23.06.2012
Griechenlands EM-Aus
Mal wieder nicht gerettet
Aus Thessaloniki berichtet David BöckingAls der fünfjährige Manolis am Freitag in seinen Schulbus steigt, empfängt ihn der Fahrer mit einem Lächeln und dem Victory-Zeichen. Manolis weiß worum es geht, sein Vater hat es ihm erklärt. Wir spielen gegen die Deutschen! Sind das die, die uns im Zweiten Weltkrieg besiegt haben, wollte Manolis wissen. "Ja", sagte der Vater, "aber heute sind wir gute Freunde."
Ein paar Stunden später sitzen Manolis' Eltern mit Freunden im Social Café, einem beliebten Straßenlokal im Zentrum von Thessaloniki. Der Andrang ist groß, die Stimmung friedlich. Die Freundschaft zu Deutschland steht dennoch nicht im Vordergrund. "Elf Millionen gegen Elf", hat die Zeitung "Ta Nea" am Morgen vor dem Spiel getitelt - alle Griechen gegen die deutsche Nationalmannschaft. "Eleftheros Typos" rief gar eine "Schlacht zwischen Arm und Reich" aus.
Die Schlacht ist schnell entschieden. Die Deutschen gewinnen, die Rollenverteilung bleibt dieselbe: Deutschland ist groß, aus griechischer Perspektive sehr wohlhabend, und steht im Halbfinale. Griechenland ist klein, hoffnungslos verschuldet und jetzt auch noch bei der EM ausgeschieden. Die Rettung scheitert mal wieder.
Hurra! Wir haben die Mittellinie überquert!
Immerhin: Während die Griechen den Kampf gegen die Staatspleite mit zunehmendem Fatalismus verfolgen, können sie sich im Fußball auch über kleine Erfolge freuen. "Wir haben die Mittellinie überquert", bejubelt Georgios die erste bescheidene Offensive. Jeder Schuss aufs deutsche Tor wird gefeiert, jede Parade eines deutschen Angriffs auch. Letztere gibt es allerdings häufiger zu bejubeln.
Georgios ist denn auch schnell desillusioniert, prophezeit nach wenigen Minuten ein 5:0 für Deutschland. Der 37-jährige Chemie-Ingenieur ist arbeitslos, bei der Parlamentswahl hat er erfolglos für das Linksbündnis Syriza kandidiert. Das steht für den Widerstand gegen harte Einsparungen, die Griechen vor allem mit Deutschland verbinden. "Ich denke nicht, dass die Leute feindselig gegenüber deutschen Touristen sind", sagt Georgios. "Aber mit deutschen Politikern wie Merkel oder Schäuble sieht es anders aus."
So ist es. Von pauschaler Deutschenfeindlichkeit ist in Griechenland nichts zu spüren. Als deutscher Journalist bekommt man in diesen Tagen sogar manches angeboten - vom landestypischen Café Frappé bis hin zur Taxifahrt. Die Geschenke werden meist mit einer Botschaft verbunden: Sagt den Deutschen, dass wir nicht faul sind und uns um eine Lösung bemühen.
Doch als im Social Café das erste Mal Angela Merkel auf dem Bildschirm erscheint, ertönen Buhrufe. Die Frage, ob die Bundeskanzlerin das Spiel besuchen wird, hat die griechische Öffentlichkeit bewegt. Merkel neben dem linken Syriza-Chef Alexis Tsipras auf der Tribüne, dieses Bild hätten sich viele gewünscht. Doch jetzt sitzt nicht mal der neue konservative Premier neben Merkel - er liegt wegen einer Augenoperation im Krankenhaus.
Vier Tore sind vier Tore
Über Samaras kursiert vor dem Spiel ein Witz. Merkel gibt ihm darin das Spielergebnis vor: Die Griechen sollen drei Tore in der ersten Halbzeit kassieren und drei in der zweiten. Doch Samaras verhandelt knallhart. Am Ende einigt man sich auf zwei Tore in der ersten und vier Tore in der zweiten Hälfte.
