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07.12.2012
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Missbrauch in der Kirche

Was Priester zu Tätern werden lässt

Von
DPA

Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz: Untersuchung zu übergriffigen Geistlichen

Die meisten Priester, die sich an Jungen oder Mädchen vergangen haben, sind nicht pädophil. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der deutschen Bischofskonferenz. Die Autoren haben sexuellen Missbrauch in der Kirche systematisch untersucht.

Hamburg - Die Antworten sind beruhigend und verstörend zugleich. Die meisten Geistlichen, die Mädchen und Jungen missbrauchen, sind weder psychisch krank noch pädophil. Zu diesem Schluss kommt die Studie "Sexuelle Übergriffe durch Geistliche in Deutschland". Die Autoren haben forensische Gutachten aus den Jahren 2000 bis 2010 ausgewertet. Welche Männer werden zu Tätern? Haben sie eine auffällige Biografie, ein auffälliges Sexualverhalten? In welcher Beziehung stehen sie zu den Opfern?

Die Deutsche Bischofskonferenz hat die Untersuchung bei vier Psychiatern in Auftrag gegeben - dem bekannten Essener Gerichtspsychiater Norbert Leygraf und seinen renommierten Kollegen Hans-Ludwig Kröber, Friedemann Pfäfflin und Andrej König. Die Wissenschaftler werteten Gutachten über Priester und Ordensleute aus, die unter dem Verdacht des sexuellen Missbrauchs vor Gericht standen und psychiatrisch untersucht wurden.

2002, nach dem Erscheinen der Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch, wurde das erste Gutachten von der Kirche in Auftrag gegeben - bei einem forensischen Psychiater. Mit dem Auffliegen des Missbrauchsskandals 2010 stieg die Zahl der Gutachten massiv an. Damals hatte sich die Kirche verpflichtet, in Missbrauchsfällen solche Expertisen einzuholen. Das Ziel: ausloten, welche Gefahr von den Männern ausgeht. Es ging der Kirche vor allem darum, zu wissen, wie sie mit den übergriffigen Geistlichen verfahren soll: aus dem Kirchendienst entlassen? Versetzen? Oder schlicht weitermachen lassen?

Die Taten der begutachteten Männer wurden zwar in den Nullerjahren bekannt, lagen oft aber Jahrzehnte zurück. Sie ereigneten sich zwischen den sechziger und den neunziger Jahren. Von 27 deutschen Bistümern stellten 21 ihre Gutachten für die Metaanalyse zur Verfügung.

Schließlich wurden Gutachten über 78 katholische Geistliche analysiert. Es ging den Forschern darum, Muster zu identifizieren - der Kirche darum, Risiken und Gefahren besser einschätzen und eine bessere Prävention leisten zu können. Und nicht zuletzt darum, im Missbrauchsskandal verlorene Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen.

In welcher Form waren die Geistlichen übergriffig geworden?

In zwölf Fällen ging es ausschließlich um den Besitz von Kinderpornografie. Darüber hinaus wurden 66 Geistlichen insgesamt 576 Übergriffe vorgeworfen. Die Untersuchung spricht von 265 Opfern.

In der Mehrheit der Fälle kam es zu sogenannten Hands-on-Handlungen - einem Körperkontakt zwischen Täter und Opfer: Vergewaltigungen, sexueller Nötigung. In zehn Fällen kam es zu sogenannten Hands-off-Handlungen - Handlungen ohne Körperkontakt wie der Aufforderung, sexuelle Handlungen an sich oder anderen durchzuführen, Masturbation vor Personen. Sechs Geistlichen wurden sowohl Hands-on- als auch Hands-off-Handlungen vorgeworfen. Die Mehrzahl der Täter räumte das Vergehen ein.

Vereinfacht gesagt kommt die Metaanalyse zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit der übergriffigen Geistlichen nicht psychisch krank ist. Das mag auf den ersten Blick für die Kirche ein erfreuliches Ergebnis sein, bescheinigt es ihr doch eine solide Auswahl ihrer Priesteramtsanwärter. In ihren Reihen finden sich demnach nicht auffällig viele Pädophile. "Diesbezüglich zeigen sich keine bedeutsamen Unterschiede zu Erhebungen in der deutschen Allgemeinbevölkerung", sagt Leygraf.

Die Mehrheit der Männer, die sich wegen Missbrauchs verantworten mussten, hatten keine sogenannte sexuelle Präferenzstörung. Gutachter Leygraf spricht von einem "normalpsychologischen Bereich", es gibt bei den Männern keine auffällige Psychopathologie. In 68 Prozent der Fälle wurde keine psychiatrische Diagnose gefällt.

Das Problem liegt in den Strukturen

Im Umkehrschluss bedeutet es für die Kirche aber auch, dass die Probleme in den Strukturen des Systems liegen. Nämlich einer Institution, die auf Vertrauen und Macht fußt - und in der Transparenz über Jahrzehnte undenkbar war. Der Beichtstuhl war heilig, der Priester war es auch, so durften weder Situationen noch Personen in Zweifel gezogen werden. Die Geistlichen waren die Götter der Gemeinden, oft galt schon Widerspruch als Frevel. Das Klima der Kontrolle und Intransparenz hielt sich in der katholischen Kirche sehr viel länger und nachhaltiger als in der Gesellschaft.

Das spiegelt sich in der Untersuchung wider. Sie legt dar, wie viel Zeit zwischen der ersten Tat eines Priesters und der Meldung an das Bistum verging: Oft waren es Jahre, in denen weggeschaut oder zumindest nicht reagiert wurde, in denen Opfer schwiegen. Bei dem ersten sexuellen Übergriff waren die Täter im Schnitt rund 36 Jahre alt. Die Meldung an das Bistum erfolgte durchschnittlich 14 Jahre später. Jahre, in denen der Priester oftmals unbehelligt weiter in seinem Umfeld agieren konnte. Bis zur Begutachtung vergingen noch einmal Jahre.

Mehr als die Hälfte der übergriffigen Priester verging sich denn auch an zwei oder mehr Opfern. In einem der untersuchten Fälle gab es gar 22 Betroffene.

Wie auch in anderen Ländern sind die Opfer häufiger männlich als weiblich. Die Verfasser führen dies darauf zurück, dass es in den achtziger Jahren kaum Messdienerinnen gab - die Priester also schlicht weniger Zugang zu Mädchen hatten. Der Kontakt zu den späteren Opfern entstand ganz überwiegend im Rahmen der Gemeindearbeit.

Bezeichnend sind die Empfehlungen, die in den Gutachten ausgesprochen wurden: In fast jedem zweiten riet der Psychiater dazu, den übergriffigen Priester erneut oder weiter in einer Gemeinde zu beschäftigen. Nur in zwölf Fällen wurde von einem weiteren Einsatz abgeraten. Der Forensische Psychiater Leygraf kommt in der nun vorgelegten Metastudie zu dem Ergebnis: "Verbleiben sexuell übergriffige Geistliche innerhalb ihrer Kirche, dann verfügen sie über ein soziales Kontroll- und Unterstützungsnetzwerk, welches unter rückfallpräventiven Gesichtspunkten als protektiver Faktor angesehen werden kann." Das klingt etwas umständlich, es meint: Die Kirche soll die Geistlichen in ihren Reihen belassen. Allein: Für die Opfer dürfte das schwer nachvollziehbar sein.

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