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11.12.2012
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Pflegefall Ehefrau

Bis dass der Tod sie scheidet

Von
SPIEGEL ONLINE

Dierk und Ann Brüsch in ihrer Wohnung in Hamburg: Zwei Kinder, fast 50 Jahre Ehe

Jahrelang kümmerte sich Ann Brüsch als Krankenschwester um Bedürftige, nun muss sie selbst gepflegt werden. Ihr Mann Dierk will sie zu Hause versorgen, solange sein Körper mitmacht. Es ist das letzte Versprechen an die große Liebe seines Lebens.

Hamburg - Man sagt, Paare, die sich gerne an ihr erstes Treffen erinnern, haben stabilere Beziehungen. Ann Brüsch, 73 Jahre alt, liegt in ihrem Bett im Hamburger Stadtteil Eppendorf und sagt mit leiser Stimme: "Ich erzähle dir eine Geschichte."

Als junge Frau sei sie im Urlaub aus Spaß zu einer Wahrsagerin gegangen, sagt Brüsch, obwohl sie eigentlich nicht an so etwas glaube. "Du wirst einen Mann treffen, der über das Meer kommt und ein Grübchen im Kinn hat", habe die Hellseherin ihr erzählt. "Ihr werdet heiraten und zwei Kinder kriegen."

Brüsch wuchs in England auf und arbeitete Anfang der sechziger Jahre als Krankenschwester in London. Kurz nach der Rückkehr aus dem Urlaub lernte sie Dierk kennen, einen jungen Besucher aus Hamburg, mit Grübchen im Kinn. Ann und ihre Freundin kicherten. "Ich kannte die Geschichte mit der Wahrsagerin nicht und war völlig irritiert", erinnert sich Dierk Brüsch. "Es hat sofort gefunkt."

Knapp 50 Jahre nach dem ersten Treffen steht er neben dem Bett seiner Frau und streichelt ihr die Wange. Damals schrieben sie sich erst Briefe, dann zog Ann nach Hamburg. Sie lebten auf zwölf Quadratmetern, verlobten sich, heirateten 1965, bekamen eine Tochter und einen Sohn.

Ann Brüsch arbeitete auch in Hamburg als Krankenschwester und engagierte sich ehrenamtlich im Sportverein. Jahrelang kümmerte sie sich um andere, nun ist sie selbst ein Pflegefall. Sie leidet an kortikobasaler Degeneration - einer Krankheit, die mit Parkinson-Symptomen einhergeht und letztlich zum Tod führt. Ein extrem seltenes Syndrom. "Als die Krankheit verteilt wurde, hat Ann wohl laut hier geschrien", sagt ihr Mann, ebenfalls Jahrgang 1939. Es ist seine Art, mit dem Leid umzugehen. Seit mehr als einem Jahr ist seine Frau bettlägrig.

Sein Tagesablauf dreht sich um die Pflege seiner Frau

Dierk Brüsch hat die Pflege übernommen - und zwar nicht aus finanziellen Zwängen. Solange er körperlich dazu in der Lage ist, will er sich selbst um seine Frau kümmern, in der gewohnten Umgebung. "Das habe ich ihr versprochen", sagt er. Dienstags kommt die Pflegehilfe, mittwochs die Ergotherapeutin. Ansonsten ist er die meiste Zeit mit seiner Frau allein. Sohn Stephan lebt in London, Tochter Diana in Dänemark.

"Dierk ist mein Apotheker, mein Koch, mein Friseur", sagt Ann und sieht ihren Mann dankbar an. Geistig ist sie noch voll da, aber das Sprechen fällt ihr schwer, sie ist nicht leicht zu verstehen.

