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Panorama

Gewalt gegen Frauen

Zerschlagt die Klischees

Männer, die ihre Frauen verprügeln - das gibt es doch nur in der Unterschicht und in Migrantenfamilien: Solche Vorurteile verleiten uns, einen unhaltbaren Zustand hinzunehmen.

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Ein Kommentar von
Sonntag, 25.11.2018   12:22 Uhr

138.893 Menschen haben im vergangenen Jahr häusliche Gewalt erlebt - so viele Fälle finden sich in der Statistik des Bundeskriminalamts zur Gewalt in Partnerschaften. Bedrohung, Körperverletzung, Stalking, Vergewaltigung. Mehr als 80 Prozent der Opfer waren weiblich. Die Täter sind oft Ehemänner, Freunde oder Ex-Partner. Welches Leid sie anrichten und wie viel Kraft und Mut es erfordert, sich aus einer solchen Beziehung zu befreien, berichten Betroffene im SPIEGEL.

147 Frauen können nicht mehr darüber sprechen. Sie haben die Angriffe nicht überlebt. Jeden zweiten bis dritten Tag ist 2017 eine Frau von ihrem Partner oder Ex umgebracht worden. In Deutschland.

Dieses Ausmaß der Gewalt ist schockierend - und es will so gar nicht zu dem Bild passen, das unsere Gesellschaft von sich selbst hat. Gleichberechtigt leben demnach Frauen und Männer hier zusammen, eine Errungenschaft des Grundgesetzes, das außerdem jedem Menschen das Recht auf körperliche Unversehrtheit gewährt, unabhängig vom Geschlecht.

Trotzdem werden hier erschreckend viele Frauen verprügelt, vergewaltigt und getötet. Trotzdem gibt es keinen Aufschrei, seit Jahren nicht. Gewalt gegen Frauen wird vielmehr seit langer Zeit zu wenig beachtet, zu wenig bekämpft, teils sogar geduldet.

Das hat viel mit fragwürdigen Rollenbildern und mit Mythen zu tun, an denen Menschen gern festhalten, weil das die Sache für sie bequemer macht.

Das Problem häusliche Gewalt lässt sich nicht abschieben

Da ist, erstens, der Mythos, häusliche Gewalt spiele sich nur am sozialen Rand und in Familien aus anderen Kulturkreisen ab. Dieser Gedanke hält sich hartnäckig, egal, wie viele Statistiken belegen, dass das Problem alle sozialen Milieus betrifft. Laut Polizei kommt häusliche Gewalt vermehrt in Familien mit patriarchalem Denken vor, und zwar unabhängig von der nationalen Herkunft. 68 Prozent der Täter waren laut BKA deutsche Staatsbürger. Das Problem lässt sich also nicht abschieben.

Da ist, zweitens, der Mythos, zu häuslicher Gewalt komme es nun einmal, wenn sich die zwei Falschen treffen. Wenn einer immer wieder ausraste, der andere das erdulde, sich nicht trenne. So etwas werde es immer geben, da sei nichts zu machen. Das ist nicht völlig falsch, aber nur ein winziger Teil der Wahrheit.

Häusliche Gewalt ist stark überwiegend Gewalt, die gegen Frauen ausgeübt wird, und zwar innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Strukturen. Es macht einen entscheidenden Unterschied, ob Politik, Justiz, Medien und Nachbarn solche Übergriffe verurteilen oder mit einem "Da kann man nichts machen" abtun.

In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren einiges getan, um häusliche Gewalt einzudämmen, wenn auch teils sehr spät: Erst seit 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar. 2002 kam das Gewaltschutzgesetz. Damit hat die Polizei mehr Möglichkeiten, Gewalttäter der Wohnung zu verweisen. Am 1. Februar 2018 trat die Istanbul-Konvention (aus dem Jahr 2011) zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen in Kraft. Gerade hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) politische Maßnahmen angekündigt, mehr Plätze in Frauenhäusern und bei Beratungsstellen etwa. Was daraus wird, ist noch unklar.

Die bisherigen Instrumente reichen jedenfalls nicht aus, um Frauen wirksam zu schützen:

Häusliche Gewalt sei Ausdruck eines andauernden Macht- und Abhängigkeitsverhältnisses, schreibt die Polizei auf einer Website zur Beratung von Opfern häuslicher Gewalt. Dieser Satz gilt nicht nur für Paare. Eine Gesellschaft, die häusliche Gewalt ernsthaft eindämmen will, muss diese Strukturen überwinden - und alte Rollenbilder über den Haufen werfen.

Gewalt gegen Frauen - medial in Endlosschleife inszeniert

Diese Rollenbilder sind kein Zufallsprodukt. Viele Menschen haben sich irgendwie daran gewöhnt. Es entspricht ihren Rollenbildern, die wiederum durch etliche Serien, Filme, Theaterstücke und Raptexte stetig aufgefrischt werden. Männer, die Frauen misshandeln und missbrauchen - das wird in Endlosschleife medial inszeniert. Manchmal geht es um Kritik an der Realität, oft aber auch um Lust an der Demütigung.

