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Panorama

Caritas-Studie

84 Prozent der Deutschen wünschen sich mehr sozialen Wohnungsbau

"Steigende Mieten treffen nicht nur Menschen mit geringem Einkommen": Eine Caritas-Studie zeigt, wie sehr die Wohnungsnot die Deutschen umtreibt. Drei Maßnahmen fordern die Befragten.

imago/ Rust

Sozialer Wohnungsbau in Hannover

Mittwoch, 10.01.2018   13:53 Uhr

Bezahlbares Wohnen gehört neben Pflege, Kinderarmut und Alterssicherung zu den drängendsten politischen Fragen in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt die Caritas-Studie "Menschenrecht auf Wohnen". Um zu erfahren, wie die Bevölkerung das Thema wahrnimmt, hatte der Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche das Institut IPSOS mit einer repräsentativen Befragung beauftragt.

Das Ergebnis der Studie: 30 Prozent der Befragten halten das Thema bezahlbares Wohnen für "äußerst wichtig", weitere 46 Prozent für "sehr wichtig". Insbesondere für Menschen mit niedrigem Einkommen hat das Thema einen hohen Stellenwert: Für 83 Prozent der Befragten mit einem Einkommen von nicht mehr als 1500 Euro ist es äußerst oder sehr wichtig. Doch auch Gutverdiener messen dem Thema große Bedeutung bei: 78 Prozent der Befragten mit einem Einkommen von mehr als 3000 Euro halten es für "äußerst wichtig" oder "sehr wichtig".

"Knapper Wohnraum und steigende Mieten treffen mittlerweile nicht nur Menschen mit geringem Einkommen", sagt Caritas-Präsident Peter Neher. Auch Menschen aus der Mittelschicht, die etwa in der Pflege oder bei der Polizei arbeiten, spürten, dass bezahlbarer Wohnraum Mangelware geworden sei. "Immer mehr Menschen machen die Erfahrung, dass sie nahezu chancenlos auf dem Wohnungsmarkt sind."

Hohe Wohnkosten sind für vier von fünf Befragten ein "erhebliches Armutsrisiko"

79 Prozent, also fast vier von fünf der befragten Personen, stimmten der Aussage "Hohe Wohnkosten sind ein erhebliches Armutsrisiko" zu. 77 Prozent sind der Meinung, dass hohe Wohnkosten die Entwicklungschancen von Kindern beeinträchtigen. Für mehr als drei Viertel aller Befragten bergen hohe Wohnkosten das Risiko einer räumlichen Trennung von armen und reichen Menschen. 74 Prozent sind der Meinung, dass hohe Wohnkosten die Gefahr von Obdachlosigkeit erhöhen.

"Ein wesentlicher Grund für den Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist der Verlust sozial gebundener Wohnungen", sagt Caritas-Präsident Neher. Die Aufhebung der Wohnungsgemeinnützigkeit Anfang der Neunzigerjahre habe dazu geführt, dass mehr als zwei Millionen Wohnungen vor allem aus kommunalem Eigentum, Betriebswohnungen sowie Bundes- und Landesimmobilien verkauft worden seien.

Zudem würden seit Jahren zu wenig bezahlbare Wohnungen gebaut, vor allem zugunsten von unteren Einkommensgruppen und Familien, so Neher. 2016 seien in Deutschland 278.000 Baufertigstellungen gezählt worden, überwiegend von Eigenheimen und im gehobenen Preissegment. Dabei liege der Bedarf an Neubauten bei jährlich 350.000 bis 400.000 Wohnungen.

Ein weiterer Grund sei, dass die Bevölkerung in den vergangenen Jahren durch den Zuzug von EU-Bürgern und Flüchtlingen stärker gewachsen sei als angenommen, so Neher. Auch die Lebensgewohnheiten hätten sich verändert: "Während früher in vielen Haushalten mehr als drei Personen lebten, ist in den vergangenen Jahren die Zahl der Ein- und Zweipersonenhaushalte deutlich gestiegen."

