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07.08.2013
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Orthodoxer Jude als Drag Queen

Hadars Verwandlung

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Shahar Hadar hat lange gebraucht, um zu sich selbst zu finden. Jahrelang verschwieg der orthodoxe Jude seine Homosexualität, versuchte sogar, sie zu bekämpfen. Jetzt tritt der 34-Jährige als Drag Queen in Schwulen-Bars auf.

Jerusalem - Wenn es dunkel wird, tauscht Shahar Hadar seine weiße Kippa gegen eine blonde Langhaarperücke. Der 34-Jährige schlüpft in ein pinkfarbenes Kleid, Beifall brandet auf, als er die Bühne in einer israelischen Homosexuellenbar betritt. Hadar tanzt zu einem hebräischen Popsong, seine roten Lippen bewegen sich passend zum Text, der ihm mehr bedeutet, als das Publikum ahnt: "Mit Gottes Hilfe wirst du die Kraft haben."

Hadar ist ein orthodoxer Jude. Es war eine lange und schmerzhafte Verwandlung für ihn: von einem innerlich zerrissenen zu einem stolzen Mann - und zu einer Drag Queen.

Viele schwule orthodoxe Juden sehen sich gezwungen, eine Entscheidung zu treffen. Entweder heiraten sie eine Frau, um in ihrer engen Gemeinschaft bleiben zu können. Oder sie geben ihre Familie, ihre Gemeinschaft und ihre Religion auf, um offen homosexuell leben zu können. Doch immer mehr sind nicht länger bereit, ihren Glauben aufzugeben. Im Gegenteil: Sie beanspruchen einen Platz in ihrer Religionsgemeinschaft.

Hadar, der tagsüber in einem Callcenter arbeitet, hat als Persönlichkeit seiner Drag Queen die Figur einer sogenannten Rebbetzin gewählt. So werden die Frauen von Rabbis bezeichnet, denen innerhalb der Gemeinden eine wichtige Rolle zukommt. Ihre Ratschläge sind gefragt. "Sie liebt jeden", sagt Hadar über sein Alter Ego, Rebbetzin Malka Falsche.

"Ich habe beschlossen, fröhlich zu sein"

Der Künstlername ist eine Anspielung auf das hebräische Wort für Königin und den hebräischen Ausdruck für Imitation. Hadars Philosophie: Nimm die Launen des Schicksals mit Freude an! "Normalerweise", sagt Hadar, "sind Drag Queens schroff und vulgär. Ich habe beschlossen, fröhlich zu sein" - und die Leute auch mit religiösen Themen zu unterhalten.

Die Begegnung mit einer populären Rebbetzin hat den Anstoß für Hadars innere Reise zu sich selbst gegeben. 15 Jahre ist das nun her. Er, der vorher seine Religion kaum praktizierte, begann, eine Kippa zu tragen und Morgengebete in seinem Zimmer zu sprechen. Er zog von zu Hause aus und schrieb sich in Jerusalem in einem religiösen Seminar ein. In der Hoffnung, das tägliche Studium der Tora würde seine Gedanken an Männer verdrängen.

Das tat es nicht. Nach einem kurzen Techtelmechtel mit seinem Zimmergenossen sei er aus dem Seminar geworfen worden, erzählt Hadar. Er wechselte die Studienstätte - und heiratete eine ultraorthodoxe Frau.

"Ich wollte den Weg gehen, der uns vorgegeben ist", sagt Hadar, "ich sah keine andere Möglichkeit." Er habe gehofft, die Hochzeit würde aus ihm einen Heterosexuellen machen. Doch Hadar fühlte sich nicht wohl, wenn es zwischen ihm und seiner Frau intim wurde. Er konnte ihr nicht erklären, warum. Sie ließ sich scheiden - und brachte kurz darauf ihre gemeinsame Tochter zur Welt. Das Mädchen ist mittlerweile elf Jahre alt. Hadars Ex-Frau verbietet ihm bis heute den Umgang.

Schule für angehende Drag Queens

Hadars Schwester machte eine ähnliche Erfahrung. Sie ließ sich von ihrem Mann scheiden, weil er schwul war. Anschließend entwickelten sich Diskussionen mit homophoben Äußerungen innerhalb der Familie. Es war schließlich Hadars Bruder, der mit einer Frage für ihn Partei ergriff, ohne es zu wissen: "Sind Schwule etwa keine Menschen?"

Ein paar Monate später, im Jahr 2010, fasste Hadar den Mut, an der Gay Pride Parade in Tel Aviv teilzunehmen. An diesem Abend, bei der Rückkehr nach Hause, eröffnete er seiner Mutter schließlich, dass er schwul sei. "Ich dachte, es würde der schwärzeste Tag in meinem Leben", sagt Hadar, aber sie habe es akzeptiert.

Als orthodoxer Jude war es nicht einfach für Hadar. Seine schulterlangen Locken ließ er immer unter einer Mütze verschwinden, wenn er Bars besuchte. Letztendlich schnitt Hadar die Locken ab und stutzte seinen Bart, um die Chancen bei Dates zu erhöhen.

Hadar ist noch auf der Suche nach der großen Liebe. Gefunden hat er in diesem Jahr zumindest Akzeptanz und Selbstverwirklichung: bei "Drag Yourself" - einer Schule, die zehnmonatige Kurse für angehende Drag Queens anbietet. Dort lernt man, auf High Heels zu staksen, sich falsche Wimpern anzukleben und die eigene Drag-Persönlichkeit zu entwickeln. Es dürfte so ziemlich der einzige Ort sein, an dem sich ein jüdischer Siedler, ein israelischer Soldat, ein arabischer Israeli und ein ehemals ultraorthodoxer Jude gegenseitig ihre BHs ausstopfen.

Hadar schließt den Kurs bald ab. Er ist der einzige Drag-Schüler, der eine Kippa trägt. "Das ist fabelhaft", sagt Gil Naveh, ein Veteran unter Israels Drag Queens und Leiter der Schule, während er Hadars Lippen vor dessen Auftritt in einer Jerusalemer Schwulen-Bar mit einem apfelroten Lippenstift verziert. "Er bleibt sich selbst treu."

wit/AP

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