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Panorama

Aus für Café Rizz in Kreuzberg

Das Wohnzimmer hat geschlossen

Das Café Rizz im Berliner Graefekiez war Anlaufstelle für Sportfans, für Prominenz und Twitterer. Nach 35 Jahren muss die Gaststätte zumachen. Es stirbt ein weiteres Stück Kreuzberg.

DPA

Sport gucken im Café Rizz (Februar 2018): Zweite Heimat

Von
Samstag, 29.12.2018   20:15 Uhr

Berlin ist Veränderung. Nichts wird in dieser Stadt fertig, so schimpfen die Leute. Und sie vergessen, dass es auch das ist, was die Menschen anzieht. Das Unfertige. In Berlin bleibt nichts, wie es war. Was eben noch da war, vertraut, weil es immer da zu sein schien, ist plötzlich weg. Manchmal hat das sein Gutes, die Stadt häutet sich ständig, aber manchmal ist es auch nur traurig. Berlin ist auch Verlust. Jetzt gerade wieder.

Das Café Rizz an der Grimmstraße im Graefekiez, dort, wo Kreuzberg mal sehr kreuzbergisch war, hat 35 Jahre dort residiert. Mit dem Jahresende ist Schluss. Etwas anderes soll da hin, wenn möglich etwas Schickeres. Und ein weiteres Stück altes Kreuzberg stirbt weg.

Das Rizz mit seinem Chef Alois Smitka und seiner Wirtin Birgit Huster war eine Nummer im Kiez, eine zweite Heimat für viele. Kein touristischer Hot Spot, sondern Anlaufstelle für alle, die drumherum wohnen, für manche, die in Kreuzberg gelandet und gestrandet sind, Anlaufstelle genauso für Familien und ewige Singles wie nicht zuletzt auch für Hunde, als Gäste geliebt von der Wirtin.

Bruno Ganz und Münte, Mattes und Riexinger

Die Autorin Carolin Emcke kehrte hier ein, der "Tagesspiegel"- Kolumnist Harald Martenstein machte es sich bequem, der Linken-Chef Bernd Riexinger, der um die Ecke wohnt, isst hier, man muss jetzt sagen, hat hier gegessen. Bruno Ganz und Franz Müntefering waren da, die "Tatort"-Crew um Kommissarin Eva Mattes hat hier ihre TV-Premieren gefeiert, Sängerin Yvonne Catterfeld hier gefrühstückt. Andreas Hoppe, der "Tatort"-Ermittler Mario Kopper, hat vorbeigeschaut. Es dürfte ihm hier ebenso gut geschmeckt haben wie bei seiner italienischen Film-Mama.

Aber das Rizz war keine Promi-Kneipe, beileibe nicht. Eher erste Adresse für alle, die im Kiez Sport gucken wollten. Birgit Huster und ihr Team haben alles auf Leinwand übertragen: Von der Champions League bis zum Großen-Motorrad-Preis, Super Bowl und Eishockey, aber auch "Tatort", das TV-Kanzlerduell und die Bundestagswahl.

Für die Twitter-Gemeinde diesseits und jenseits von Berlin war das Rizz eine Art zentraler Treffpunkt in der Hauptstadt. Birgit Huster twitterte unter @CafeRizz über Gäste, Fußball und den Rest der Welt, es gab einen Twitterstammtisch.

Das Rizz war stolz darauf, politisch zu sein

Und das Rizz war, selbstverständliche alte Kreuzberg-Ehre, politisch. Die Ärzte ohne Grenzen hielten hier ihre Jahrestreffen ab, es gibt nicht mehr viele Gaststätten, die für so etwas Platz bieten. Es gehört zu den Fußnoten, dass das Rizz in dem Jahr zumachen muss, in dem es aufgrund seines politischen Standpunktes bundesweit bekannt wurde. Birgit Huster hatte vor der Fußball-WM im Juni per Twitter Rechtsradikalen Hausverbot angekündigt und dabei auch explizit die AfD miteingeschlossen. André Poggenburg, der ehemalige AfD-Chef in Sachsen-Anhalt, hatte den Tweet aufgegriffen und öffentlichkeitswirksam Parallelen zum "Juden unerwünscht" der Nazis gezogen.

Die Folge: Das Rizz erhielt Drohbotschaften, Beamte des Landeskriminalamtes waren im Schankraum, um den Normalbetrieb unter Polizeischutz zu sichern, von der "taz" über "Stern" bis "Welt" berichteten alle über die Wirtin und ihren Ärger mit der AfD.

Das ist jetzt alles vorbei. Am Abschiedsabend direkt vor Weihnachten bekamen Stammgäste noch einmal ihr Lieblingsessen serviert und ihre Lieblingsgetränke eingeschenkt, die Gäste hielten kurze, improvisierte Reden. Eine sagte, sie habe ihre Großeltern aus Kalifornien ins Rizz geschleppt, "um ihnen den Ort zu zeigen, der zu meinem Wohnzimmer geworden ist - sie haben es gesehen und es sofort verstanden."

Die heimeligen Orte verschwinden

Das Wohnzimmer gibt es jetzt nicht mehr, wieder ein heimeliger Ort in der Stadt weniger - nicht nur im Graefekiez, nicht nur in Kreuzberg. Im Dreieck Kreuzberg-Mitte-Friedrichshain verschwinden sie nach und nach, die unaufgeregten Orte, an denen man sich mittags, nachmittags oder abends oder zu all diesen Zeiten traf.

Der kuschelige Biergarten "Heinz Minki" ist lange nicht mehr da, niemand kann mehr in der "Völkerfreundschaft" an der Schönhauser Allee gepflegt absacken, die ehemalige DDR-Künstlerboheme ist seit dem Tod des "Pieper" in der Sredzkistraße im Prenzlauer Berg heimatlos geworden. An der Spree sind die Strandbars Kiki Blofeld und Oststrand den Bauprojekten gewichen. Dort, rund um die Mercedes-Benz-Halle, ist stattdessen eine seelenlose Beton-Totenstadt entstanden, ohne jede Urbanität, dominiert von einer riesigen Shoppingmall, geleckt, über allem thront im Dunklen der leuchtende Mercedes-Stern.

Allein das gute alte Weltrestaurant Markthalle, wo Sven Regeners literarische Figuren um Herrn Lehmann ihren Schweinebraten verzehrten, hat einen Besitzerwechsel weitgehend unbeschadet überstanden.

Offiziell ist das Rizz seit dem 23. Dezember wegen Umbauten geschlossen, die Schilder sind schon abmontiert, 35 Jahre Kiezgeschichte werden abgewickelt. Und viele Menschen müssen sich jetzt ein neues Wohnzimmer suchen. In einer Stadt, die vor lauter Verändern dabei ist, die Wohnzimmer zu vergessen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, die Schließung des Rizz geschehe allein auf Wunsch der Vermietung. Die Besitzerin legt Wert auf die Feststellung, dass die Schließung im Einvernehmen mit dem langjährigen Mieter erfolgt. Wir haben den Text entsprechend korrigiert.

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