19.06.2012
Entzugsklinik in Kirgisien
Vom Vollrausch in die Vollnarkose
Aus Bischkek berichtet Stefan Kempfen"Wie viele Klassen haben Sie besucht?" "Acht Klassen in Russland, dann bin ich zwei Jahre in Deutschland zur Schule gegangen." "Dort haben Sie dann Ihren Abschluss gemacht?" "Nein." "Und warum nicht?" "Weil ich da schon ein Drogenproblem hatte." "Und was haben Sie genommen?" "Marihuana." "Das heißt also, dass das Marihuana Sie daran gehindert hat, die Schule zu beenden?" "Ja, wenn man Marihuana nimmt, fällt es einem schwer morgens aufzustehen." Eine einfache Erklärung für den Anfang vom Ende.
Der Mann, der wie ein Schuljunge brav Fragen beantwortet, die er früher gehasst hat, ist der Russland-Deutsche Eduard aus Ostwestfalen: 37 Jahre alt und seit dem 18. Lebensjahr "richtig drauf", Opium, Heroin, Polamidon, das stärkste Ersatzmittel. Das kickt zwar nicht, nimmt aber die Entzugserscheinungen und kostet nur die Krankenkassen Geld. Gearbeitet hat Eduard nie.
Die Fragen stellt Marat Daudow, Facharzt der Psychiatrie im "Nazaraliev Medical Center", einer Entzugsklinik, die weltweit als eine der härtesten gilt. Die Techniken ihres Gründers Jenischbek Nasaraliew sind umstritten, sie gleichen einer Tortur.
Eduard machte sich auf den weiten Weg nach Bischkek, in die Hauptstadt Kirgisiens. Dort residiert "Dr. Cocaine" oder auch "Dr. Life", wie Nasaraliew sich gern nennt, und herrscht über Leben und Tod. Nur wenige können sich die Reise leisten.
Eduards Familie hat sie sich vom Mund abgespart, 5000 Euro kostet die Therapie. Nasaraliew rühmt sich einer Erfolgsquote von 50 Prozent, das ist auch im internationalen Vergleich nicht schlecht. Die Behandlungen gegen Drogensucht dauern in der Regel 35-45 Tage, die gegen Alkoholismus 7-14 Tage. Sie kosten bis zu 15.000 Euro.
Eduard hat nichts mehr zu verlieren. Er hat viel Hoffnung, aber auch Angst: "Dass man hier eingeschlossen, angekettet wird, nichts zu Essen bekommt und vielleicht sogar geschlagen wird. All das habe ich gehört. Morgen werde ich ins Koma versetzt. Das ist eine Todeserfahrung, aber da muss ich durch."
Gestorben ist in der Klinik angeblich noch niemand - dennoch beäugen westliche Suchtexperten das Treiben mit Argwohn. Der Popularität und dem geschäftlichen Erfolg des 52-jährigen Klinikleiters tut das keinen Abbruch. Seit Gründung der Einrichtung im Jahre 1991 sollen mehr als 8000 Drogenabhängige und Alkoholiker Doktor Nasaraliews Therapie erfolgreich durchlaufen und durchlitten haben. Sie besteht aus Koma-Therapie, sogenanntem Mindcrafting und Stresstherapie.
Im Westen konzentriert sich die Behandlung von Drogenabhängigen auf eine Kombination von Medikamenten und Verhaltenstherapien. "Der Einsatz von Methadon ist immer noch besser als Diebstahl oder Mord, um an die Drogen zu kommen", sagt der studierte Arzt und Psychologe Nasaraliew. "Aber viele vergessen, dass Methadon auch eine Droge ist, die Abhängigkeit also bleibt. Das möchte ich ändern und ein vollständiges System entwickeln, im Kampf gegen die Drogen und den Drogenhandel in der ganzen Welt."
Aus der Knechtschaft ins Koma
6 Uhr, Eduard hat schlecht geschlafen, das Frühstück fällt aus. Man hat ihn in weiße Anstaltskleidung gesteckt und führt ihn auf wackeligen Beinen in den Keller der Klinik. Der Raum ist grün gekachelt, in zwei Reihen stehen je vier Betten mit Fixierungsriemen; im Spalier dazwischen zwei Ärzte und zwei Schwestern, ernst und regungslos. Heute soll die Koma-Therapie gleich vier Entzugswillige in ein neues Leben spritzen.
