Schrift:
Ansicht Home:
Panorama

Namen von Friseursalons

Verhairendes Haar-a-kiri

"Headhunter", "Haarmonie", "pony & clyde" - Friseure mögen offensichtlich Wortspiele. Eine Analyse von 22.000 Salonnamen aus ganz Deutschland offenbart die schrägsten Kreationen.

Getty Images/ EyeEm
Von und
Samstag, 12.01.2019   16:00 Uhr

Es ist ein schmaler Grat, auf dem die Betreiber von Friseursalons mitunter wandeln. Bei der Namensfindung greifen sie gern zu doppeldeutigen Begriffen oder gewagten Neukreationen. Im schlimmsten Fall landen sie dabei direkt in der Wortspielhölle. War es wirklich eine so gute Idee, den Salon "Vorhair Nachhair" zu nennen? Oder "Kammbäck"?

Doch ganz egal wie gelungen die Wortspiele auch sein mögen - in jedem Fall erregen die schrägen Namen Aufmerksamkeit. Und erreichen so schon mal ein wichtiges Ziel für die Betreiber.

"Bei Friseuren sind Wortspiel-Namen besonders häufig", hat Mark Leiblein beobachtet. Er berät mit seiner Agentur Namestorm Unternehmen bei der Wahl passender Namen. Man sehe Wortspiele oft bei kreativen Berufen, etwa an Tattoo-Läden oder Bars.

Inlgörous Bärberez

Egal ob "Hairtie", "SchEHRENsache" oder "Scheitelkeiten" - die Germanistin Nina Janich findet das "sehr amüsant". Janich leitet die Jury zum "Unwort des Jahres" und erforscht an der TU Darmstadt Alltagssprache. Letztlich gehe es darum, originell zu sein, sagt sie. Der schlichte Name Friseur klinge für manche eben schon etwas altbacken.

"Heidis Frisierstübchen" oder "Haar-ley"?

Wie häufig aber sind die schrägen Kreationen? SPIEGEL ONLINE hat einen Datensatz mit 21.818 Salons aus Deutschland ausgewertet - eine gute Stichprobe der offiziell fast 81.000 Friseurbetriebe hierzulande. Die Daten stammen von Openstreetmap. Ähnlich wie bei Wikipedia sammeln Freiwillige Informationen für diese öffentlich nutzbare Karte. Vereinzelte Fehler können daher nicht ausgeschlossen werden. Wir haben OpenStreetmap-Daten vom Stichtag 23. Oktober des Kartendienstleisters Geofabrik verwendet und nach dem Marker "hairdresser" gefiltert.

Fotostrecke

Friseurnamen: Well-Kamm!

Die Analyse zeigt: Ja, es gibt tatsächlich eine Vielzahl von mehr oder weniger gelungenen Wortspielen. Knapp acht Prozent der Geschäfte tragen einen Namen, der entweder in die Kategorie Wortspiel fällt oder zumindest als mehr oder weniger kreativer Sprachgebrauch gelten darf - das sind 1718 Läden. Angefangen bei "Atmosphair" und "Chaarisma" über "Barberossa", "Elementhaar" und "Haar zwei O" bis zu "Haar-a-kiri" und "Well-Kamm".

Eine klare Kategorisierung der Namen ist allerdings nicht immer leicht. "Cut Club" haben wir beispielsweise als Wortspiel eingestuft - wegen der Anspielung auf Kit Cat Club. Auch "Cutting Crew" werten wir als kreativen Sprachgebrauch, schließlich gab es in den Achtzigerjahren eine gleichnamige Band mit dem Hit "I Just Died in Your Arms". Das gängige "Cut & Go" hingegen gilt nicht als Wortspiel, weil hier Anspielungen wie auch Doppeldeutigkeiten fehlen.

