26.03.2012
"Titanic"-Fans
Faszination des Untergangs
Von Nora Gantenbrink, Benjamin Schulz, Hendrik Ternieden und Simone Utler
Archivbild der "Titanic": Kein Unglück der Neuzeit fasziniert so viele Menschen
Kein Unglück bewegte in der Neuzeit so viele Menschen, wurde in so vielen Büchern und Filmen beschrieben wie der Untergang der "Titanic". Der Name des Schiffs gilt als Synonym für die Hybris des Menschen, der mittels Technik die Natur zu beherrschen versucht - und scheitert.
Tausende Schicksale sind direkt mit dem Untergang verbunden. Rund 1500 Menschen starben, Zehntausende trauerten um Verwandte und Freunde. Einer von ihnen ist Andre Ryerson, dessen Großvater sich in der Nacht des 14. April 1912 heldenhaft verhielt und sein Leben verlor. Seit Ryerson vom Schicksal seines Vorfahren erfuhr, lässt ihn der Untergang der "Titanic" nicht mehr los.
Der bis heute kaum fassbare Untergang des Jahrhundertdampfers fasziniert aber auch Menschen wie Jürgen Kliewe, der die modernen Heizsysteme des Schiffs derart bewunderte, dass er später selbst das Schiff baute, als Modell, in zweifacher Ausführung. Oder Brigitte Saar, die dem Wrack der ""Titanic"" so nahe war wie nur wenige.
SPIEGEL ONLINE stellt fünf Menschen vor, deren Leben von der "Titanic" maßgeblich geprägt wurden.
Enkel eines Passagiers - Großvater trat Platz im Rettungsboot ab
Andre Ryerson ist ein Enkel des Kanadiers René Jacques Lévy, der beim Untergang der "Titanic" einer Frau in ein Rettungsboot half und selbst auf dem sinkenden Schiff zurückblieb. Ryerson ist 75 und lebt mit seiner Familie in den USA, in Amherst, Massachusetts.
René Jacques Lévy mit Töchtern: Das Mädchen neben ihm ist Ryersons Mutter Simone
René Jacques Lévy war bei seinem Tod erst 36. Er war ein erfolgreicher Chemiker und Erfinder und geschäftlich in Europa unterwegs. Eigentlich sollte er zehn Tage später ein anderes Schiff nehmen, wollte aber schneller bei seiner Familie sein. Meine Mutter hing sehr an ihm, war immer ein Vaterkind. Sie war bei seinem Tod sieben Jahre alt und die älteste von drei Töchtern. Meine Großmutter wurde nach dem Unglück in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, meine Mutter und ihre Schwestern waren damit quasi Waisen und kamen in eine Klosterschule.
Wir haben wenig über die "Titanic" gesprochen. Es war einfach eine zu große Tragödie, ein schwarzer Fleck in unserer Familiengeschichte. Ich habe das Thema gemieden, wollte mir Filme wie "A Night to Remember" und "Titanic" nicht ansehen. Besonders schlimm war die Tatsache, dass wir nichts über Lévys letzte Stunden wussten. Meine Mutter malte sich immer aus, wie er in dem eiskalten Wasser ertrunken ist.
Erst vor wenigen Wochen habe ich Details erfahren. Die Royal Society of Chemistry hat mich kontaktiert und mir erzählt, dass sie Lévy postum ehren wolle, weil er damals seinen Platz in einem Rettungsboot abgetreten habe. So heißt es - aber genaugenommen hatte ja niemand einen Platz, es herrschte Chaos. Beim Untergang verhielten sich manche Männer schäbig, andere waren Mitläufer, einige aber folgten dem Leitspruch "Frauen und Kinder zuerst".
Heute weiß ich, mein Großvater war einer dieser Männer, für die es schon ein Denkmal gibt. Er half einer Frau, die mit ihm in derselben Kabine in der zweiten Klasse gewesen war, in das Rettungsboot 11, sagte "au revoir", winkte ihr nach - und wurde nie wieder gesehen. Auch seine Leiche wurde nicht gefunden. Die Frau hat die Erlebnisse in ihrem Tagebuch festgehalten, die Royal Society of Chemistry stieß in einem Archiv darauf.
Seit ich von dieser Heldentat weiß, hat sich für mich viel geändert. Ich recherchiere zu dem Thema, vor allem zu der Frage, was schiefgegangen ist. Und im Herbst werde ich die Ehrung für Lévy in London entgegennehmen, voraussichtlich mit meinem Sohn. Außer uns leben nur noch mein jüngerer Bruder und zwei Kinder eines Cousins. Es ist so traurig, dass Lévys drei Töchter nicht mehr die Wahrheit über ihren Vater erfahren haben. Sie sind alle Ende der achtziger Jahre gestorben.
Protokoll: Simone Utler
Der Modellbauer - 5300 Stunden Detailarbeit
Jürgen Kliewe hat zwei "Titanic"-Modelle im Maßstab 1:100 gebaut. Der 49-Jährige ist seit 1984 mit seiner Frau Ute verheiratet und hat zwei Söhne. Kliewe leitet das Bau- und Ordnungsamt in Ueckermünde.
Als Kind war die "Titanic" für mich ein Objekt der Sehnsucht. Unsere Wohnung in Ueckermünde hatte nur Ofenheizung, ich musste draußen aufs Klo gehen. Das war noch in den siebziger Jahren so. Auf der "Titanic" gab es dagegen schon 1912 moderne Heizsysteme, und in der ersten Klasse hatte jeder ein Bad. Das hat mich beeindruckt. Mein Vater hat mir viele Geschichten über das Schiff erzählt. Als ich zwölf war, hat sich bei mir die Faszination festgesetzt. Nicht für die Tragödie des Untergangs, sondern für das Schiff selbst.
Mit 14 habe ich angefangen, mein erstes "Titanic"-Modell zu bauen. Als Vorlage hatte ich ein einziges Foto, eine Seitenansicht. Mehr gab es bei uns in der DDR nicht. Die Größe - 269 Meter - wusste ich ja. Auf Grundlage des Fotos habe ich einen groben Plan gezeichnet und ein erstes Modell gebaut. Es ist wie das Original bei der Jungfernfahrt gesunken, in einem Torfloch. Ich hab das Schiff nicht geborgen, und danach war es mit der "Titanic" für mich auch erst mal gut. Ich wusste, dass ich ohne weitere Vorlagen und Pläne kein besseres Modell bauen konnte. Das war 1976.
Richtig ernst wurde es dann Anfang der neunziger Jahre. Weihnachten 1992 hat mir meine Frau ein weiteres "Titanic"-Buch geschenkt. Da hat es mich gepackt. An Silvester habe ich den Kiel für mein erstes Modell im Maßstab 1:100 gelegt. Ich konnte mir nie vorstellen, etwas anderes als Schiffe nachzubauen, die haben es mir einfach angetan. Bei der "Titanic" kamen ihre beeindruckende Größe und Schönheit dazu.
1995 war das Modell fertig, 2,69 Meter lang. Insgesamt habe ich 2500 Stunden reingesteckt, aber es war nie eine Obsession. Ich wollte mir einfach beweisen, dass ich so ein Modell bauen kann. Andere Leute sammeln Bierdosen, das finde ich weniger sinnvoll. Meine Frau hat auch nicht gemeckert, sie hat immer gesagt: "So weiß ich wenigstens, wo du bist."
Macher einer "Titanic"-Ausstellung haben mich 1998 gefragt, ob ich ihnen mein Modell leihen würde. Später ging es auf Tour in die USA. 1998 habe ich auch mit dem Bau eines zweiten Modells begonnen. Dafür habe ich 2800 Stunden gebraucht - 300 mehr als für das erste Modell, weil meine Ansprüche gestiegen waren. Mit Ätztechnik habe ich filigrane Teile, einen Drittel Millimeter stark, in Messing eingearbeitet. 2001 war Modell 2 fertig, es ging direkt zu Ausstellungen nach Amerika.
Jetzt sind mehr als zehn Jahre vergangen, und die Modelle sind immer noch unterwegs. Gesehen habe ich sie seither nicht mehr. Aber ich bekomme ab und zu Fotos und Informationen, wo die Schiffe unterwegs sind. Die letzte Mitteilung stammt vom Dezember. Da waren die Modelle in Brasilien und Australien. Die Veranstalter wissen vermutlich selber nicht mehr, welches Modell welches ist.
Irgendwann will ich meine Modelle nach Hause holen. Das zweite will ich behalten, weil es das genauere der beiden ist. Das erste werde ich wohl verkaufen, das Ding nimmt mit seinen fast drei Metern ja auch viel Platz weg. Ideal wäre ein Glaskasten in einem Restaurant oder Museum hier in Ueckermünde, wo ich es leicht sehen könnte.
Heute ist die "Titanic" als Modellbauobjekt für mich uninteressant, aber das Schiff beschäftigt mich immer noch. Ich betreibe eine Internetseite zum Thema. Wer der "Titanic" so viel Herzblut und Lebenszeit geopfert hat wie ich, kann sie nicht einfach loslassen.
Protokoll: Benjamin Schulz