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Panorama

Migrantinnen-Netzwerk gegen häusliche Gewalt

"Diese Frauen haben mich gerettet"

Wenn Migrantinnen sich von einem gewalttätigen Partner trennen, verlieren sie oft ihr soziales Netz und den Rückhalt der eigenen Familie. Ein Frauen-Netzwerk in Düren hilft.

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Ehrenamtliche Beraterinnen von Goldrute e. V. in Düren

Von , Düren
Sonntag, 25.11.2018   16:25 Uhr

Neulich war Aylin* das erste Mal am Bahnhof von Düren. Nichts Besonderes, könnte man denken. Für die 38-Jährige allerdings schon. Seit fast 20 Jahren lebt sie in der Stadt zwischen Köln und Aachen: "Meine Wohnung durfte ich aber nur in Begleitung meines Mannes oder meiner Schwiegermutter verlassen", erzählt sie.

Aylins Eltern hatten von der Türkei aus die Ehe mit dem in Deutschland lebenden Akin* arrangiert. Kaum in Düren angekommen, wurde der jungen Frau klar, wer fortan über ihr Leben bestimmen würde: ihre Schwiegermutter. Die verbot ihr jeden Kontakt zur Familie in der Türkei. Als Aylin heimlich anrief und aufflog, kam es zum ersten gewaltsamen Übergriff.

"Sie tanzt dir auf der Nase herum, du musst sie schlagen, sonst bist du kein echter Kerl!", soll die Schwiegermutter Akin angestachelt haben. Er gehorchte.

Die Schläge waren wie eine Initialzündung, erzählt Aylin. Ab diesem Moment hagelte es Prügel, egal, ob Aylin schwanger war, um Gnade bettelte oder schrie. So hart schlug der Ehemann zu, dass das Blut an die Zimmerwand spritzte. Aylin war nur noch die "Hündin", durfte nicht mit am Tisch essen und wurde von der Schwiegermutter sogar daran gehindert, eines ihrer Kinder zu stillen.

Aylin weint, als sie das erzählt, bleibt aber kerzengerade sitzen und wischt die Tränen von der Schläfe wie Schweiß. Sie ging nicht zum Arzt und erstattete keine Anzeige, wie auch. Sie sprach kein Deutsch. Die Angst, erwischt und totgeprügelt zu werden, war übermächtig. Wer würde sich um die Kinder kümmern, wenn sie nicht mehr lebte?

Probleme gewaltbetroffener Migrantinnen

Fehlende Sprachkenntnisse
Zugewanderte Frauen mit fehlenden Deutschkenntnissen scheuen sich oft, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen, aus Angst, nicht verstanden zu werden. Viele leben isoliert und wissen nicht, dass sie sich auch in ihrer Landessprache beraten lassen können.
Aufenthaltsstatus
Migrantinnen verharren in gewaltgeprägten Beziehungen, wenn sie fürchten, durch die Trennung vom Mann ihre Aufenthaltserlaubnis zu verlieren. Tatsächlich gibt es Härtefallregelungen, die den Verbleib misshandelter Frauen in Deutschland möglich machen.
Kindesentzug
Mütter haben Angst, dass die Familie ihnen bei einer Trennung vom Täter die Kinder wegnimmt und/oder zurück ins Herkunftsland bringt.
Abhängigkeit von der Familie
Für Migrantinnen, die aus kollektivistischen Strukturen stammen, in denen die Loyalität zur Familie und die Identifikation mit der ethnischen Herkunft eine große Rolle spielen, ist eine Trennung folgenschwer: Für sie bedeutet der totale Bruch mit dem Täter häufig auch den mit der Familie. Dann sind sie auch materiell auf sich gestellt – das kollektive Sicherungsnetz fällt weg.
Angst vor Behörden
Migrantinnen erstatten selten Anzeige, weil sie aufgrund schlechter Erfahrungen im Herkunftsland Polizei, Gerichten und anderen Behörden misstrauen.
Erhöhtes Gewaltrisiko durch Flucht
Geflüchtete Frauen werden häufiger Opfer von Gewalt: Neben Übergriffen durch Familienmitglieder oder Partner laufen sie Gefahr, auf der Flucht vergewaltigt, misshandelt oder sexuell belästigt zu werden.