Die Daten zeigen, dass schräge und unkonventionelle Friseurnamen in der Großstadt und in kleineren Gemeinden etwa gleich häufig vorkommen. Auffällig ist allerdings ein gewisses Ost-West-Gefälle und eines von Nord nach Süd - siehe folgende Karte:

SPIEGEL ONLINE

In Baden-Württemberg liegt der Wortspiel-Anteil nur bei 6,4 Prozent - im Norden und Osten Deutschlands sind es zwischen 8 und 11 Prozent. Spitzenreiter ist übrigens Mecklenburg-Vorpommern mit 11,1 Prozent - mehr als drei Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt von 7,9 Prozent.

Die Deutschlandkarte zeigt die Lage der mehr als 1700 Friseurgeschäfte mit Namen, die wir der Kategorie Wort- und Sprachspiel zugeordnet haben. Sie können darin gezielt nach bestimmten Orten und Postleitzahlen suchen und auch zoomen - der Name eines Salons wird angezeigt, wenn Sie auf den Punkt klicken.

Friseurgeschäfte in Deutschland mit Wortspiel im Namen

Datengrundlage: OpenStreetMap 23.10.2018.

Besonders beliebt bei den Wortspielen sind folgende Begriffe:

Besonders findigen Ladenbesitzern ist es sogar gelungen, zwei Branchenbegriffe in einem Wortspiel unterzubringen. Beispiel: die Salons "Chaarakthair" in Dresden oder "Schick Hair" in Kehl.

Haar und Hair sind übrigens auch die Wörter, die am häufigsten in den Namenskreationen vorkommen. Das folgende Diagramm zeigt die Häufigkeiten der verwendeten Wortstämme:

Wie aber kommen solche Kreationen bei Sprach- und Marketingprofis an? Das Echo ist geteilt. "Haartistik" finde sie "sehr gelungen", sagt die Germanistin Janich. Die Anspielung auf Artistik passe gut, weil es in beiden Fällen um etwas Künstlerisches gehe. "Kamm in" gefalle ihr hingegen nicht so gut. "Der Name funktioniert ja eigentlich erst, wenn man ihn laut ausspricht."

"Sehr cool"

Christine Stark von der Namensagentur Endmark hält auch den Kontext für wichtig. "Ein 'Hairport' könnte an einem Flughafen Sinn machen", sagt sie, wirke in einem ostfriesischen Dorf aber eher unauthentisch. Ohnehin sei Authentizität entscheidend. "Wenn Sie Ihren Friseurladen 'Sahaara' nennen und im maghrebinischen Design präsentieren, kann das Erfolg haben."

Und was ist mit "pony & clyde", einem Geschäft aus Hamburg? Namensberater Leibling findet den Namen "sehr cool". Die Linguistin Janich hat dagegen Zweifel. "Ich weiß nicht, ob jüngere Menschen den Film 'Bonnie und Clyde' überhaupt noch kennen." Obendrein habe das Verbrecherpärchen mit Haaren ja nichts zu tun.

In jedem Fall können Friseure mit einer gezielten Namenswahl Akzente setzen, um bestimmte Zielgruppen zu erreichen. "Anglizismen sprechen zum Beispiel eher junge Leute an", sagt Janich. Nach ihren Erfahrungen kommt sogenanntes Denglisch bei älteren Menschen hingegen nicht gut an. Gleiches gelte für Formulierungen mit falscher Grammatik wie "Das König der Biere".

Haarmonie schlägt Haargenau

Manches Wortspiel wird inzwischen von so vielen Friseurgeschäften genutzt, dass es höchstens noch ein müdes Lächeln hervorruft. Absoluter Spitzenreiter dabei ist "Haarmonie": Das Wort taucht in diversen Schreibweisen bei 195 Salons der bundesweiten Stichprobe auf. "Haargenau" kommt auf 135 Geschäfte, "Haarscharf" auf knapp 100.