"Wache ich auch wirklich wieder auf?", stammelt Eduard, dann wirkt der Medikamentencocktail. Die Ärzte verraten nur, dass auch Atropin darin enthalten ist. Hoch dosiert blockiert es einen Teil des vegetativen Nervensystems, den Parasympathikus. Die Entzugserscheinungen werden so eine Zeitlang unterdrückt. Die Prozedur katapultiert das Gehirn auf die niedrigste Bewusstseinsebene, die letzte Stufe vor dem Tod. Der Exitus ist einkalkuliert und nur durch permanente Überwachung der Versorgung des Hirns auszuschließen. Doch eine Basisausstattung der Intensivmedizin sucht man vergebens.
Vier erwachsene Männer liegen im Keller der Klinik, niedergestreckt aus dem Vollrausch in die Vollnarkose. Sie werfen die Köpfe zurück, strecken den Körper, zappeln mit den Beinen, traktieren das Bett mit ihren Füßen, verharren in Embryostellung; schnarchend und stöhnend, sabbernd und schweißgebadet. Fast gelangweilt werden sie beäugt vom medizinischen Personal.
Nach vier Stunden ist die Tortur vorbei, die Gegenmittel werden gespritzt. Tatsächlich werden alle wieder wach. Eduard muss von zwei Pflegern gestützt werden, mitgenommen sieht er aus. Er schläft seinen Koma-Rausch aus, es dauert einige Tage, bis sich sein Körper erinnert, dass es ein Leben vor den Drogen gab.
Das Spritzbesteck verbrennt im Feuer
"Um diese Sucht zu stillen, ist ein Mensch zu allem fähig", sagt Wladimir, 40, ein ehemaliger Leistungssportler. Bis zu 30-mal am Tag spritzte er sich kleinere Dosen, weil er Angst vor einer Überdosis hatte. Er hat fast keine Stelle mehr am Körper, die durch die vielen Injektionen nicht vernarbt ist.
Der Sibirier hat die Koma-Therapie bereits hinter sich und darf zum sogenannten Mindcrafting an den Issyk-Kul, einen See rund 200 Kilometer von Bischkek entfernt. Inmitten einsamer Landschaft und fünftausend Meter hoher Berge haben Nasaraliews Therapeuten aus Rundhütten ein Lager gebaut. Es dient als Therapiezentrum. Speziell entwickelte Psychotechniken sollen das Bewusstsein erweitern - ohne Drogen. Das Mindcrafting dient dazu, das Heroin aus dem Kopf zu kriegen, nachdem die Koma-Therapie es aus dem Körper holte.
Wladimir liegt flach am Boden und hyperventiliert. Das Atemtraining heißt "Absolutus" - es wird 45 Minuten lang praktiziert und soll den Patienten in Trance versetzen. Die Tage am See krönt der Besuch der Jurten-Sauna, bei extrem hohen Temperaturen, Peitschenhieben und anschließendem Kälteschock im See. Körper und Geist sollen gestählt werden für die letzte Etappe auf dem Weg in ein drogenfreies Leben, die Stresstherapie. In einer feierlichen Zeremonie nimmt Wladimir Abschied von Spritzbesteck und Stiletto, sie verbrennen im Feuer.
Doktor Nasaraliew steht vor Wladimir. Ehrfurchtsvoll und mit gesenktem Kopf schaut der Patient ihn an. Der Arzt geht sofort mit ihm ins Gericht, mit hypnotischen Handbewegungen und mantraähnlichen Verbalattacken, der Stresstherapie. Nach kurzer Zeit lässt Wladimir alles mit sich machen, er schreit sich die Seele aus dem Leib: "Du Mistkerl. Lass mich in Ruhe. Ich will dich nie wieder sehen!" Der Mistkerl ist die Droge, die ihn schon viermal ins Gefängnis gebracht hat und ihn seine zwei Söhne beinahe vergessen ließ.