Ein Zufall wies Aylin den Weg in die Freiheit. Bei ihrer Zahnärztin entdeckte sie einen Flyer des Vereins "Goldrute", der misshandelten Frauen Hilfe anbietet. Sie rief die Geschäftsführerin Nermin Ermis an, eine zierliche Frau mit leuchtend rotem Haar, die das Migrantinnen-Netzwerk gegen häusliche Gewalt in Düren mitaufgebaut hat. (Lesen Sie hier mehr zur Arbeit der Organisation.)

Aylin fühlte sich das erste Mal verstanden, sie konnte in ihrer Muttersprache über den häuslichen Terror reden, vertraulich, ohne Angst, verraten zu werden. Sie kehrte nach Hause zurück, aber es hatte sich etwas verändert: "Wenn mein Mann mich wieder schlagen wollte, habe ich gedroht, dass ich zur Polizei gehe." Sie wusste nun, dass das ihr Recht ist und sie dort nicht vergewaltigt würde, wie es ihr Ehemann immer behauptet hatte. Die physische Gewalt in der Familie ließ nach. Die psychische wurde härter.

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Beraterin Arzu Avci

"Nach einem Jahr war Aylin wieder bei uns", berichtet ihre Beraterin Arzu Avci. "Wir haben sie gestärkt, ihr eine Wohnung angemietet, für die Finanzierung gesorgt und Beihilfe für Möbel beantragt."

Ehemann Akin reagierte angesichts dieser unerwarteten Selbstständigkeit drastisch: Er bedrohte Aylin mit einem Messer, belästigte und verfolgte die vier gemeinsamen Kinder, bis sie Angststörungen entwickelten. Doch Aylin hielt durch. Sie reichte die Scheidung ein, beantragte das Sorgerecht. Drei ihrer Kinder wollen heute keinen Kontakt mehr zu ihrem gewalttätigen Vater. Mit dem Jüngsten darf er laut Gericht Umgang haben.

"Es geht mir heute so gut", sagt Aylin. "Ich schulde diesen Frauen viel, sie haben mich gerettet." Die Rettung gelang, weil das Migrantinnen-Netzwerk Geduld bewiesen hat. Weil es Aylin Zeit ließ, zu einer endgültigen Entscheidung zu kommen, ohne sie unter Druck zu setzen.

Die Familien mit ins Boot nehmen

Annette Müller ist Professorin für Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen. Sie hat ein dreijähriges Modellprojekt in Düren wissenschaftlich begleitet. "Von Gewalt betroffene Migrantinnen suchen eher Beratungsstellen auf, wo sie mit anderen Zugewanderten sprechen können. Sie fühlen sich dort besser aufgehoben und verstanden, niemand diskriminiert sie oder schaut auf sie herab."

Vor allem aber würden dort auf Wunsch auch die Familien am Prozess beteiligt. "Das machen die meisten westlich orientierten Beratungsstellen eher ungern, sie vermeiden den Kontakt mit dem Täter, stellen sich solidarisch ausschließlich auf die Seite der Frau und helfen ihr."

Was aber soll mit den Frauen geschehen, die sagen "Die Gewalt muss gehen, aber der Mann soll bleiben"? "In solchen Fällen kann es von Vorteil sein, wenn man Bündnispartner für die Betroffenen in den Familien sucht", sagt Müller. "Die gibt es tatsächlich und manchmal sind es sogar die Väter der Frauen." Bei arrangierten Verbindungen oder Zwangsheiraten komme es durchaus vor, dass die Eltern ihren Fehler eingestünden.

