11.03.2012
Fukushima-Katastrophe
"Wir können nicht einfach traurig bleiben"
Tokio - Mit einer Schweigeminute und Gebeten haben die Menschen in Japan der Naturkatastrophe gedacht, die den Nordosten des Landes vor einem Jahr verwüstet hat. Am frühen Nachmittag des 11. März 2011 erschütterte ein Beben der Stärke 9,0 die Region. Kurz darauf krachten teilweise mehr als 15 Meter hohe Flutwellen auf die Küste. Die Wassermassen rissen Menschen, Häuser, Schiffe und Autos mit sich und hinterließen einen breiten Streifen der Verwüstung. Mehr als 15.800 Menschen starben, etwa 3000 werden noch immer vermisst. Im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi kam es in den folgenden Tagen zum größten nuklearen Unglück seit Tschernobyl.
Um 14.46 Uhr (6.46 Uhr MEZ), als die Erde vor einem Jahr zu schwanken begann, hielt das ganze Land für einen Moment inne. Auf der zentralen Gedenkfeier im Nationaltheater von Tokio legten Regierungschef Yoshihiko Noda, der kürzlich am Herzen operierte Kaiser Akihito und Hunderte Gäste und Angehörige eine Schweigeminute für die Opfer der Katastrophe ein. '"Ich hoffe sehr, dass wir dieses Desaster nicht vergessen und dass wir daraus etwas für den künftigen Katastrophenschutz lernen", sagte der 78-jährige Kaiser. Er dankte allen Helfern sowie den Reparaturtrupps in dem havarierten Atomkraftwerk für ihren Einsatz.
Regierungschef Noda sagte: "Ich finde keine Worte für den Schmerz, den ich mit den trauernden Familien empfinde." Er versprach, alles dafür zu tun, damit die Menschen in Fukushima bald wieder in ihre derzeit noch kontaminierten Heimatorte zurückkehren können. Auch er stellte fest, dass sich das Land besser auf kommende Katastrophen vorbereiten müsse.
Weitere Gedenkfeiern fanden in den am schlimmsten betroffenen Provinzen Iwate, Miyagi und Fukushima statt. In der Stadt Rikuzentakata ertönte zum Zeitpunkt des Bebens eine Sirene. Dutzende Menschen versammelten sich am Morgen an einem Baum, der den Tsunami überlebt hat und nun aus dem trostlosen Brachland ragt. Einige gingen an die Orte, wo einst ihre Häuser standen, und legten dort Blumen für ihre verstorbenen Angehörigen nieder.
"Ich wollte Menschen retten, aber ich konnte es nicht. Ich konnte nicht einmal meinem Vater helfen", sagte die 42-jährige Naomi Fujino mit Tränen in den Augen. Gemeinsam mit ihrer Mutter hatte sie es vor einem Jahr gerade noch rechtzeitig auf einen Hügel geschafft. Von dort sah sie, wie ihr Zuhause von der riesigen Welle fortgespült wurde. Das Schicksal ihres Vaters blieb lange ungewiss, erst nach zwei Monaten fand man seine Leiche.
Auch die 37-jährige Mika Hashikai, deren Eltern bei der Katastrophe ums Leben kamen, schaute sich zum Jahrestag am Sonntag noch einmal am Ort des Geschehens um. An den Überresten der Häuser von Freunden und Nachbarn legte sie Blumen nieder. Ihr Bruder habe damals auch seine Frau und seine Tochter verloren, sagte sie.
Proteste gegen Atomkraft
In den Städten Hiroshima, Osaka, Tokio und in Koriyama in der Präfektur Fukushima protestierten Menschen gegen die Atomkraft. In Koriyama versammelten sich Tausende in einem Baseballstadion, berichtete der japanische Sender NHK. In der Hauptstadt zogen AKW-Gegner vor die Zentrale des Energiekonzerns Tepco, der das havarierte AKW betreibt. Auf dem Kraftwerksgelände in Fukushima wollte der Chef von Tepco eine Schweigeminute einlegen und sich erneut für den Unfall entschuldigen.
Vor einem Jahr hatten in dem Atomkraftwerk die Notstromaggregate ausgesetzt, der Druck in den ungekühlten Reaktoren stieg unkontrolliert. Um 15.36 Uhr explodierte Block 1, die Wasserstoffdetonation zerriss das Dach, eine radioaktive Wolke stieg auf. Die Ausmaße des Desasters gestanden Tepco und die japanische Regierung erst Wochen später ein. Rund acht Prozent der Landfläche Japans wurden mit Cäsium 134 und 137 kontaminiert, das sind rund 30.000 Quadratkilometer. Mehr als 100.000 Menschen mussten wegen der Radioaktivität ihre Häuser verlassen. Ob sie je wieder zurückkehren können, ist ungewiss.
Inzwischen haben die Reaktoren nach Darstellung der Regierung einen Zustand der Kaltabschaltung erreicht und sind unter Kontrolle. Doch der Leiter des Kraftwerks, Takeshi Takahashi, räumte kürzlich ein, dass die Anlage immer noch anfällig sei. Es wird viele Jahre dauern, bis mit der Entkernung begonnen werden kann.
Ein Besuch in der Sperrzone
Anlässlich des Jahrestags durften Einwohner des verlassenen Ortes Okuma nahe des Kraftwerks für einige Stunden in ihre Häuser zurück, um der Toten zu gedenken. "Dieser Ort war wunderbar. Wenn all das nicht passiert wäre, könnte ich zurückkehren. Aber wegen Tepco konnte ich nicht einmal nach den Körpern meiner Verwandten suchen", sagte die 93-jährige Tomoe Kimura. Der Tsunami nahm ihr vier Angehörige. Die Behörden haben eine 20 Kilometer breite Sperrzone um das AKW eingerichtet.
In der Stadthalle des Küstenortes Ofunato legten Menschen weiße Chrysanthemen auf einen Altar, um an die 420 Opfer zu erinnern. "Wir können nicht einfach traurig bleiben. Es ist unsere Mission, der Realität ins Auge zu schauen und Schritt für Schritt nach vorne zu gehen", sagte Tankstellenbesitzer Kosei Chiba, 46, der seine Mutter und seine Frau verloren hat. "Aber unsere seelischen Narben sind zu tief. Der Wiederaufbau wird lange dauern." Mehr als 300.000 Menschen haben ihr Zuhause verloren, viele wohnen weiterhin in Behelfsunterkünften. In der Tsunami-Zone gehen die Aufräumarbeiten voran, von Wiederaufbau ist jedoch wenig zu sehen.
son/AP/rtr/dpa