Wenn in deutschen Krimis Frauen brutal verprügelt werden, stecke dahinter Chauvinismus, analysierte Anna Prizkau mal in der "FAZ". "Weil starke Frauen Rollenbilder zerstören, zerstört man in der Fiktion ihre Nasen, damit wenigstens dort alte und klare Verhältnisse herrschen."

Männer als Täter oder auch Retter, dominant, aggressiv, stark; Frauen als Opfer, defensiv, freundlich, schwach. Diese Stereotype werden jedenfalls - nicht nur von Medien - immer wieder eingeimpft, und sie beeinflussen das, was zwischen zwei Menschen zu Hause passiert.

Die #MeToo-Debatte hat einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, an diesen Rollenbildern kräftig zu rütteln, Missstände und Machtstrukturen zu kritisieren. Sehr viele Frauen und Männer haben gezeigt: Sie wollen die Verhältnisse ändern, gleichberechtigt zusammenleben, und viele machen längst vor, wie das geht.


Themenwoche "Gewalt gegen Frauen"

Aber die Debatte hat auch offenbart, wie viele Widerstände und Ängste es gibt. Wortstarke Frauen werden immer wieder übelst bedroht und beleidigt, vor allem im Internet.

Aber es gelingt zum Glück nicht mehr, sie zum Verstummen zu bringen. Die neue Debatte über Gleichberechtigung bestärkt Betroffene auch darin, ihre Scham zu überwinden und offen über häusliche Gewalt zu sprechen. Niemand kann sich mehr ahnungslos geben oder das Problem abtun. Der Druck wächst, Opfern zu helfen und neue Übergriffe zu verhindern. Beides ist gut.