Gewalt gegen Frauen

Am Sonntag, 25. November, ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Der SPIEGEL widmet sich diesem Thema mit einer Schwerpunktwoche, die Betroffenen eine Stimme geben soll: Frauen, die von ihren Ehemännern oder Partnern geschlagen, missbraucht oder manipuliert wurden. Es sollen aber auch Wege aufgezeigt werden, wie Opfer der Gewalt entkommen konnten - und welche Möglichkeiten es gibt, mit der Situation umzugehen.
Weitere Informationen, etwa zu Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe, gibt es beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe.

"Wir müssen das ganze Hilfesystem öffnen", fordert Müller. Auch die Täter bräuchten Unterstützung und Beratung, bei Suchterkrankungen, Arbeits- oder Perspektivlosigkeit. Die Prävention von Gewalttaten müsse von innen kommen - "auch die Moscheegemeinden sind in der Pflicht bei Aufklärung und Information".

Mit den Tätern arbeiten? "Wir bewerten nicht, wir fällen keine moralischen Urteile", sagt Nermin Ermis von Goldrute e.V. "Wir arbeiten mit dem, was wir vorfinden." Um sie herum sitzen zwölf äußerst fidele Beraterinnen, denen die Freude an der ehrenamtlichen Aufgabe förmlich aus den Gesichtern leuchtet. Frauen aus acht Ländern, darunter der Republik Kongo und Tschetschenien.

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Geschäftsführerin Nermin Ermis

Sie beraten, bieten praktische Hilfe, übersetzen und begleiten die Frauen zu Ärzten oder Behörden. Die Vorsitzende des Vereins, Jadigar Kesdogan, ist Frauenärztin und unterstützt Betroffene mit medizinischem Rat. Eine Juristin hilft bei rechtlichen Fragen, eine Diplompädagogin ist für die Supervision der Beraterinnen zuständig. Die müssen die Geschichten, die sie täglich hören, verarbeiten - und auch mal mit Rückschlägen klarkommen. "Klar, es gibt Frauen, die sich jahrelang im Kreis drehen und nichts verändern", sagt Beraterin Leila Amri. "Aber das ist dann eben so. Unsere Hilfe brauchen sie trotzdem."

"Langfristig geht es darum, den Frauen zu vermitteln, dass ein anderes Leben möglich ist", sagt Geschäftsführerin Ermis. "Eine starke Mutter ist ein starkes Vorbild für ihre Kinder. Nur so kann der Kreislauf der Gewalt durchbrochen werden und eine neue Generation heranwachsen."

Anfangs betreute der Verein vor allem Migrantinnen, durch die großen Flüchtlingsbewegungen seit 2015 hat sich die Klientel erweitert. Diese Frauen haben außer familiärer und Partnerschaftsgewalt oft zusätzlich Vergewaltigungen und Misshandlungen auf der Flucht erlebt. Der Verein ist in engem Kontakt mit Therapeuten und hilft, Behandlungsplätze zu finden.

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Goldrute e.V. hat zudem ein Präventionsprojekt ins Leben gerufen, das vom Kompetenzzentrum für Integration in Nordrhein-Westfalen gefördert wird. Einmal im Monat treffen sich 15 junge Flüchtlingsfrauen, um über Werte, Geschlechterrollen, aber auch den eigenen Körper, Sexualität und Gewalt zu sprechen. "Die Frauen sind sehr offen und neugierig", erzählt eine der Referentinnen, Elif Sungur. "Neulich haben wir darüber gesprochen, was Körperverletzung eigentlich bedeutet." Eine Teilnehmerin hatte berichtet, ihr Freund habe ihr Medikamente verabreicht, damit sie zunehme. Einfach, weil er dicke Frauen bevorzugte. "Dieser Mann hat die Unwissenheit seiner Partnerin eklatant ausgenutzt", empört sich Sungur. "Sie weiß das jetzt - und sie wird es nicht mehr zulassen."

Wissen und Bildung, so banal es klingt, sind der Weg zu Aufklärung und Bewusstheit. Die ehrenamtlichen Beraterinnen von Goldrute e.V. vermitteln dieses Wissen und helfen damit nicht nur misshandelten Frauen. Ganz nebenbei leisten sie einen großen Beitrag zu deren Integration.

* Namen geändert

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