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Panorama

Verfolgt vom Ex-Partner

Die Angst, er könnte zurückkommen

Marla, Akademikerin, gut situiert, war durch ihren Ex-Partner jahrelang massivem Psychoterror ausgesetzt. Er wollte sie kontrollieren, war krankhaft eifersüchtig. Das prägt ihr Leben bis heute.

Getty Images

Mann in der Dunkelheit (Symbolbild)

Von
Dienstag, 20.11.2018   10:20 Uhr

Die Angst vor ihm ist immer noch da. Meist gut verdrängt, aber manchmal bricht sie doch hervor. Zum Beispiel als Marla M. neulich das Gerücht hörte, ihr Ex-Freund sei plötzlich in der Stadt aufgetaucht, wo sie nach der Trennung mit ihren beiden Kindern lebt. Sofort war diese Panik zurück: Will er ihr die Kinder wegnehmen? Etwas antun?

"Ich habe abends die Jalousien heruntergelassen", sagt die 41-Jährige, "die Haustür zweimal abgeschlossen, mich mit den Kindern eingeigelt und mit mehreren Anrufen bei Bekannten versucht herauszufinden, ob das Gerücht stimmt." Es stimmte nicht. Erleichterung. Rückkehr zum normalen Leben, soweit das möglich ist.

2013 hat Marla den Mann zum letzten Mal gesehen. Trotzdem ist er für sie immer noch da: als Bedrohung, die jederzeit wieder zurückkommen könnte. Deshalb möchte sie ihren richtigen Namen nicht in den Medien lesen. Sie will ihren Ex-Freund unter keinen Umständen auf sich aufmerksam machen. Bloß stillhalten. Dann, so die Hoffnung, lässt er sie vielleicht endgültig in Ruhe.

"Ich passe nicht ins Klischee"

Marla erzählt ihre Geschichte an dem Ort, der ihr ermöglicht hat, sich überhaupt aus der Misere zu befreien. Im Frauenhaus einer niedersächsischen Kleinstadt. "Ich gehe offen damit um, dass ich hier war. Aber ich kann verstehen, wenn andere es verheimlichen. Man stößt auf wenig Verständnis, und wenn Leute hören, dass ich im Frauenhaus war, ist es für die meisten ein Schock. Ich passe nicht ins Klischee."

Ungebildet, arbeitslos, verheiratet mit einem Mann aus der Türkei oder Afghanistan - so stellen sich nach Marlas Erfahrung viele Menschen Bewohnerinnen eines Frauenhauses vor. Sie dagegen ist Akademikerin wie ihr Ex-Freund, der rund 15 Jahre älter ist als sie. Beide sind Deutsche, Sozialpädagogen, verdienen gut. Marlas Geschichte zeigt: Häusliche Gewalt macht nicht an Milieugrenzen halt - und offenbart sich nicht immer in blauen Flecken.

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"Er hat mich stark kontrolliert, wollte immer wissen, wohin ich gehe, was ich mache, wann ich wiederkomme. Ich sollte mich auch an Vorschriften halten. Wenn ich mit einer Freundin ausgehen wollte, durfte ich nur Sachen anziehen, die er genehmigt hatte, und den Abend über nur mit ihr reden. Er hat mir schließlich verboten, Freundinnen und sogar meinen Bruder zu besuchen.

Einmal war ich beim Bastelabend im Kindergarten, als er mich ständig auf dem Handy angerufen hat. Er hat nicht geglaubt, dass ich wirklich dort bin. Mein Ex-Freund war krankhaft eifersüchtig. Er war felsenfest davon überzeugt, dass unsere große Tochter nicht von ihm ist, weil sie mit der 'falschen' Augenfarbe auf die Welt gekommen ist. Blau. Wir haben beide braune Augen. Ich habe mehrfach angeboten, wir könnten einen Vaterschaftstest machen. Aber das wollte er nicht.

Ich habe gedacht, wenn ich auf seine Wünsche eingehe, niemanden sonst treffe, dann verschwindet seine Eifersucht. Ich wollte mich auch nicht von ihm trennen, weil ich den Kindern den Vater nicht nehmen wollte. Aber mein Ex-Freund hat unsere Große immer extrem abweisend und aggressiv behandelt. Mit unserer Kleinen, die braune Augen hat, ist er ganz anders umgegangen. Ich habe es irgendwann nicht mehr ausgehalten, das mitanzusehen."

