07.08.2012
Italiens Sommermärchen
Es lebe die Krise
Aus Meta di Sorrento berichtet Fiona EhlersEin Mann sitzt am Fenster, er kann das Meer riechen, aber er kann es nicht sehen. Sein Haus, vierstöckig, schmal wie ein Handtuch, steht in zweiter Reihe an der Uferpromenade von Meta am Golf von Neapel. Manchmal kommen Schiffe vorbei und grüßen laut mit ihrem Signal, verneigen sich vor ihm, wie es Tradition ist in seiner Branche, wie auch er es tat in jener fatalen Nacht im Winter. Jetzt hockt er hinter geschlossenen Fensterläden, vor denen jeden Abend blutrot die Sonne bei Capri im Meer versinkt; er traut sich kaum noch hinaus, manchmal schippert er ein wenig mit dem Motorboot herum.
Man muss kein Mitleid haben mit Francesco Schettino, dem Capitano Dilettante, der das Kreuzfahrtschiff " Costa Concordia" am 13. Januar bei Eiseskälte auf einen Felsen setzte und mit der Schuld leben muss, den Tod von 32 Passagieren verursacht zu haben.
Mitleid hat auch niemand in Meta, Schettinos Heimatort zwischen Vesuv und Capri, obwohl das so oft behauptet wird. Keiner seiner Nachbarn entschuldigt seine Feigheit und seine Ausflüchte, auch keiner von den pensionierten Kapitänen im Club an der Piazza, nicht mal der Pfarrer in Metas Seefahrer-Kirche.
Nur einer glaubt, es sei eine Verschwörung gegen Schettino im Gang. Den Felsen im Meer habe jemand dorthin geschafft, sagt dieser Mann. Aber dann muss er selbst lachen. Es ist ein Jugendfreund, er sagt, einmal habe er beim Schwimmen im Meer einen Wadenkrampf bekommen, Schettino sei im Kanu herbei geeilt und habe ihn per Rettungsgriff ans Ufer gezogen. Jugendfreunde müssen so etwas sagen, vor allem, wenn sie einem das Leben verdanken.
Bei meinem Besuch in Meta habe ich zwei Dinge gelernt.
- Erstens: Italien geht es ein ganz klein wenig wie Francesco Schettino, der sein Haus kaum verlässt. Es ist derzeit das schönste Gefängnis Europas. In diesem Sommer, dem zweiten Sommer in der Krise, fühlen sich viele Italiener eingesperrt und ausgegrenzt, verlassen vom Norden, verlacht. Allerdings: Von "la crisi" sprach man schon, als ich hier vor gut 20 Jahren studierte. Und: Italiener wissen, dass sie für "la crisi" selbst verantwortlich sind. Sie sind bereit für eine Generalüberholung ihrer Gesellschaft mit all ihren Übeln und Krankheiten, sie arbeiten hart an sich, ja, sie arbeiten.
- Zweitens: Vorurteile und Realitäten müssen sorgfältig voneinander getrennt werden. Italiener ärgern sich zu Recht über das klischeehafte Bild, das sich die Welt von ihnen macht. Der Verschwender, der Schnorrer, das faule Club-Med-Mitglied, das Südstaaten-Pleite-Pack. Und eben: der verantwortungslose Capitano, der das sinkende Schiff verlässt, dem keine Ausrede zu albern ist, und sei es das rutschige Deck, das ihn ins Rettungsboot hat plumpsen lassen. Ist das, irgendwie, bezeichnend für ganz Italien?
Verlockend sind diese Bilder und trotzdem schief: Noch ist Italien nicht gekentert. Italien wird auch nicht in Stücke geschnitten und verschrottet wie es jetzt eine US-Firma mit dem Schiffswrack vor der Insel Giglio macht. Italien lebt, als drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone ist es auch Mitfinanzierer diverser Rettungsschirme, womöglich ist es gar die Krise, die Italien wieder zum Leben erweckt hat, "viva la crisi", so irre das klingen mag.
Sommer also am Mittelmeer. Ein Sommer all'italiana mit einer unvorstellbaren Staatsverschuldung von über 1,9 Billionen Euro, mit einer Jugendarbeitslosigkeit im Süden von über 50 Prozent und der Ansteckungsgefahr, die von Griechenlands drohender Pleite und Spaniens Banken ausgehen kann. Aber Italiener liegen nicht faul am Strand und dösen, Italiener brüten über ihren Hausaufgaben, nicht nur, weil Ministerpräsident Mario Monti das von ihnen verlangt.
Italiener sind zu Experten geworden
Italiener machen nur noch fünf bis sechs Tage Sommerurlaub, mehr können sie sich nicht leisten, und am Strand reden sie am liebsten über den Spread. Das klingt dann so: "Buongiorno, come va? Danke, bestens, der Spread ist runter auf 300." Oder "Tutto bene? Na ja, könnte besser gehen, der Spread klettert auf 575." Der Spread, jeder Italiener kennt inzwischen die Bedeutung dieses Fremdwortes, ist in diesem Fall die Differenz zwischen deutschen und italienischen Zinsen für Staatsanleihen. Er ist wie ein Thermometer, das anzeigt, wie hoch das Fieber ist, an dem das Land darniederliegt, je niedriger, desto besser. Das Heilsame daran: Italiener sind zu Experten geworden, sie sind alarmiert, aber nicht desinteressiert oder panisch wie wir Deutsche es zuweilen sind.
Und was machen Italiens Politiker? Sie setzen längst fällige Strukturreformen um, vergleichsweise schnell, vergleichsweise erfolgreich. Seit es Mario Monti gibt, diesen Professor Hastig der römischen Politik, sorgfältig im Erklären von Missständen, zäh beim Versuch, sie zu beheben, sinkt es nicht mehr so rasant, das Schiff Italien.
