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Religion und Gewalt

"Ins Fleisch geschnittene Botschaften sind wirkungsvoller als der Koran"

Sind Religionen gewaltfördernd? Wie viel Koran steckt in den Kriegen des "Islamischen Staats"? Diese Fragen diskutierten Wissenschaftler in Berlin. Über das mörderische Eifern im Namen Gottes.

AP

Bei einem Selbstmordanschlag in Bagdad versengter Koran

Von
Mittwoch, 27.04.2016   15:45 Uhr

Wie viel Koran steckt eigentlich in den Kriegen des "Islamischen Staats"? Provozieren vor allem monotheistische Religionen Gewalt? Oder missbraucht der Mensch den Glauben für seine Zwecke?

Die Fragen, die am Dienstagabend bei den 4. Berliner Religionsgesprächen gestellt wurden, hatten es in sich. Wer hier konkrete, erschöpfende Antworten erwartete, wurde enttäuscht - das allerdings auf sehr differenzierte und unterhaltsame Art. Vier Experten waren in die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften gekommen, um über die Ursachen von Terror, Radikalisierung und die Wechselbeziehung von Religion und Gewalt zu diskutieren.

SPIEGEL ONLINE hat die wichtigsten Erkenntnisse zusammengefasst.

Religion und Gewalt

Bei der Frage, ob bestimmte Religionen gewaltanfälliger als andere sind, wurde zunächst klar unterschieden: "Religion kann nicht gewalttätig sein, das kann nur der Mensch", betonte der Historiker Jörg Baberowski von der Berliner Humboldt-Universität. Der Mensch sei nun mal in der Lage, Gewalt auszuüben, dies sei eine "anthropologische Konstante". Religion könne keine Gewalt verursachen, "sie bietet aber ein Begründungsinstrumentarium".

Dem pflichtete der Religionswissenschaftler Hans Kippenberg bei: "Religion legitimiert Gewalt, sie verleiht dem gewalttätigen Handeln Sinn."

Die Theologin Hamide Mohagheghi setzte dem entgegen, dass Religion im Gegenzug aber auch Gewalt im Menschen befrieden könne: "Durch den Glauben kann man Gewalt lenken, sie zivilisieren. Das Spannungsfeld, in dem der Mensch lebt, kann durch Religion überwunden werden."

DPA

Islamische Theologin und Juristin Hamideh Mohagheghi

Sind also religiösen Schriften gar nicht die Ursache von Gewalt?

"Ins Fleisch geschnittene Botschaften, wie sie der 'Islamische Staat' in seinen Folter- und Enthauptungsvideos übermittelt, sind wirkungsvoller als jede heilige Schrift", sagte Historiker Baberowski. "Solche Mitteilungen zwingen Menschen zum Gehorsam und die Täter wissen das." Der Tod und das Grauen seien notwendig, um sich durchzusetzen, meint der Osteuropa-Experte, der über Stalins Terrorregime und Gewalt im 20. Jahrhundert geforscht hat. "Die Geheimdienste sämtlicher Diktaturen wissen, wie Einschüchterung funktioniert - die Strategie ist sehr simpel."

imago

Jörg Baberowski, Professor für Geschichte an der Berliner Humboldt-Universität

Was ist mit dem Schwertvers im Koran, der explizit auffordert, Ungläubige zu töten (Sure 9,4)?

"Es gibt Stellen im Koran, in denen zu Gewalt aufgerufen oder Gewalt verherrlicht wird", sagte die Theologin Mohagheghi. "Es gibt aber auch Passagen, die Frieden und Barmherzigkeit lehren. Die Islamisten missbrauchen den Koran, indem sie Texte aus dem Kontext reißen und nutzen, um junge Leute zu radikalisieren." Der Koran reflektiere das reale Leben der Menschen auf der arabischen Halbinsel im 7. Jahrhundert - Mohagheghi setzt auf eine präzise Übersetzung und historische Einordnung der Schrift.

Sind Islam, Christentum und Judentum anfälliger für Gewalt?

Der Heidelberger Ägyptologe Jan Assmann stellt in seinen Büchern die These auf, dass monotheistische Religionen aufgrund ihres Absolutheitsanspruchs anfälliger seien für Fanatismus, für ein "mörderisches Eifern" für Gott.

