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04.02.2013
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Pakistanische TV-Journalistin Khan

Hetzjagd im Bordell

Von Hasnain Kazim, Islamabad
ExpressNews

Journalistin Khan: "Manche Probleme muss man auf angemessene Art angehen"

Die pakistanische TV-Journalistin Maria Khan führt vor laufender Kamera einen zweifelhaften Moralfeldzug: Sie stürmt in ein als "Massagesalon" getarntes Bordell, drängt die Frauen zum "Geständnis", die Polizei bringt sie gleich mit. Viele Zuschauer sind entsetzt, doch Khan sieht sich im Recht.

Der Mann öffnet die Tür nur einen Spalt weit, Maria Khan drückt sie auf. Was das solle, will der Mann wissen, doch die Frau blafft ihn an: "Ich bin mit der Polizei hier! Gehen Sie zur Seite, gehen Sie!" Eine Kamera folgt ihr, in grellem Scheinwerferlicht stürmt sie in das Haus, hinein in ein Zimmer, in dem mehrere junge Frauen sitzen. Es ist eine Razzia in einem mutmaßlichen Bordell, gelegen in einem Wohnviertel der pakistanischen Millionenmetropole Lahore.

Doktor Maria Zulfiqar Khan, Moderatorin beim pakistanischen Fernsehsender ExpressNews und nach eigenen Angaben auch Medizinerin, beschäftigt seit dem Wochenende die Blogosphäre des Landes. Die Frage, um die es geht: Darf sich eine Journalistin als Sittenwächterin aufführen, und dann auch noch auf so aggressive Weise? Oder legitimiert das Schicksal der Frauen, die missbraucht und ausgebeutet werden, das Vorgehen der Journalistin?

"Baat Say Baat", wörtlich: "Von Rede zu Rede", heißt ihre Sendung auf Urdu. Übersetzt bedeutet es so viel wie "Dies und das", ein lockeres Plaudern. Mit der Ausgabe vom Freitag hat Khan sich nun den zweifelhaften Ruf einer selbsternannten Sittenwächterin erworben, die sich anmaßt, die Handtaschen fremder Frauen auszuschütten und ihnen Vorhaltungen zu machen.

"Oh bitte, wir wissen alle, was hier passiert!"

"Wer ist hier Pakistanerin?", schreit Khan die Frauen an. In dem Center arbeiten Chinesinnen und eine Russin, außerdem auch Pakistanerinnen. Die Frauen halten sich die Hände vors Gesicht. "Was machst du hier?", fragt die Moderatorin ein junges Mädchen. Nach einigem Hin und Her presst es hervor, es sei hier, um Leute zu massieren. "Oh bitte, wir wissen alle, was hier passiert!", schleudert Khan ihr entgegen.

Sie drängt eine andere Frau, detailliert die Dienstleistungen zu beschreiben, die in dem Center angeboten werden. Als die sich weigert, droht Khan: "Ich werde dich den Polizisten übergeben, wenn du nicht die Wahrheit sagst!" Dann brüllt sie in die Runde: "Wer ist für den Betrieb hier zuständig?" Andere Frauen fordert sie auf: "Ich will eure Pässe sehen!" Schließlich befiehlt sie den Polizisten: "Nehmt die Frauen fest und bringt sie weg von hier!"

Khan macht eine ältere Chinesin als Chefin des Hauses aus. "Zeigen Sie mir Ihre Betriebsgenehmigung." So geht es minutenlang: "Zeigen Sie mir Ihre Genehmigung! Zeigen Sie mir Ihre Genehmigung!"

Kondome in der Handtasche

Die Chinesin macht eine jämmerliche Figur. Erst fragt sie Khan, mit welchem Recht sie in dem Haus filme. Die Journalistin knallt ihr an den Kopf: "Sie betreiben hier ein Sex-Center und fragen mich, wer mir erlaubt, hierher zu kommen?" Die Chinesin entgegnet, das sei gar kein "Massage-Center", sondern eine "Klinik". Dann tut sie so, als suche sie nach der Betriebserlaubnis, um dann doch kleinlaut zuzugeben, dass sie keine besitzt.

Dann stehen Khan und die Polizisten vor mehreren von innen verschlossenen Zimmern. Die Moderatorin triumphiert: "Hier gibt es keine Massagegeräte, sondern nur diese Zimmer!" Sie greift die Handtasche einer Frau und schüttet sie aus. Kondome purzeln heraus. "Was ist das?", brüllt sie und hält ihren Fund in die Kamera. Schließlich findet sie eine Frau, die vor der Kamera einräumt, dass Frauen in dem Center ihren Körper verkaufen würden.

Prostitution ist in Pakistan verboten. Viele Bordelle tarnen sich als Massagepraxen. Alle paar Monate finden landesweit Razzien statt, werden Häuser geschlossen - um wenige Tage später woanders neu zu eröffnen. In den Bordellen prostituieren sich Pakistanerinnen, aber auch Frauen aus China, Afghanistan, Russland, Zentralasien und Arabien.