84 Prozent sprechen sich für Förderung sozialen Wohnungsbaus aus

Neher sieht vor allem die Kommunen in der Pflicht: "Sie besitzen mit dem Bauplanungsrecht ein starkes Instrument, mit dem sie bestimmen können, wo, wie und was gebaut wird." Auch über ihre Wohnungsunternehmen hätten die Kommunen eine unmittelbare Steuerungsmöglichkeit, um günstigen Wohnraum zu erhalten und zu schaffen.

"Das Ziel kommunaler Wohnungsgesellschaften sollte daher nicht größtmöglicher Gewinn sein, um die kommunalen Haushalte auszugleichen", so Neher. "Das Ziel sollte es sein, günstigen Wohnraum auch für Bevölkerungsgruppen mit geringem Einkommen zu ermöglichen."

Bei der Frage, welche Maßnahmen die Politik ergreifen soll, um bezahlbares Wohnen zu ermöglichen, fanden vor allem drei Maßnahmen deutliche Zustimmung unter den 1009 telefonisch Befragten: die Förderung des sozialen Wohnungsbaus (84 Prozent), die Bereitstellung preiswerter Wohnungen für benachteiligte Personen (80 Prozent) und die Förderung von Wohnungsgenossenschaften (80 Prozent).

asa

insgesamt 68 Beiträge
skeptikerjörg 10.01.2018
1. Das große Versagen
Eines der größten Versagen der letzten 30 Jahren! Nicht nur, dass der Wohnungsbau immer weiter zurück gefahren wurde, sondern dass der öffentliche Bereich, Bund, Länder und Kommunen, hunderttausende von Wohnungen aus ihrem [...]
Eines der größten Versagen der letzten 30 Jahren! Nicht nur, dass der Wohnungsbau immer weiter zurück gefahren wurde, sondern dass der öffentliche Bereich, Bund, Länder und Kommunen, hunderttausende von Wohnungen aus ihrem Besitz verkauft haben. Übrigens auf allen drei Ebenen unabhängig davon, welche Parteien gerade das Sagen hatten. Hinzu kommt, dass man durch immer mehr Bauauflagen und Ausführungsbestimmungen das Bauen so teuer gemacht hat, dass es für gewinnorientierte Unternehmen, aber auch für private Bauherren heute schlicht nicht möglich ist, preiswerten Wohnraum zu bauen. Für letzteres Problem sind übrigens überwiegend rot-grüne oder rot-rot-grüne oder rot-rote Regierungen verantwortlich. Das Wohnungsproblem ist ein weitaus größerer Skandal als z.B. Steuer- oder Rentenfragen.
Le Commissaire 10.01.2018
2. kontraproduktiv
Sozialer Wohungsbau ist so sinnvoll wie sozialer Handybau oder soziale Joghurtproduktion. Warum sind Joghurts spottbillig, warum gibt es Handys in allen Preisklassen, so dass sich jeder eines leisten kann? Weil hier ein Markt mit [...]
Sozialer Wohungsbau ist so sinnvoll wie sozialer Handybau oder soziale Joghurtproduktion. Warum sind Joghurts spottbillig, warum gibt es Handys in allen Preisklassen, so dass sich jeder eines leisten kann? Weil hier ein Markt mit Wettbewerb herrscht, in dem eine stärkere Nachfrage ganz ohne politische Planung zu einem größeren Angebot führt. Das Problem beim Wohnungsbau ist, dass hier keine Marktwirtschaft herrscht, sondern eine neosozialistische Regulierungswirtschaft: Bauen ist grundsätzlich _verboten_, es muss explizit genehmigt werden, zum Beispiel über die Ausweisung von Baugebieten. Solch eine Ausweisung ist eine politische Entscheidung der Kommunen. Die gut vernetzten Immobilienbesitzer wissen dies regelmäßig zu verhindern, gerne im Verein mit angeblichen Umweltschützern und besorgten Bürgern. Und auch dann, wenn man ausnahmsweise einmal bauen darf, ist man so von Regulierungen wie zum Beispiel zu Energiestandards umzingelt, dass günstiger Wohnraum kaum entstehen kann.
yksas 10.01.2018
3. Caritaslüge
"Ein wesentlicher Grund für den Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist der Verlust sozial gebundener Wohnungen", sagt Caritas-Präsident Neher. Dazu möchte ich ergänzen: Ein anderer wesentlicher Grund ist die Raffgier [...]
