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24.01.2013
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Brüderle-Debatte

Stopp!

Ein Kommentar von
Getty Images

Männer urteilen über Frauen: Anquatschen, bewerten, abwerten

Hat die FDP ein Problem? Von deren designiertem Spitzenkandidaten Rainer Brüderle heißt es, er habe eine "Stern"-Journalistin bedrängt. Es ist alles noch viel schlimmer. Alltäglicher Sexismus ist nämlich unser aller Problem. Reden wir darüber.

Zwei Journalistenkolleginnen haben in den vergangenen Tagen einen Stein ins Rollen gebracht. Ich bin ihnen dankbar, das war überfällig.

Die eine, Annett Meiritz, die für SPIEGEL ONLINE über die Piratenpartei berichtet, hat jüngst beschrieben, wie aus Parteikreisen gezielt das Gerücht gestreut wurde, sie komme nur deshalb an sensible Informationen, weil sie eine Liebesaffäre zu einem Piraten unterhalte.

Die andere Kollegin, Laura Himmelreich vom "Stern", schildert in dessen aktueller Ausgabe, wie FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle sie 2012 an einer Hotelbar anmachte.

Vor allem der zweite Fall sorgt jetzt für Aufregung, Getuschel und Verdächtigungen, wird zum "Fall Brüderle". Der notorische Partei-Haudrauf Kubicki unterstellt der "Stern"-Frau sogleich politisches Kalkül: Warum macht sie erst jetzt die Geschichte öffentlich, da Brüderle just zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl auserkoren wurde?

Regen Sie sich ab, Herr Kubicki.

Es geht in diesem Punkt mal nicht in erster Linie um Ihre FDP. Es geht auch nur in zweiter Linie um die Frage, was das Verhalten des weinselig tatschenden Endsechzigers Brüderle gegenüber einer jungen Journalistin über ihn als Mensch oder seine moralische Tauglichkeit aussagt, ein politisches Amt zu bekleiden.

Es geht um etwas viel Wichtigeres und zugleich viel Banaleres. Darum, Männern, die es betrifft, klipp und klar zu sagen: Hört endlich auf damit.

Berufliche Situation als sexuelles Jagdrevier

Die Schilderungen der beiden Kolleginnen sind ein großes Stoppschild: Journalistinnen erleben dumme Sprüche, blöde Anmache, Reduzierung aufs Äußerliche, Diskreditierung aufgrund ihres Geschlechts genauso oft wie Millionen andere Frauen in anderen Branchen - und haben das genauso satt.

Wir erleben auch in Zeiten von Quoten-Debatte und Frauenförderung immer noch täglich, wie Männer versuchen, uns durch Abwertung kleinzuhalten. Wie Männer Macht demonstrieren. Wie Männer glauben, ihre vermeintliche Unwiderstehlichkeit zum Ausdruck bringen zu müssen, wie Männer eine berufliche Situation zum sexuellen Jagdrevier machen. Wie Männer berufstätige Frauen als tickende Zeitbombe betrachten, denn sie könnten ja gebären wollen.

Stopp!

Wenn ich, Chefin vom Dienst bei SPIEGEL ONLINE, im Büro ans Telefon gehe, höre ich nicht selten "Verbinden Sie mich bitte mit dem Chef vom Dienst" - weil ich eine Frau bin, ist es wohl unvorstellbar, dass ich im SPIEGEL-Verlag Führungsverantwortung trage.

Stopp!

Eine Kollegin, Wirtschaftsredakteurin, berichtet kritisch über ein Unternehmen. Hinterher empört sich ein Leser: Warum sich denn "diese blonde junge Frau" überhaupt erdreiste, über Wirtschaftsthemen zu schreiben?

Stopp!

Ein Vorstandsmitglied sagt zu einer Mitarbeiterin vor dem jährlichen Sommerfest: "Ziehen Sie sich wieder so hübsch an wie im letzten Jahr? Da sahen Sie so gut aus, ich hätte Sie kaum erkannt."

Stopp!

Angela Merkel war erst Kohls "Mädchen", dann wurde sie "Mutti" und hat nun - der jämmerlichste Diskreditierungsversuch von allen - auch noch einen "Frauenbonus".

Stopp!

Das vielleicht Nervigste und Perfide an all diesem Chauvi-Grundrauschen: Frauen, die es sich nicht gefallen lassen und sich aus der Deckung wagen - wie die Kolleginnen Meiritz und Himmelreich -, werden umgehend noch mal diskreditiert, als Hysterikerinnen, die "keinen Spaß verstehen", die "harmloses Geflirte" oder "galanten Altherrencharme" boshaft missdeuten.

Stopp! Stopp! Stopp!

Bei allen politisch-gesellschaftlichen Debatten, die in Deutschland über Frauen geführt wurden - ob Gleichberechtigung, Abtreibung, Herdprämie, Frauenquote - eine fehlte bisher: die große Debatte um alltäglichen Sexismus.

Beginnen wir sie endlich.