Von dieser These wurde in Berlin Abstand genommen. "Keine Weltreligion ist immun gegen Gewalttätigkeit", sagte der Religionswissenschaftler Hans G. Kippenberg. "Es gibt Situationen, in denen alle Gewalt anwenden - auch die als friedliebend geltenden Buddhisten, die etwa auf Sri Lanka hinduistische Tamilen im Bürgerkrieg bekämpften. So etwas passiert, wenn die Existenz der religiösen Gemeinschaft bedroht ist."

Allzu oft werde in der Diskussion vergessen, dass Terror immer auch eine Vorgeschichte habe. "Osama Bin Ladens Kriegserklärung an den Westen gingen Interventionen der USA voraus, die Bombardierung des Irak und das Embargo nach dem Golfkrieg." Viele muslimische Gesellschaften würden solche Interventionen nicht mehr hinnehmen. "Sie wehren sich." Es sei ein großes Manko, dass der Westen zu wenig Kenntnis nehme von innerislamischen Diskussionen. "Die Befriedung der Gewalt beginnt bei uns."

Wie viel Religion steckt in den Kriegen des "Islamischen Staats"?

In der Selbstwahrnehmung der Extremisten sehr viel, in Wahrheit sehr wenig. Es sei bemerkenswert, dass die Charlie-Hebdo-Attentäter von Paris geradezu religiöse Analphabeten gewesen seien, sagte die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun.

Amedy Coulibaly, der in einem jüdischen Supermarkt Geiseln nahm, habe während er um sich schoss, gleichzeitig sein Tun gefilmt und noch während der Belagerung durch die Polizei die Filme am Computer bearbeitet. "Sein Verhalten hatte quasireligiösen Charakter. Er hat seine eigene Unsterblichkeit inszeniert."

"Die Rekruten des 'Islamischen Staates' kommen oft aus zerbrochenen Welten", sagt die Theologin Mohagheghi. "Sie suchen Halt, eine Gemeinschaft, Geborgenheit, eine Perspektive." Im Trainingslager angekommen, landen sie "in einem Raum, wo alle gewohnten gesellschaftlichen Prinzipien aufgehoben sind und Flucht nicht mehr möglich ist", sagt Baberowski. "Hier kann ein Loser zum Helden avancieren, ein Psychopath seine Gewaltfantasien ausleben. In der Gruppe zu töten ist einfacher, man hat ein gemeinsames Ziel. Mit Religion allerdings ist dieses Verhalten nicht zu erklären."

Letztlich, da besteht Konsens, geht es dem IS um machtpolitische und geostrategische Ziele - und um Geld.

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Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun

Plädoyers für den säkularen Staat

Auch darüber, dass Religion und Staat getrennt sein müssen, war man sich einig. "Religion ist Privatsache", sagte Barberowski. Menschen müssten daran gehindert werden, anderen Gewalt anzutun. "Man muss die Gewaltbereitschaft im Menschen mitdenken, um zu verhindern dass Gewalttäter freie Hand haben. Wir brauchen einen starken Staat, eine Ordnung."

Auch Hamideh Mohagheghi hält die Verbindung von Religion mit Macht und Politik für gefährlich. "Bei religiös motivierter Gewalt setzen sich die Handelnden mit Gott gleich und nutzen diese sogenannte göttliche Macht, um Menschen zu manipulieren. Deshalb kann man einen säkularen Staat nur gutheißen - denn er ist nicht antireligiös, sondern garantiert Glaubensfreiheit."

Die Türkei, wo der Präsident des türkischen Parlaments gerade die Einführung einer "islamischen Verfassung" gefordert hat, sieht Mohagheghi in diesem Zusammenhang noch nicht als verloren: "Wir müssen darauf vertrauen, dass die Menschen wachsam sind und ihre Rechte verteidigen."

"Religionsgemeinschaften können mächtig sein, ohne staatliche Gewalt zu haben", erklärte der Religionswissenschaftler Kippermann. "Aber man sollte soziale Macht und staatliche Gewalt nicht verwechseln."

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