Früher arbeitete Dierk Brüsch im Sozialamt zu geregelten Zeiten, heute dreht sich sein ganzer Tagesablauf um die Pflege seiner Frau. Der 73-Jährige wäscht, hält die Bettpfanne, schneidet die Nägel, kauft ein, kocht, füttert seine Frau, putzt, führt den Haushalt. "Ich habe gelernt, wie man einen Käsekuchen macht", sagt er. "Das Sauerkraut üben wir noch, es wird langsam besser."

Im Alter läuft es meist andersherum als bei den Brüschs. Frauen sind in der Regel jünger als ihre Ehemänner. Häufiger pflegen sie ihre Gatten und sind später selbst auf externe Pflege oder die Kinder angewiesen. Laut Statistischem Bundesamt wurden Ende 2009 mehr als 1,6 Millionen Pflegebedürftige zu Hause versorgt. In rund 70 Prozent der Fälle pflegen Frauen ihre Angehörigen. In vielen Beziehungen wird so das Rollenbild weitergespielt, das Jahrzehnte Bestand hatte: Der Haushalt, das ist die Sache der Frau. Sie ist es, die sich oftmals um Eltern und Schwiegereltern kümmert. Umso schwerer fällt die Umstellung, wenn die Frau nicht mehr so kann wie sie einmal konnte.

Dierk Brüsch sagt, er sei nie ein Macho gewesen und habe schon immer im Haushalt geholfen. Vor seiner Pensionierung kümmerte er sich bei der Sozialbehörde um Asylbewerber - Dienst am Menschen, so nennt er es. Während Ann schrittweise immer weniger konnte, lernte er im Haushalt mehr und mehr hinzu. "Ich bin allmählich da reingewachsen", sagt er. "Ich bleibe solange, bis ich umkippe."

Drei Wochen sind seit dem ersten Besuch bei Ehepaar Brüsch vergangen. Dierk sieht müde aus, als er die Tür öffnet. "Die Nacht war schlecht", sagt er. In einer schlechten Nacht wacht seine Frau auf und ist orientierungslos, dann beruhigt er sie. Oder sie muss auf die Toilette und ruft nach ihm. Manchmal muss sie dann doch nicht und er ist umsonst aufgestanden. "Man gewöhnt sich auch daran", sagt Dierk. Mit dem Schicksal hadern will er nicht. "Es nützt nichts", sagt er. Wenn er grummelig sei, würde Ann vielleicht denken, er sei wegen ihr schlecht drauf - das will er nicht.

"Wir schwelgen in der Vergangenheit"

2006 wurde das Zittern in der Hand von Ann Brüsch so stark, dass sie bei ihren Bridge-Runden die Karten nicht mehr ordentlich halten konnte. Eine zeitlang half ein Kartenhalter. Dann kamen Gehprobleme hinzu, schließlich brauchte sie einen Rollstuhl. "Es ging Schritt für Schritt bergab", sagt ihr Mann. Die Bridge-Partien fanden fortan zu Hause statt. Seit Ann bettlägrig ist, geht auch das nicht mehr.

Dierk Brüsch überlegt, die Bridge-Runden wiederzubeleben. Die einzelnen Spieler könnten aus dem Wohnzimmer zu Ann ins Zimmer gehen und ihre Karten mit ihr besprechen.

Mit der Krankheit geht auch ein langer Abschied einher. Früher sind die Brüschs jedes Jahr nach England gefahren, in die Heimat von Ann. Zum letzten Mal ging es 2011 nach Schottland zu einem Familientreffen, da saß sie schon im Rollstuhl. Der Abschied ist ihr schwer gefallen. "Wir schwelgen in der Vergangenheit", sagt Dierk Brüsch. Gemeinsam schauen sie englische Serien wie "The Vicar of Dibley" oder "Father Ted" auf DVD.

Manchmal, da träumen sie aber auch. Er habe seiner Frau noch ein Versprechen gemacht, sagt Dierk Brüsch: Wenn er im Lotto gewinne, würde er einen Krankentransport kaufen und mit ihr durch den Tunnel noch einmal nach England fahren.

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