28.02.2012
Unicef-Studie zu Kinder-Alltag
Im Elend der Städte
Von Barbara HansKöln - Eigentlich ist alles in greifbarer Nähe: Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Schwimmbäder. In den Städten ist die Infrastruktur vorhanden, die es braucht, damit Kinder gut aufwachsen können. Immer mehr Mädchen und Jungen, weltweit rund eine Milliarde, leben in den Ballungszentren. Das entspricht der Hälfte aller Kinder. Allein: Jedes Dritte von ihnen lebt in einem Slum, von den Chancen des Lebens in einer Stadt haben sie so gut wie nichts.
Der Unicef-Bericht zur "Situation der Kinder in der Welt 2012" beschäftigt sich mit dem Leben der Kinder in der Stadt. Das Fazit: Für viele Kinder bedeutet ein Leben in den Metropolen ein Leben in Armut. Der Anteil der Kinder, die in den Armutsvierteln der Städte groß werden, steigt rapide. Lebten vor rund 50 Jahren nur knapp 30 Prozent der Mädchen und Jungen in Ballungsräumen, werden voraussichtlich in einigen Jahren zum ersten Mal in der Geschichte mehr Kinder in Städten aufwachsen als auf dem Land.
Jedes Jahr wächst die Stadtbevölkerung durch Landflucht und Geburten laut Unicef um über 60 Millionen Menschen weltweit, viele kommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die Wasserversorgung ist dort grundsätzlich besser als auf dem Land, es gibt bessere Einkommensmöglichkeiten. Ein Großteil der Kinder wird inzwischen auch in den Metropolen geboren.
Kinder werden geboren - offiziell gibt es sie nicht
Die Städte wachsen, doch die Infrastruktur wächst nicht mit, die Kluft zwischen Arm und Reich wird tiefer. Die Kinder profitieren wenig von den Verheißungen des Stadtlebens, sie haben oft keinen Zugang zu Schulen, zu sauberem Wasser, zu sanitären Einrichtungen, Elektrizität. Überproportional hoch sind allerdings die Risiken. Kinder werden Opfer von Gewalt und Ausbeutung. Die beengte Situation in den Slums birgt zudem die Gefahr von Krankheiten und Mangelernährung.
In manchen Ländern wird jedes zweite Kind, das in einem Slum zur Welt kommt, nicht registriert. Es gibt somit praktisch keinen Schutz, Mädchen und Jungen werden kriminalisiert, verjagt, misshandelt, missbraucht, verkauft. Viele von ihnen sind auf sich alleine gestellt. Mädchen werden von ihren Eltern in die Städte geschickt, um in Haushalten zu arbeiten - die werden dort mitunter wie Leibeigene geknechtet.
Die Kluft zu den Wohlhabenden ist so groß, dass vom Wohlstand der Stadt oft nichts bleibt. "Städte werden für immer mehr Kinder zu Orten der Armut", sagte der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider. Die Kindersterblichkeit in den Slums ist laut Unicef höher als in manchem armen ländlichen Gebiet. In den Slums Indiens gelten 54 Prozent der Jungen und Mädchen infolge von Unterernährung als körperlich und geistig zurückgeblieben.
Das Leben der Kinder in den Elendsvierteln ist laut der Studie gekennzeichnet durch:
- Unterernährung und Krankheiten: Gesundheits-Kampagnen erreichen die Kinder in den Slums häufig nicht, es gibt oft keine ausreichende Grundversorgung
- Beengte und unhygienische Verhältnisse: Zwar ist die Versorgung mit sauberem Trinkwasser besser als auf dem Land, allerdings sind Familien in den Slums häufig nicht an die Leitungsnetze angeschlossen. Wasser müssen sie zu überteuerten Preisen von Händlern kaufen. Seit den neunziger Jahren ist die Zahl der Menschen in den Städten, die ihre Notdurft im Freien verrichten, um 20 Prozent gestiegen.
- Ausschluss von Bildung: Studien zufolge besuchen bis zu 50 Prozent der Kinder aus den Slums keine Schulen - auch wenn diese in der Nähe sind.
- Mangelnder Schutz: 30 bis 50 Prozent der Kinder werden nach der Geburt nicht registriert, Millionen Mädchen und Jungen leben auf der Straße. Bestimmungen zum Kinderschutz können entsprechend nicht kontrolliert werden.
- Unsicherheit: Die Hütten der Slums wurden oft illegal errichtet, die Familien müssen damit rechnen, vertrieben zu werden. Im Jahr 2020 werden Schätzungen zufolge weltweit 1,4 Milliarden Menschen in Slums leben.
- Gewalt und Kriminalität: Die Armut ist ein Nährboden für Gewalt und Kriminalität. Die Mädchen und Jungen sind Opfer, Zeugen - und auch Täter. Eine Bandenkarriere beginnt im Durchschnitt im Alter von 13 Jahren.
Die Lebensverhältnisse der Kinder werden, so urteilt der Bericht, bei der Stadtentwicklung vernachlässigt, durch den anhaltenden Zustrom wachse das Problem noch. Städte, so die Forderung von Unicef, müssten stärker als Lebensraum von Kindern entwickelt und auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet werden.