Im Sommer 2012 trennt sich Marla. Sie besteht darauf, dass er aus dem gemeinsamen Haus auszieht. Anfangs bemüht er sich bei Treffen mit den Kindern, ein liebevoller Vater zu sein, auch für das angebliche Kuckuckskind. Aber dann terrorisiert der Mann Marla noch schlimmer als vorher.

Gewalt gegen Frauen

Am Sonntag, 25. November, ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Der SPIEGEL widmet sich diesem Thema mit einer Schwerpunktwoche, die Betroffenen eine Stimme geben soll: Frauen, die von ihren Ehemännern oder Partnern geschlagen, missbraucht oder manipuliert wurden. Es sollen aber auch Wege aufgezeigt werden, wie Opfer der Gewalt entkommen konnten - und welche Möglichkeiten es gibt, mit der Situation umzugehen.
Weitere Informationen, etwa zu Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe, gibt es beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe.

"Er hat mich andauernd angerufen. Ständig wollte er wissen, wo ich bin, was ich mache, mit wem. Er hat wieder angefangen, mich völlig zu überwachen. Nachts ist er um unser Haus geschlichen und hat bedrohliche Nachrichten hinterlassen: Briefe, mit beleidigenden, verletzenden, perversen Inhalten. Er hat etwa detailreich geschildert, dass er sich mit dem Thema Genitalverstümmelung beschäftige und einiges mit mir vorhabe.

Ich hatte extreme Angst. Ich habe nur noch bei Licht und mit meinen beiden Kindern im Arm in einem Bett geschlafen. Auch tagsüber bin ich kaum noch aus dem Haus gegangen. Ich konnte überhaupt nicht einschätzen, was der Mann vorhat und wie gefährlich er ist.

Zweimal war ich bei der Polizei. Aber die Beamten haben gesagt, solange mein Ex-Freund keine körperliche Gewalt anwende, könnten sie nichts machen. Außerdem sei das Haus, in dem ich wohne, ja auch sein Haus. Ich habe mich dadurch sehr im Stich gelassen gefühlt, hilflos, ausgeliefert. Warum wurden meinem Ex-Freund keine Grenzen aufgezeigt?"

Der Einzige, zu dem Marla damals noch guten Kontakt hat, ist ihr Bruder. Der ruft beim Frauenhaus an und bringt sie dorthin. "Es klingt vielleicht merkwürdig, dass ich als Erwachsene meinen Bruder für mich anrufen lasse, aber ich habe mich damals nicht getraut und hätte am Telefon nur geweint", sagt Marla.

Ich konnte mein Leben neu sortieren

"Zuerst fand ich es ganz schlimm, meine Kinder aus ihrem Zuhause zu reißen, weg von ihren Freunden und dem Kindergarten. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, deshalb hatte ich auch so lange mit diesem Schritt gewartet. Es war furchtbar zu sehen, wie dieses Bild von der heilen Familie, die ich mir gewünscht hatte, endgültig zerbricht.

Ich habe auch sehr damit gehadert, wie mir das passieren konnte, warum ich nicht frühzeitig gemerkt habe, was da passiert - gerade ich als Sozialpädagogin. Aber gleichzeitig fiel schon in der ersten Nacht im Frauenhaus die Anspannung von mir ab. Ich habe mich seit Wochen wieder sicher gefühlt, konnte nach und nach wieder klar denken und mein Leben neu sortieren."

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Marlas Ex-Freund hält in dieser Zeit Abstand, zwangsläufig. Aber er beantragt das alleinige Sorgerecht für die Kinder. Nach Ansicht der Richter ist er psychisch krank, sie belassen es beim gemeinsamen Sorgerecht. Marlas Ex-Freund zieht danach weg, erscheint auch nicht zu Treffen mit den Töchtern. Funkstille. Für Marla ist das eine riesige Erleichterung.

"Als ich nach dem Sorgerechtsprozess wieder in eine eigene Wohnung gezogen bin, hatte ich zuerst große Angst: Weiß er, wo ich wohne? Bedroht er mich wieder? Aber dann habe ich ein Jahr nichts von ihm gehört, zwei Jahre…. Da wurde es langsam besser. Trotzdem habe ich mich fünf Jahre auf keine neue Beziehung einlassen können. Erst jetzt habe ich wieder einen Partner. Aber ich brauche extrem viel Freiraum, sonst fühle ich mich schnell eingeengt. Dieses Gefühl der Bedrohung, das ist nie ganz weg."

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