"Ein wesentlicher Grund für den Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist der Verlust sozial gebundener Wohnungen", sagt Caritas-Präsident Neher. Dazu möchte ich ergänzen: Ein anderer wesentlicher Grund ist die Raffgier der Konzernmutter der Caritas, der katholischen Kirche, die alleine im Bistum München Freising wo die Mieten bekanntermaßen am Höchsten sind ein Vermögen in Aktien und Immobilien von mehr als 3,5 Mrd Euro angehäuft hat um es den Menschen vorzuenthalten. Wie toll da die unterschiedlichen Teilbereiche des Kirchenkonzerns zusammenwirken konnte ich heute morgen beobachten wie beim Gebrauchtwarenhandel der Kirche ein Mann Weihnachtsdekoration anschleppte und um Spendenquittung für die milde Gabe bat. So was mindert sein Steueraufkommen, hält die Weihnachtsartikelbranche am laufen, blendet Kinder und Gutgläubige stärkt das Prestige als Helfer und zwar auf Kosten der Allgemeinheit. Wieviel Steuern bezahlt die Kirche eigentlich an den Staat um soziale Wohnungsbauprogramme mitzufinanzieren? Keine. Also hört mal auf, Binsenweisheiten als soziales Engagement zu verkaufen.
vliege 10.01.2018
4. Das ist kein Phänomen sondern politisch gewollt
Der Verkauf von Sozialbauwohnungen seit den Anfangsneunzigern über Jahrzehnte hinweg musste zwangsläufig solche Ergebnisse hervorbringen. Länderschuldentilgung ohne Maß, Mitte und Verstand. Die Politik war und ist an dieser [...]
Der Verkauf von Sozialbauwohnungen seit den Anfangsneunzigern über Jahrzehnte hinweg musste zwangsläufig solche Ergebnisse hervorbringen. Länderschuldentilgung ohne Maß, Mitte und Verstand. Die Politik war und ist an dieser Entwicklung maßgeblich verantwortlich. Die privaten "Investoren" jammern über zu hohe Bürokratie sowie geringe Renditen für das eingesetzte Kapital. Erstaunlicherweise reicht das Investitionskapital aber für schicke ETW in Hippen oder Innerstädtischen Hotspots bei denen nicht selten die angestammte Klientel Rausgentrifiziert wird. Die Politik muss nun, auch durch die erhöhte Nachfrage durch Flüchtlinge samt Familiennachzug endlich handeln und notfalls selber bauen.
mapcollect 10.01.2018
5. Das Bauen so teuer geworden ist
liegt mal vor allem an den gut gefüllten Auftragsbücher der Handwerksbetriebe und an den explodierenden Grundstückspreisen. Gründe dafür sind die niedrigen Zinsen, die fehlenden Anlagealternativen und die derzeit starke [...]
Zitat von skeptikerjörgEines der größten Versagen der letzten 30 Jahren! Nicht nur, dass der Wohnungsbau immer weiter zurück gefahren wurde, sondern dass der öffentliche Bereich, Bund, Länder und Kommunen, hunderttausende von Wohnungen aus ihrem Besitz verkauft haben. Übrigens auf allen drei Ebenen unabhängig davon, welche Parteien gerade das Sagen hatten. Hinzu kommt, dass man durch immer mehr Bauauflagen und Ausführungsbestimmungen das Bauen so teuer gemacht hat, dass es für gewinnorientierte Unternehmen, aber auch für private Bauherren heute schlicht nicht möglich ist, preiswerten Wohnraum zu bauen. Für letzteres Problem sind übrigens überwiegend rot-grüne oder rot-rot-grüne oder rot-rote Regierungen verantwortlich. Das Wohnungsproblem ist ein weitaus größerer Skandal als z.B. Steuer- oder Rentenfragen.
liegt mal vor allem an den gut gefüllten Auftragsbücher der Handwerksbetriebe und an den explodierenden Grundstückspreisen. Gründe dafür sind die niedrigen Zinsen, die fehlenden Anlagealternativen und die derzeit starke Zuwanderung. Die zugegebenermaßen oft lästigen Bauauflagen fallen da kaum noch ins GEwicht.

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