Monti ist ein bisschen wie sein graugrüner Lodenmantel, sein Markenzeichen seit Amtsantritt im November. Korrekt, verlässlich und beruhigend bieder. Italiener mussten sich erst an diesen Mann gewöhnen, der gerne sagt: "Der Politiker denkt an die nächste Wahl, der Staatsmann an die nächste Generation." Heute sind sie stolz.
Und geradezu erleichterte Zuneigung hört man dieser Tage, wenn sich Italiener gegenseitig Monti-Sätze aus dem "Corriere della Sera" vorlesen, aus dem ersten und wahrscheinlich letzten privaten Interview des Presidente: Sein Geständnis, das er früher sehr schüchtern war, seine Schwärmerei für Audrey Hepburn in dem Film "Ein Herz und eine Krone". Welten, ach was, Universen, liegen zwischen ihm und seinem Vorgänger. Zwischen altmodischem Lodenmantel und jenen Mädchen, die sich im Krankenschwester-Kostüm um Striptease-Stangen rekelten vor Silvio Berlusconi.
Nicht-Politik tut den Italienern gut
Als ich vor zwei Jahren nach Rom zog, machte mich diese lärmende Prolligkeit fassungslos. Nichts gegen spätrömische Dekadenz oder Sinnlichkeit der Katholiken - auch deswegen wollte ich nach Rom. Was ich jedoch vorfand, war ein gelähmtes Land, aggressiv und provinziell.
Mein Traumland von einst war keines mehr. Ich schwamm gegen den Strom. Während junge römische Akademiker bereits nach Berlin zogen, auf der Suche nach Zukunft, kam ich aus Berlin und fand mich nicht zurecht in einer Stadt, die sich an ihre Vergangenheit klammert, ohne im Jetzt angekommen zu sein.
Aber dann begann das kleine Wunder, die alte Politik wurde in die Zwangsferien geschickt, Techniker sprangen ein, ohne Wahlen, in letzter Minute. Nicht-Politik tut Italienern gut, das Wunder hält an, es wurde zum Sommermärchen.
Wenn Monti könnte, würde auch er am Strand mit den Italienern über den Spread disputieren, aber er kann nicht, er wird den Sommer durcharbeiten und erwartet das auch von den 630 Parlamentariern.
Aber, natürlich, noch trifft man Italiener in den Strandferien, nur sind sie Krisen-sensibilisiert. Penibel wie nie wird in diesem zweiten Krisenjahr darauf geachtet, dass Jet-Ski-Raser sich nicht der Küste nähern, dass es diszipliniert zugeht in Rimini und Ostia und für alles eine ordentliche Quittung ausgestellt wird, für den Sonnenschirm, das Eis, den Spritz an der Bar. "Vacanze etiche", so heißt der neue Sommertrend, ethische Ferien.
Zu ihnen gesellen sich auch dieses Jahr wieder die europäischen Nachbarn. Man rückt zusammen, so nah wie die Passagiere aus aller Welt und die italienischen Retter auf der "Costa Concordia". Klar, es sind keine Bildungsreisenden auf der großen Tour, die heute an Italiens Stränden braten. Keine Goethes, Winkelmanns oder Lord Byrons - dennoch: Auch Touristen suchen nach Inspiration, nach Licht und Luft und Lebensstil. Wollen in Schönheit baden und Dolce vita als Ergänzung ihrer Effizienz.
Der italienische Durchschnittsbürger ist auf Diät und erträgt das tapfer
Nicht allen Deutschen gelingt dabei, ihr Deutschsein im Koffer zu lassen. In Sardinien erzählt ein Gastwirt von einem Ehepaar, das jüngst die Tiere aus dem Restaurant-Aquarium befreien wollte. Der Wirt fand die Rettungsaktion eigenartig. Deutsche Prinzipientreue gegen italienische Flexibilität, er ließ sich überreden, verkaufte den Deutschen zwei Hummer, die sie ins Meer warfen, für 500 Euro, natürlich gegen Quittung.
Italiener machen ihre Hausaufgaben, dafür wollen sie geachtet und gelobt werden, von den Nachbarn und den Märkten. Und sie haben es verdient. Denn Italiener leben nicht auf Pump und lassen sich aushalten vom reichen Norden, noch so ein Vorurteil. Der Pinco Pallino, der italienische Durchschnittsbürger, ist auf Diät und erträgt das tapfer und schreit nicht herum auf der Straße und legt alles lahm, wie seine Leidensgenossen in Athen, noch so ein Wunder.
Unterm Sonnenschirm und bei Nudelsalat wird auch Deutschland immer wieder zum Thema. Warum verachtet ihr uns, ist La Merkel wirklich so streng, wann gibt sie nach? Überhaupt diese Fragen! Ist Italien wie Griechenland? Sind Italiener die neuen Spanier? Welche Anmaßung, was für Stereotype! Nur gemeinsam sind wir Europäer. Ohne den Süden ist Europa fad, gescheitert, Deutsche vergessen das gern. Die Krise ist auch eine Chance, vom Süden zu lernen.
Noch hält es an, das Sommermärchen in Italien. Ein kleiner Schatten jedoch schiebt sich über das Himmelblau. Der letzte Klischee-Italiener neben Kapitän Schettino meldet sich zu Wort. Laut eigener Aussage ist er der erste Staatsmann, der die Krise erkannt hat und die Lira zurück will. Der sagt, sein Volk wolle, dass er wieder kandidiere, er sei bereit. Aber ob das Volk im nächsten Frühjahr Silvio Berlusconi wirklich zum vierten Mal in den Palazzo Chigi wählt, ist noch nicht ausgemacht. Es wäre das Ende eines Sommermärchens.