insgesamt 55 Beiträge
caljinaar 25.11.2018
1. Gutes Thema
Ich finde es wichtig dass das Thema häuslicher Gewalt weiterhin präsent bleibt. Ich hätte den Artikel noch besser gefunden wenn er sachlich(er) präsentiert worden wäre. Denn wenn man den Artikel liest hat man ganz schnell [...]
Ich finde es wichtig dass das Thema häuslicher Gewalt weiterhin präsent bleibt. Ich hätte den Artikel noch besser gefunden wenn er sachlich(er) präsentiert worden wäre. Denn wenn man den Artikel liest hat man ganz schnell den Eindruck von der klassischen Opfer-frau. Dies ist Oberflächlich sogar noch richtig. Wenn man sich jedoch etwas näher mit der Dunkelziffer beschäftigt, gibt es diverse Studien welche häusliche Gewalt sehr geschlechtsneutral darstellen. Männer bringen missbrauch nur deutlich seltener zur Anzeige als Frauen. Hier hoffe ich dass man das nächste mal etwas gründlicher recherchiert, da ich das Thema wie gesagt für sehr wichtig erachte.
Atheist_Crusader 25.11.2018
2.
1. "Mehr als 80 Prozent der Opfer waren weiblich." Ist das so? 2015 waren 27% der Opfer Männer. Und die Dunkelziffer ist sehr viel höher als bei Frauen. Wenn ein Artikel schon mit "Zerschlagt die Klischees!" [...]
1. "Mehr als 80 Prozent der Opfer waren weiblich." Ist das so? 2015 waren 27% der Opfer Männer. Und die Dunkelziffer ist sehr viel höher als bei Frauen. Wenn ein Artikel schon mit "Zerschlagt die Klischees!" betitelt ist, dann sollte man auch mit seinen Zahlen etwas genauer sein. 2. "Trotzdem werden hier erschreckend viele Frauen verprügelt, vergewaltigt und getötet. Trotzdem gibt es keinen Aufschrei, seit Jahren nicht. Gewalt gegen Frauen wird vielmehr seit langer Zeit zu wenig beachtet, zu wenig bekämpft, teils sogar geduldet." Ist das so? Deckt sich überhaupt nicht mit meinen Erfahrungen. Gewalt gegen Frauen ist allgemein verpönt bis geächtet und Scham und patriachale Systeme verhindern in der Regel eher dass die Tat bekannt wird, mindern aber unter normalen Menschen nicht den Abscheu darüber. 3. "Das Problem lässt sich also nicht abschieben." Aber sicher geht das. Damit ist das Problem zwar nicht aus der Welt, aber reduziert wird es. 32% sind meines Wissens nach nämlich mehr als der Bevölkerungsnateil jener die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen. Und wenn wir mal politisch unkorrekt sein wollen: es sind wohl eher nicht die Niederländer oder die Japaner die da die Statistik nach oben treiben. 4. "Männer als Täter oder auch Retter, dominant, aggressiv, stark; Frauen als Opfer, defensiv, freundlich, schwach. Diese Stereotype werden jedenfalls - nicht nur von Medien - immer wieder eingeimpft, und sie beeinflussen das, was zwischen zwei Menschen zu Hause passiert." Stimmt, aber das geht in beide Richtungen: Wenn irgendwo im Film ein Mann gegenüber einer Frau gewalttätig wird, dann endet der Film wahrscheinlich damit dass Bruce Willis dem Täter ins Gesicht schießt. Wird eine Frau gegen einen Mann tätlich, dann soll das meist zeigen, was für eine toughe, unabhängige Frau sie ist, wenn es nicht sogar komödiantisch gedacht ist. Und von Vergewaltigungen fangen wir gar nicht mal an - eine vergewaltigte Frau ist ein Unrecht und eine Tragödie, ein vergewaltigter Mann ist ein Witz (wir kennen alle diese Gefängniswitze zum Thema "Nicht die Seife fallenlassen!"). Männern wird fast automatisch Täterstatus unterstellt. Aber Männer die Opfer werden werden verlacht, herabgewürdigt, gelten als wertlos und schwach. Und all dieser Mist kommt aus exakt der gleichen Quelle: Sexismus. Deswegen finde ich es immer so frustrierend, wenn in solchen Artikeln immer ausschließlich über die weibliche Seite geredet wird. Ja, in diesem Fall sind Frauen überdurchschnittlich im Nachteil. Aber Sexismus ist nicht etwas das Männer tun sondern was die Gesellschaft tut. Es sind zum Beispiel nicht bloß die Ehemänner die prügeln, es helfen oft auch die Mütter mit indem sie ihren Töchtern sagen "Och, das ist schon okay. Das gehört zu ner guten Ehe. Das heißt nur, dass er dich liebt.". Indem man immer nur eine Seite des Problems beleuchtet, verzerrt man die Debatte. Das macht nicht nur eine echte Lösung unmöglich, sondern verprellt auch eine Menge Leute die eigentlich Sympathien für die Sache hätten, aber eben nicht pauschal in Tatverdacht gestellt oder als Opfer vernachlässigt zu werden.
seamanslife 25.11.2018
3. Franziska Giffey war Bürgermeisterin in Berliner Problembezirken
Ihre Vorgängerinnen, besonders die Christlichen haben NICHTS für die Frauen getan. Wenn von der SPD Änderungen gefordert wurden haben C.Schröder und v.d.Leyen mit Merkels Rückendeckung alles abgeschmettert. Die Christlichen [...]
Ihre Vorgängerinnen, besonders die Christlichen haben NICHTS für die Frauen getan. Wenn von der SPD Änderungen gefordert wurden haben C.Schröder und v.d.Leyen mit Merkels Rückendeckung alles abgeschmettert. Die Christlichen haben bis auf die Herdprämie alles boykottiert. Wie können Frauen so etwas überhaupt wählen? Warscheinlich füllt der Patriach den Wahlzettel aus.
purple 25.11.2018
4. Für mich völlig unverständlich
Was sind das nur für Frauen, die sich schlagen lassen?? Ich weiß, dass meine Frau bei der ersten Ohrfeige - die es natürlich niemals gab und niemals geben wird - genausowenig wie meine Kinder jemals eine Ohrfeige bekommen haben [...]
Was sind das nur für Frauen, die sich schlagen lassen?? Ich weiß, dass meine Frau bei der ersten Ohrfeige - die es natürlich niemals gab und niemals geben wird - genausowenig wie meine Kinder jemals eine Ohrfeige bekommen haben - absurde Vorstellung - die Scheidung einreichen würde und sie hätte mein vollstes Verständnis. Ich kann nur an alle Frauen appelieren, die gewalttätige Männer haben: Reichen Sie SOFORT die Scheidung ein und fallen sie nicht auf irgendwelche Entschuldigungen herein - es wird wieder vorkommen.
urla2 25.11.2018
5. Frauenhäuser
Was ich nicht verstehe bzw. nicht akzeptiere ist, dass es jetzt noch mehr Frauenhäuser geben soll. Nach meinem Gerechtigkeitsempfinden sollte doch derjenige, der Gewalt anwendet, die Wohnung verlassen und nicht umgekehrt. Die [...]
Was ich nicht verstehe bzw. nicht akzeptiere ist, dass es jetzt noch mehr Frauenhäuser geben soll. Nach meinem Gerechtigkeitsempfinden sollte doch derjenige, der Gewalt anwendet, die Wohnung verlassen und nicht umgekehrt. Die Existenz von Frauenhäusern ist m.E. das beste Beispiel dafür, dass die Gewalt der Männer einfach hingenommen wird. Ich verstehe es einfach nicht: Warum darf der straffällig gewordene Mann einfach in der Wohnung bleiben? Bedrohung und Körperverletzung sind doch Straftatbestände, die bei Wiederholungsgefahr in vielen Fällen zu U-Haft führen können. Und falls die Straftatbestände für U-Haft nicht ausreichen, sollte man lieber eine gesetzliche Regelung schaffen, dass der Angeschuldigte aus der Wohnung raus muss mit entsprechendem Annäherungsverbot- anstatt immer mehr Frauenhäuser zu bauen. Häusliche Gewalt wird einfach viel zu sehr toleriert.
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