Kritische Reaktionen selbst beim Sender

Bei den pakistanischen Prostituierten handelt es sich oft um geschiedene Frauen aus armen Familien oder Frauen, die vor ihren gewalttätigen Ehemännern geflohen sind und nun versuchen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Aber es gibt auch Frauen, die sich durch das Anschaffen einen extravaganten Lebensstil finanzieren. In der Gesellschaft wird käuflicher Sex tabuisiert, er gilt als verwerflich. Gleichwohl muss die Nachfrage groß sein, sonst gäbe es nicht so viele Bordelle.

Der erhobene Zeigefinger, die selbstgerechte Manier Khans nerven aber Tausende. "Ich wünschte, Maria Khan würde mal Razzien machen an Orten, wo Leute mittels Gehirnwäschen zu Selbstmordattentätern gemacht werden", ätzt @hameedtalad auf Twitter. Mehrere schreiben in den sozialen Netzwerken, das Benehmen der Journalistin zeige beispielhaft, wie "krank" die pakistanischen Medien seien. Das Echo ist überwiegend negativ, viele fühlen sich an die Journalistin Maya Khan erinnert, die im vergangenen Jahr unverheirateten Liebespaaren im Park nachstellte und schließlich wegen des öffentlichen Aufschreis von ihrem Sender gefeuert wurde.

Sogar innerhalb des Senders ExpressNews sind viele Mitarbeiter verwundert bis verärgert über Khans Auftreten. "Sie will um jeden Preis Karriere machen, was bedeutet, dass sie Quote machen muss", sagt ein Mitarbeiter. "Offensichtlich ist sie bereit, dafür alle journalistischen und ethischen Prinzipien über Bord zu werfen." Ein anderer Mitarbeiter, Omair Mahmood, fragt in seinem Blog: "Wer hat Doktor Maria Zulfiqar Khan das Recht gegeben, solche Razzien durchzuführen, wenn es doch Sache der Polizei ist?" Seine Antwort: "Niemand!"

Khan sieht Bevölkerungsmehrheit hinter sich

Die Jagd auf Prostituierte weckt in Pakistan Erinnerungen an ein düsteres Kapitel in der Geschichte des Landes: Vor fünf Jahren verbreiteten ultrakonservative Koranschüler der Roten Moschee in Islamabad Angst und Schrecken in der Bevölkerung. Sie verlangten, die Regierung solle das islamische Recht anwenden, und drohten mit einem Bürgerkrieg. Sie terrorisierten Ladenbesitzer, die CDs verkauften, griffen Internetcafés und Friseursalons an, entführten angebliche Prostituierte aus Bordellen in ihre Moschee. Im Sommer 2007 stürmten Soldaten das Gebäude. Mehr als hundert Menschen starben bei den Kämpfen.

Moderatorin Khan sieht sich im Recht. "Wir haben den Hinweis auf das Bordell von den Nachbarn erhalten, auch auf ein 14-jähriges Mädchen, das von seinem Vater gezwungen wurde, dort zu arbeiten." Man könne nicht so tun, als sei der Betrieb von Bordellen etwas Normales, sagt Khan SPIEGEL ONLINE. "In unserer Gesellschaft ist eine Mehrheit dagegen, das müssen wir also bitte berücksichtigen."

Ihr aggressives Vorgehen rechtfertigt die Journalistin damit, dass "manche Probleme auf angemessene Art" angegangen werden müssten. "Wenn ein 14-jähriges Kind zur Prostitution gezwungen wird, halte ich mein Vorgehen für angemessen", sagt sie.

In der Sendung hat sie die Familie dieses Mädchens aufgesucht. Khan trifft die Mutter an, die weinend berichtet, dass der Vater das Kind zur Arbeit schicke und das Geld, mehrere tausend Rupien, kassiere.

Khan ruft den Vater an. Der hört sich die Vorwürfe an, dann sagt er, er sei sich keiner Schuld bewusst. Er habe seine Tochter lediglich zum Arbeiten in ein Massage-Center geschickt.

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Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
1. Eine mutige junge Frau!
Apologet 04.02.2013
Sie ist eine mutige junge Frau. Wer sich dem Irrglauben hingibt, dass Nachfrage nach Prositiution diesen rechtfertigt, der hat nicht wirklich nachgedacht. Alle die so was befürworten sollen sich nur mal fragen, ob sie auch [...]
Sie ist eine mutige junge Frau. Wer sich dem Irrglauben hingibt, dass Nachfrage nach Prositiution diesen rechtfertigt, der hat nicht wirklich nachgedacht. Alle die so was befürworten sollen sich nur mal fragen, ob sie auch ihre Tochter dort arbeiten lassen wollen. Und warum soll nicht darüber berichtet werden? Das ist schließlich mal Journalismus, der den Namen verdient.
2.
Christoph 04.02.2013
---Zitat--- "In unserer Gesellschaft ist eine Mehrheit dagegen, das müssen wir also bitte berücksichtigen." ---Zitatende--- Nein, das muss man nicht berücksichtigen und sollte man auch nicht berücksichtigen bei [...]
---Zitat--- "In unserer Gesellschaft ist eine Mehrheit dagegen, das müssen wir also bitte berücksichtigen." ---Zitatende--- Nein, das muss man nicht berücksichtigen und sollte man auch nicht berücksichtigen bei Angelegenheiten, in die die Mehrheit nicht involviert ist.
3. Kann mir mal jemand auf die Sprünge helfen!
walter_rsr 04.02.2013
"Viele Zuschauer sind entsetzt" vom Vorgehen der Journalistin? Und vom Umgang mit den Frauen und jungen Mädchen, da regt sich niemand auf? So liest sich das jedenfalls. Wenn das nur in Pakistan so wäre, könnte man [...]
Zitat von sysopDie pakistanische TV-Journalistin Maria Khan führt vor laufender Kamera einen zweifelhaften Moralfeldzug: Sie stürmt in ein als "Massage-Salon" getarntes Bordell, drängt die Frauen zum "Geständnis", die Polizei bringt sie gleich mit. Viele Zuschauer sind entsetzt, doch Khan sieht sich im Recht. Pakistanisches Fernsehen: Moderatorin jagt Prostituierte - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/pakistanisches-fernsehen-moderatorin-jagt-prostituierte-a-881333.html)
"Viele Zuschauer sind entsetzt" vom Vorgehen der Journalistin? Und vom Umgang mit den Frauen und jungen Mädchen, da regt sich niemand auf? So liest sich das jedenfalls. Wenn das nur in Pakistan so wäre, könnte man sich noch auf die Rückständigkeit der dortigen Bevölkerung berufen. Aber diese Betrachtungsweise scheint auch bei uns nicht ungewöhnlich zu sein. Die Menschheit lernt viel zu langsam, respektvoll miteinander umzugehen. Falls sie überhaupt dazu imstande ist.
4.
z_beeblebrox 04.02.2013
---Zitat--- "Sie will um jeden Preis Karriere machen, was bedeutet, dass sie Quote machen muss", sagt ein Mitarbeiter. "Offensichtlich ist sie bereit, dafür alle journalistischen und ethischen Prinzipien über Bord [...]
---Zitat--- "Sie will um jeden Preis Karriere machen, was bedeutet, dass sie Quote machen muss", sagt ein Mitarbeiter. "Offensichtlich ist sie bereit, dafür alle journalistischen und ethischen Prinzipien über Bord zu werfen." ---Zitatende--- Das trifft die Sache wohl voll auf den Punkt! Rücksichtslos auf die Schwächsten wegen ihrer Quote rumtreten; einfach eklig. Wenn sie wirklich etwas ändern will, sollte sie mal die Polizei, die Behörden, die Zuhälter etc. genauso bedrängen, welche solche Geschäfte erst ermöglichen. Und vor allem prostituieren sich die Frauen in solch armen Ländern bestimmt nicht, weil es ihnen Spaß macht. Milliarden Dollar für den Bau der pakistanischen Atombombe sind locker drin; die arme Bevölkerung darf ruhig verrecken. Warum prangert die TV-Journalistin Khan nicht mal das oder andere Ungerechtigkeiten in Pakistan an?
5.
doyle78 04.02.2013
Dieses Gewerbe ist so alt wie die Geschichtsschreibung der Menschheit zurückreicht. Das es hier hässliche Facetten gibt, stelle ich keineswegs in Abrede. Es scheint m.E. nach allerdings einen direkten Zusammenhang zwischen [...]
Zitat von ApologetSie ist eine mutige junge Frau. Wer sich dem Irrglauben hingibt, dass Nachfrage nach Prositiution diesen rechtfertigt, der hat nicht wirklich nachgedacht. Alle die so was befürworten sollen sich nur mal fragen, ob sie auch ihre Tochter dort arbeiten lassen wollen. Und warum soll nicht darüber berichtet werden? Das ist schließlich mal Journalismus, der den Namen verdient.
Dieses Gewerbe ist so alt wie die Geschichtsschreibung der Menschheit zurückreicht. Das es hier hässliche Facetten gibt, stelle ich keineswegs in Abrede. Es scheint m.E. nach allerdings einen direkten Zusammenhang zwischen der Kriminalisierung und dem Maß des verbundenen Elends zu geben, sprich ,je offener und freier es betrieben werden kann, desto weniger krankhafte Auswüchse entstehen. Sie haben nicht verstanden das es hier primär um die Methoden dieser "Journalistin" geht welche, auch wenn der Zweck "gut" ist, eben jenen ad absurdum führen.
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