Bleibt die Frage, ob die Namen etwas bringen. Germanistin Janich hat da Zweifel. Entscheidend sei wohl letztendlich die handwerkliche Qualität. Wem die neue Frisur gut steht, dem ist ein an den Haaren herbeigezogenes Wortspiel auch egal.

insgesamt 14 Beiträge
dieemh 13.01.2019
1.
Und noch einer: HAIRlich
Und noch einer: HAIRlich
c.schreiber 13.01.2019
2. nicht nur in Deutschland
Ich gehe mal davon aus, dass die Karte keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Mein Lieblingsfriseur in Nordwalde (Kreis Steinfurt) Salon Haarmonie fehlt leider. Aber interessante Namen für Friseursalons gibt es auch [...]
Ich gehe mal davon aus, dass die Karte keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Mein Lieblingsfriseur in Nordwalde (Kreis Steinfurt) Salon Haarmonie fehlt leider. Aber interessante Namen für Friseursalons gibt es auch andernorts. Mein Favorit "Hair#shtag in Faliraki auf Rhodos. ??
noworriesmate 13.01.2019
3. Kreativität
Eines der schönsten Beispiele das ich kenne wenn Kreativität nach hinten losgeht, weil man unbedingt einen originellen Namen wollte, ist Tina‘s Haarschuppen. Ich glaube bis heute ist der Betreiberin die Doppeldeutigkeit nicht [...]
Eines der schönsten Beispiele das ich kenne wenn Kreativität nach hinten losgeht, weil man unbedingt einen originellen Namen wollte, ist Tina‘s Haarschuppen. Ich glaube bis heute ist der Betreiberin die Doppeldeutigkeit nicht klar.
suedniedersachse 13.01.2019
4. War klar, dass im Osten die Namen lustiger sind.
Die Mitbürger dort haben sonst nicht so viel zu lachen ;-) !
Die Mitbürger dort haben sonst nicht so viel zu lachen ;-) !
Landei81 13.01.2019
5. Netter Artikel - aber nicht ein bisschen aufgeblasen?
Den Artikel finde ich ganz nett und lesenswert. Aber den statistischen Aufwand und vor allem die damit verbundene Wichtigtuerei um die Statistik, die weite Teile des Textes durchtränkt, grenzt schon ans Niedliche oder Kindliche [...]
Den Artikel finde ich ganz nett und lesenswert. Aber den statistischen Aufwand und vor allem die damit verbundene Wichtigtuerei um die Statistik, die weite Teile des Textes durchtränkt, grenzt schon ans Niedliche oder Kindliche und nimmt dem Artikel seine Autorität - auch seine humoristische Autorität bzw. Wirkung. Man bekommt den Eindruck, die Spiegel-Online-Redaktion hat die Kraft der Statistik für sich entdeckt, nennt es womöglich intern auch noch "Daten-Journalismus in Zeiten von Big Data" und klopft sich womöglich noch gegenseitig auf die Schulter dafür, wie irre fortschrittlich und smart man doch damit sei - dabei handelt es sich bei dieser statistischen Auswertung um eine Fingerübung, die jeder Industriekaufmann in diesem Land seit Jahren und Jahrzehnten auf täglicher Basis für seinen oder ihren Bereich bewältigen muss. Die Aussagen des Artikels statistisch zu unterfüttern, ergibt für mich Sinn. Aber bei diesem eher nebensächlichen Thema und bei diesem eher begrenzten statistischen Aufwand verglichen zu dem, was heute in anderen Bereichen möglich und üblich ist, mehrere Absätze der statistischen Aufarbeitung zu widmen, zeugt meines Erachtens vor allem davon, dass die hier beteiligten Mitarbeiter von Spiegel-Online was das betrifft komplett die Relation und den Bezug zum Umfeld verloren haben. Es wirkt einfach nur lächerlich - es wirkt so, als wenn ein Kind das Grundprinzip des Verbrennungsmotors erkannt hat und nun in seiner Begeisterung über diesen Lerneffekt alle umstehenden Erwachsenen in altkluger Manier über das Wirkungsprinzip des Verbrennungsmotors lautstark in Kenntnis setzt. Weniger wäre hier mehr gewesen.

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP