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23.11.2012
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Namensänderungen in Großbritannien

Gemischtes Doppel

Von
Corbis

"Heirate mich": Die Namenswahl wird immer häufiger basisdemokratisch getroffen

In Großbritannien darf man seinen Namen jederzeit ändern. In fast alles. Jetzt sehen Behörden einen neuen Trend: Ehefrauen nehmen nicht den Namen ihres Mannes an, auch keinen Doppelnamen - die Paare mischen. Aus Miss Clifton und Mister Mole werden die Moltons.

Es gibt kaum etwas, das Claudia Duncan noch nicht gehört hat. Und kaum etwas, das sie nicht möglich macht. Doch sie hat ihre Prinzipien. Ein Junge namens Jesus ist okay. Jesus Christ nicht. Über Jesus Chris müsste man nachdenken. Elvis Presley funktioniert als Mittelname, Michael Jackson auch. Bei Gott aber hört der Spaß auf. Es ist nicht so, als ob man sie nicht gefragt hätte. "Gott" ist als Vorname beliebt - allein, er ist in Großbritannien nicht zulässig.

Claudia Duncan arbeitet für den UK Poll Service, so etwas wie die Namensänderungsbehörde des Vereinigten Königreichs. In Großbritannien darf man sich nennen, wie man will. Ein strenges Namensrecht wie in Deutschland gibt es dort nicht. Für 33 Pfund verwandeln Duncan und ihre Kollegen jeden Mann und jede Frau in das gewünschte Alter Ego. Vorname, Mittelname, Nachname, alles kein Problem.

Mister Human wollte seinen Vornamen ändern. In "A". "A Human", die Behörde hatte keine Einwände. Philosophisch war die Idee vielleicht, keinesfalls aber für andere verletzend, und darauf kommt es dem Poll Service an. An dem neuen Namen dürfen andere keinen Anstoß nehmen. Einzelne Buchstaben sind erlaubt, Satzzeichen grundsätzlich nicht.

No jokes with names? Warum denn eigentlich nicht?

"Manchmal denke ich schon, dass es gut wäre, die Anträge direkt an einen Psychiater weitergeben zu können, aber nun ja", sagt Duncan SPIEGEL ONLINE, und nimmt die Wünsche der Landsleute britisch gelassen. Am Ende dieses Jahres wird es in Großbritannien laut UK Poll Service rund 60.000 Namensänderungen gegeben haben. Die meisten haben einen gewöhnlichen Hintergrund. Hochzeiten, Trennungen, Scheidungen. Immer dann, wenn sich im Leben der Menschen Einschneidendes ändert, ändern sie auch ihre Namen.

Die Mischung macht's

Anders als in Deutschland ist es in Großbritannien möglich, als Paar einen gemeinsamen Nachnamen anzunehmen - auch ohne Trauschein. Seit der Wirtschaftskrise wird dieses Angebot stärker nachgefragt denn je: Immer weniger Paare können sich ein opulentes Hochzeitsfest leisten, immer mehr wollen trotzdem die Zusammengehörigkeit ausdrücken.

Unter jungen Brautpaaren hat der UK Poll Service einen weiteren Trend ausgemacht: Immer mehr Paare basteln sich einen Nachnamen - aus dem Bestandteil der Namen, die beide mit in die Beziehung bringen. Aus Miss Griffin und Mister Pugh werden die Puffins. Aus Miss Price und Mister Nightingale werden die Prightingales. Miss Harley und Mister Gatts werden die Hatts.

Der Trend kommt aus den USA. Noch vor drei Jahren war das sogenannte Meshing in Großbritannien die absolute Ausnahme, wenige Fälle gab es pro Jahr. Allein 2012 waren es nun rund 800 Mixturen. "Vor drei Jahren hatten die Leute hier noch nie davon gehört", sagt Duncan.

Aus Alter Ego wird Ego

"Die Frauen wollen nicht mehr länger den Namen ihres Mannes annehmen und den eigenen aufgeben", sagt Duncan. Es ginge dabei auch um das Bewahren der eigenen Identität. Und Doppelnamen seien nur selten eine Option: Sie werden vor allem von Frauen geführt, während sich für die Männer nichts ändert, sie ihren alten Namen behalten. "Eine Verschmelzung der beiden Namen drückt eine engere Verbundenheit aus. Und zugleich markiert sie den Beginn von etwas Neuem, das es so noch nicht gegeben hat", sagt Duncan, die hinter allem auch ein wenig Psychologie vermutet. Sie findet das bemerkenswert.

Schließlich hat kaum etwas so viel mit der eigenen Identität zu tun wie der eigene Name. Und kann man ihn ablegen und neu wählen wie das Auto oder die Garderobe, sagt er auch etwas aus darüber, wie wir von anderen gesehen werden wollen.

Laut UK Poll Service verschmelzen immer häufiger virtuelle und reale Welt, Alter Ego und Ego werden eins. Die Menschen nehmen ihre Namen aus den sozialen Netzwerken an. Creepy Fish nannte sich einer bei Twitter. Nun darf der Brite unter diesem Namen auch eine neue Wohnung anmieten.

Der Wunschname soll meist eine Verbindung ausdrücken: zum Partner, zum Haustier, zu Elvis Presley. Die Katzennamen Poppy und Kitty seien besonders beliebt, sagt Duncan.

Eine Schmach aber bleibt: Wenn der Poll Service die Namensänderung durchgewunken hat, muss sie noch vollzogen werden. Bei der Bank, der Versicherung, dem Vermieter. Und da sind zumindest manche der Wünsche erklärungsbedürftig.

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