Deutschland diktiert Griechenland seinen Untergang: Das ist mehr als ein Witz, sondern die Überzeugung von vielen. Wer vor einem Jahr mit Griechen sprach, der hörte noch viel Selbstkritik. Vor allem ältere Bürger sagten, ihre Generation habe das Land selbst in seine missliche Lage gebracht. Inzwischen geht es fast nur noch um die Deutschen und andere EU-Staaten, welche das Land angeblich ruinieren.
Zorn und Angst sind verständlich. Viele Griechen haben durch die Sparpakete hohe Einbußen erlitten und fürchten um ihre Existenz, die Selbstmordrate ist stark angestiegen. Wenn Bundestrainer Joachim Löw die griechische Mannschaft vor dem Match als "die Überlebenskünstler in Europa" bezeichnet, so hat das einen seltsamen Unterton. Andererseits scheinen in Griechenland inzwischen alle Opfer zu sein - auch Bürger, denen es erkennbar gut geht. Die Frage nach eigenen Fehlern rückt in den Hintergrund.
Auf dem Fußballplatz allerdings sind Schwächen zu offensichtlich, als dass man sie ignorieren könnte. Als Philipp Lahm nach 39 Minuten das 1:0 schießt, wird das im Social Café fast beiläufig aufgenommen - angesichts des bisherigen Spielverlaufs scheinen alle, Deutschlands Führung erwartet zu haben.
"Wir wollen jetzt sofort Merkel sehen!"
Umso größer der Jubel, als der Namensvetter des neuen Premiers, Georgos Samaras, wenig später den Ausgleich erzielt. Plötzlich scheint alles möglich. Jetzt würden die Griechen 2:1 gewinnen, ruft Jordan, ach was, sogar ein 3:1 sei drin. "Wir wollen jetzt sofort Merkel sehen!", verlangt die 36-jährige Sophia. Die Kanzlerin soll nicht nur beim Jubeln gezeigt werden - sondern auch wenn ihr Team einstecken muss.
Doch mit drei weiteren Treffern machen die Deutschen den griechischen Hoffnungen schnell ein Ende. "Habt Gnade", sagt Sophia nun mehrfach, als immer wieder aufs griechische Tor geschossen wird. Auch der von Dimitrios Salpingidis verwandelte Handelfmeter ändert an der deutlichen Niederlage nichts mehr.
Wenige Minuten nach dem Abpfiff ist bereits die Hälfte der Stühle im Social Café leer. Die Verbliebenen trösten sich mit Humor. "Wir brauchen einen 50-prozentigen Schuldenschnitt für die deutschen Tore", sagt Sotiris. "Dann hätten wir ein Unentschieden." Er habe kein Problem mit der deutschen Nationalmannschaft, sagt Jordan, der beim deutschen Finanzkonzern Allianz arbeitet. "Aber mit einer jubelnden Merkel."
Die deutsche Kanzlerin bleibt also das Feindbild. Dabei wären den Griechen nach dem Turnier-Aus neue Gegner zu wünschen: das Selbstmitleid und die ewige Opferrolle.
Immerhin gibt es auch Zuschauer, die Griechenland nicht für wehrlos ausgeliefert halten. Die Studenten Dimitris, Timothy und Pantelis haben während des Spiels jede Menge bissige Kommentare abgegeben, nun zeigen sie sich nachdenklich. Er glaube schon, dass sich unter der neuen Regierung etwas bessern könne, sagt Dimitris, der Wirtschaft studiert. Die Deutschen dürften nur nicht so provokativ auftreten. "Denn wir versuchen, wieder auf die Beine zu kommen, wir brauchen Eure Hilfe - und wir sind nicht mehr im Krieg."
Mitarbeit: Georgios Christidis

