Schrift:
Ansicht Home:
Panorama

Ein Jahr #MeToo

Was wurde aus ... Harvey Weinstein?

Vom Filmmogul zum Angeklagten: Mehr als 80 Frauen werfen Harvey Weinstein sexuelle Übergriffe vor - sein Fall machte #MeToo zu einer weltweiten Bewegung. Am Anfang stand aber die Wut über Donald Trump.

DPA
Von
Montag, 08.10.2018   17:10 Uhr
Alle Artikel

Viele der Geschichten ähneln sich: Der Filmmogul Harvey Weinstein soll junge Frauen auf sein Hotelzimmer bestellt haben, wo er mit ihnen allein war, sich dann vor ihnen nackt gezeigt und etwa eine Massage gefordert haben. Einige Frauen konnten sich aus der Situation retten, andere offenbar nicht. Es gibt Schilderungen, wonach Weinstein seine mutmaßlichen Opfer zum Oralverkehr zwang, mehrere Frauen soll er vergewaltigt haben.

Titelbild

Mehr dazu im SPIEGEL

Heft 54/2018
#frauenland
100 Jahre Frauenwahlrecht, 1 Jahr #MeToo - Wie modern ist Deutschland?

Über Jahrzehnte ging das wohl so, viele wollen davon gewusst haben, niemand protestierte dagegen öffentlich. Warum?

Zwei Dinge setzte Weinstein offenbar ein, damit seine Opfer nicht die Stimme erhoben: seine Macht im Filmbusiness - und Geld. So soll er den Schauspielerinnen gedroht haben, wenn sie sich nicht gefällig zeigten, würde das ihrer Karriere schaden. Einigen, an denen er sich vergangen haben soll, soll er anschließend Geld angeboten haben, damit sie schweigen.

Weinstein streitet die Vorwürfe ab

Erst am 5. Oktober 2017 wird der Fall durch einen Bericht in der "New York Times" öffentlich. Darin melden sich unter anderem die Schauspielerinnen Rose McGowan und Ashley Judd zu Wort. Weinstein veröffentlicht ein Statement, in dem er einräumt, "Schaden angerichtet" zu haben. Die Missbrauchsvorwürfe streitet er aber ab. Später verschärft Schauspielerin McGowan ihren Vorwurf: Auf Twitter schreibt sie, sie sei von Weinstein vergewaltigt worden. Auch das streitet er ab.

Wenige Tage nach der ersten Enthüllung gibt es einen weiteren Bericht, dieses Mal im Magazin "New Yorker", in dem 13 weitere mutmaßliche Opfer zitiert werden; drei von ihnen werfen Weinstein Vergewaltigung vor. Eine der Frauen ist die italienische Schauspielerin Asia Agento. Sie berichtet von einem Vorfall, der sich 1997 in Südfrankreich abgespielt haben soll. Auch die Schauspielerinnen Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow berichten, von Weinstein sexuell belästigt worden zu sein. Seine Frau, Designerin Georgina Chapman, verlässt ihn.

Heute werfen Weinstein mehr als 80 Frauen sexuelle Belästigung, Missbrauch und Vergewaltigung vor. Über eine Sprecherin lässt Weinstein laut "Vanity Fair" wissen, dass er eine 45-tägige Therapie gegen seine Sexsucht frühzeitig beendet hat, und nicht, wie vorher berichtet, abgebrochen habe. Die Sprecherin kündigt an, dass Weinstein zusätzlich noch Programme absolvieren werde, die sich um "suchtgetriebenes Verhalten", den Umgang mit Wut und Ernährung drehen.

Nicht nur privat, auch beruflich ist Weinstein schon kurz nach den ersten Veröffentlichungen erledigt. Die Organisation hinter den Oscars, die Academy of Motion Picture Arts and Sciences ist unter den ersten, die Weinstein ausschließt. In einem Statement heißt es: "Es geht hier um ein tief verstörendes Problem, das in unserer Gesellschaft keinen Platz hat."

Mitte Oktober 2017 tritt Weinstein vom Vorsitz seiner Firma zurück, die ein halbes Jahr später Insolvenz anmeldet und im Juli 2018 verkauft wird. Schauspieler wie Julia Roberts, Brad Bitt und Quentin Tarantino hatten zuvor wegen ausstehender Schulden vor Gericht darauf gedrängt, mit dem Verkauf noch länger zu warten.

Zu Beginn der Enthüllungen soll Weinstein einem Reporter gesagt haben, er wolle sich eine Auszeit nehmen und dann wieder im Business arbeiten. Das verdeutlicht, wie sehr er das Ausmaß seines Falls verkannte - und auch falsch einschätzte, wie stark sich das gesellschaftliche Klima verändert hatte.

#frauenland

Die Wut war schon seit der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA da. Einen Tag nach dessen Amtseinführung, am 21. Januar 2017, zogen mehr als eine halbe Million Demonstranten beim Women's March durch Washington, landesweit sollen es doppelt so viele gewesen sein. Sie protestierten gegen einen Präsidenten, den selbst eine Tonaufnahme nicht den Wahlsieg kostete, in der er damit prahlt, Frauen in den Schritt zu fassen. 16 Frauen erhoben Vorwürfe gegen ihn wegen sexuellen Fehlverhaltens - bis heute sind die Fälle nicht aufgeklärt.

Weltweite Solidarität durch #MeToo

Die Anschuldigungen gegen Weinstein rückten das Thema der sexuellen Gewalt gegen Frauen Monate später erneut in den Fokus der Öffentlichkeit, als die Demonstrationen schon wieder abgeebbt waren. Der Filmmogul wurde zum Symbol für etwas, das viele Frauen erlebt haben - nun entschieden sie sich, nicht länger zu schweigen. Schauspielerin Alyssa Milano rief im Netz Frauen, die sexuelle Belästigung oder Missbrauch erlebt haben, auf, ihre Erfahrungen mit dem Zusatz #MeToo bei Twitter zu posten und zu teilen. Der Hashtag wurde millionenfach benutzt.

Die Nachrichtenseite Vox.com listet mittlerweile 219 Fälle auf, in denen Schauspieler, Firmenchefs und andere prominente Männer des sexuellen Fehlverhaltens beschuldigt werden.

Weinstein wurde inzwischen vor einem Gericht in New York angeklagt. Es geht um Vorwürfe der Vergewaltigung, sexuellen Missbrauch und Belästigung. Im Mai meldete sich Weinstein selbst bei der Polizei. Einen Tag später kam er auf Kaution frei; eine Million Dollar musste er dafür hinterlegen. Sein mutmaßliches Opfer McGowan spricht dennoch von einem "großartigen Tag für seine Opfer". Weinstein drohen bis zu 25 Jahre Haft. Er plädierte auf "nicht schuldig".

Auch in Los Angeles und Großbritannien wird derzeit gegen ihn ermittelt. Im Vereinigten Königreich liegen belastende Aussagen von elf Frauen vor. Mindestens eine deutsche Schauspielerin ist ebenfalls unter den Anklägerinnen.

Weinsteins nächste Gerichtsanhörung in New York ist im November.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP