakobushaus, der Rest geht für Bier und Zigarillos drauf. Manchmal verkaufen Thomas Bonin und Steffen Krüger am Bahnhof die Obdachlosenzeitung für zwei Euro, einer davon geht an sie. In drei Stunden verkaufen sie jeder zwei Exemplare.

Bundesweit gibt es laut Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) mehr als 245.000 Obdachlose. Etwa 22.000 leben demnach ganz und gar auf der Straße, meist in den Großstädten. In Ostdeutschland sind etwa 30.000 Menschen und damit im Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich weniger ohne Wohnung als im Westen. Der Grund dafür ist laut BAG der höhere Leerstand im Osten.

Autor Holger Baars nähert sich in seinem Film auch dem Thema Obdachlosigkeit von Frauen. Bezogen auf die Gesamtgruppe der im Jahr 2010 Wohnungslosen schätzt die BAG ihren Anteil auf 26 Prozent, das sind etwa 64.000 Frauen. Eine von ihnen erzählt im Film, sie habe seit 1995 keine Wohnung und prostituiere sich für ein Dach über dem Kopf. Auf der Straße habe sie nie geschlafen, "außer wenn ich breit war".

Der Fernsehjournalist zeigt viele Gesichter aus dem Abseits - sie sind aufgedunsen vom Alkohol, tragen Schrammen und Narben schwerer Verletzungen. Die Blicke sind leer, ohne Hoffnung. Jeder dieser Menschen hat seine eigene Geschichte, und doch ähneln sich ihre Lebenswege auf erschütternde Weise: Irgendwann haben sie erst einen oder mehrere Menschen verloren, die ihnen wichtig waren, dann den Halt und die Disziplin, am Ende ihr Zuhause.

"Leute, die unsere Gesellschaft nicht braucht"

Holger Baars ist es gelungen, eine Nähe zu seinen Protagonisten aufzubauen, die fast weh tut. "Ich trinke jeden Tag", sagt Diana Bendix, mehrere Entzugsversuche hat sie hinter sich. Eine ihrer Mitbewohnerinnen im Containerdorf outet sich im Film als zweite Generation von Obdachlosen: Auch ihr Vater lebt in einem Heim für Wohnungslose. Ihr Freund sitzt im Gefängnis, das gemeinsame Kind ist in einer Pflegefamilie.

Hans-Joachim Grothe, 51 Jahre, gewährt Einblick in sein Zimmer in einem Männerwohnheim in Hannover, das er sich mit zwei Alkoholikern teilt. Eine karge Behausung zwischen Bierdosen und -flaschen, einen alten Koffer auf dem Schrank, angefaulte Lebensmittel auf einer Kommode. "Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich mal so tief sinke", sagt der ehemalige Bahnangestellte. Bei dem Gedanken, sein neunjähriger Sohn könne ihn dabei sehen, wie er am Bahnhof bettelt, muss er sich abwenden. "Ich würde mir das Leben nehmen."

Doku-Filmer Baars begleitet Thomas Bonin auf dem Weg in seine Vergangenheit, gemeinsam fahren sie an seine alte Arbeitsstelle. Als er pro Tag drei Flaschen Korn in sich schüttete, verlor er seinen Job. Im Film steht er stolz auf dem Parkplatz der Spedition, berichtet, wie er sich hochgearbeitet hat. Sein ehemaliger Chef kommt zufällig vorbei, eine deprimierende Begegnung. Der Chef eilt davon.

Holger Baars wahrte die Distanz beim Drehen, und doch schlichen sich Augenblicke des Mitleids ein, wie er sagt. Als Diana Bendix in einer Drehpause mit dem Team an einer Fischbude sitzt und Calamares isst, habe er gespürt, wie groß ihre Sehnsucht nach Normalität ist, wie groß der Wunsch, nicht mehr bei der Caritas oder einer Essensausgabe anstehen zu müssen.

"Die Menschen sind total einsam, sie haben kein soziales Netzwerk, keine Freunde, keine Familie, sie sind mit ihrer Situation völlig allein", resümiert Baars. Sie bräuchten psychologische Hilfe, einige seien suizidgefährdet. Der Bremer Sozialarbeiter Jonas Pot d'Or formuliert es im Film noch drastischer: "Die Leute, mit denen ich zutun habe, braucht unsere Gesellschaft nicht."

Die bittere Erkenntnis des Films aber fasst Thomas Bonin in Worte: Ja, er sei tief gesunken, sagt er. Aber es gehe noch tiefer.

"Obdachlos - Wenn das Leben entgleist", Montag, 22.00 Uhr, NDR

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