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 861 Beiträge
1. Weiblichen Sexismus
mendorvaldez 24.01.2013
gibt es doch in gleicher Zahl und Ausprägung! Wie naiv und weltfremd kann man/frau denn eigentlich sein zu meinen nur Männer seien sexistisch! Auch Frauen haben einen Sexualtrieb, haben einen Sinn für Ästhetik, schätzen ab, werten [...]
gibt es doch in gleicher Zahl und Ausprägung! Wie naiv und weltfremd kann man/frau denn eigentlich sein zu meinen nur Männer seien sexistisch! Auch Frauen haben einen Sexualtrieb, haben einen Sinn für Ästhetik, schätzen ab, werten und urteilen. Und sie urteilen ebenso hart wie die Männer - wenn nicht noch härter. Nur sind sie klug genug zu schweigen und nicht alles herauszuposaunen...- Wie arm wird der Raum zwischen den Geschlechtern, wenn man nur noch sachlich und politisch korrekt kommunizieren darf! Dann wird jedes Lächeln verdächtig, jede Höflichkeit zur Belästigung, jedes Kompliment eine Grenzüberschreitung und alle Liebe und alle Lust ein verbotenes Gefühl! Diese Welt ist alles - nur nicht lebenswert!
2. na da bin ich ja froh...
Herr voragend 24.01.2013
das Frauen so etwas nie machen würden..... Ich arbeite in einem Büro mit 95 % Frauenanteil ( lustige Quote gell ) und habe noch nie so unreflektierten Sexismus von Männern gehört wie es hier alltäglich ist. Wenn das Verhältnis [...]
das Frauen so etwas nie machen würden..... Ich arbeite in einem Büro mit 95 % Frauenanteil ( lustige Quote gell ) und habe noch nie so unreflektierten Sexismus von Männern gehört wie es hier alltäglich ist. Wenn das Verhältnis andersherum wäre hätte die Firma schon lange ein Verfahren am Hals. Aber mei es sind halt Frauen die meinen es nicht so, oder die sind stark und trauen sich halt.... Also mein Tipp an die Jammertanten immer erst vor der eigenen Tür kehren bevor man Klischees aufwärmt die schon im vergangen Jahrhundert nicht gestimmt haben.
3. komisch...
galahad610 24.01.2013
mal im ernst:was soll die gespensterdebatte?ich habe,auch und gerade als firmeninhaber,noch NIE erlebt daß eine frau in leitender position sich für ihr können entschuldigen musste...allerdings:nur live...am telefon kann ich mir [...]
mal im ernst:was soll die gespensterdebatte?ich habe,auch und gerade als firmeninhaber,noch NIE erlebt daß eine frau in leitender position sich für ihr können entschuldigen musste...allerdings:nur live...am telefon kann ich mir das was ihnen geschah vorstellen...aber vielleicht sollten sie da auch mal bisserl runterkommen.das verhalten mancher(nicht aller,auch nicht vieler!) männer ist WIRKLICH peinlich,da bin ich bei ihnen...und?beschweren sich hier männer über das teilweise dumm-dreiste verhalten von frauen?DAS gibts nämlich leider auch...von daher.... schönen abend noch!
4. Nicht debattieren, sondern handeln
matvering 24.01.2013
Vielen Dank für den engagierten und schön geschriebenen Artikel, Frau Dreyer. Ich teile Ihre Haltung, aber nicht Ihre Schlussfolgerung: Sie fordern eine Debatte über den alltäglichen Sexismus - ich bin für "zero [...]
Vielen Dank für den engagierten und schön geschriebenen Artikel, Frau Dreyer. Ich teile Ihre Haltung, aber nicht Ihre Schlussfolgerung: Sie fordern eine Debatte über den alltäglichen Sexismus - ich bin für "zero tolerance" ohne alle Aufgeregtheit. Was nicht geht, geht einfach nicht. Punkt. Die Qualität einer Gesellschaft misst sich daran, wie sie im ganz normalen Leben mit den Frauen (dem sog. "schwachen" Geschlecht) und mit den Kindern (dem tatsächlich ungeschützten Teil der Gesellschaft) umgeht. Da haben wir schon manches gelernt - aber wir haben auch noch vieles zu lernen und zu ändern. Da bin ich gerne dabei... (Matthias Vering)
5. Und andersherum?
spon-facebook-10000192941 24.01.2013
bitte auch die CocaCola-Werbung mit dem Sexy Lieferanten weg. Und auch die Waschbrettbäuche. Und 3Tage-Bärte. Un wehe mir hält noch einmal ein Mann die Tür auf. Und bei einem Händedruck, womöglich noch wie geschehen einem [...]
bitte auch die CocaCola-Werbung mit dem Sexy Lieferanten weg. Und auch die Waschbrettbäuche. Und 3Tage-Bärte. Un wehe mir hält noch einmal ein Mann die Tür auf. Und bei einem Händedruck, womöglich noch wie geschehen einem Handkuss kommt direkt die Anzeige!! Und meinen Minirock trage ich wegen der Beinfreiheit, wehe, ein paar Bauarbeiter pfeifen mir hinterher! Und das bauchfreie Top habe ich nur, um der Umwelt zu zeigen das ich die Schwangerschaft gut überstanden habe. Wer gafft bekommt DIREKT eine Anzeige wegen Sexueller Belästigung. Was in einer Tanzbar sowieso klar ist. Aufforderung zum Tanzen, was ich nicht lache......ist doch Aufforderung zum einvernehmlichen Sex also quasi eine Vergewaltigung!!! Ach.... wir amerikanisieren uns selber immer mehr....
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