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Panorama

Häusliche Gewalt

"Mein Sohn hat Angst, dass er so wird wie sein Vater"

Vielen Frauen gelingt es erst nach Jahren, sich den Prügelattacken ihrer Partner zu entziehen. Mona schaffte es irgendwann. Doch die Gewalt wirkt in ihren Söhnen nach.

Getty Images

Trauriges Kind (Symbolbild)

Von
Montag, 19.11.2018   16:52 Uhr

Blutige Striemen im Gesicht, die Nase zerbissen, am ganzen Körper blaue Flecken und Prellungen: So zugerichtet liegt Mona S. am Ende ihrer Ehe mit Mecit S. im Krankenhaus, neben ihrem Bett die beiden Söhne, sechs und neun Jahre alt. Sie wollte eigentlich nichts Schlechtes über deren Vater sagen, aber sein letzter Gewaltausbruch ließ sich nicht mehr verleugnen: "Dass ich jetzt so aussehe, das war Papa", sagt Mona.

Mecit S. hat seiner Frau wenige Stunden zuvor aufgelauert, als sie mit dem Auto die Kinder von der Schule abholen wollte. Er fährt frontal auf sie zu, drängt sie von der Straße, rammt ihr Auto. Mona verriegelt die Türen. "Aber er hat mit der Faust die Scheibe eingeschlagen, die Tür aufgemacht, mich an den Haaren aus dem Auto gezogen, auf mich eingeprügelt und mir einen Schlüssel durchs Gesicht gezogen", sagt sie. Zum Glück hätten andere Menschen eingegriffen, Polizei und Krankenwagen gerufen.

Fast fünf Jahre ist das inzwischen her. Mona, die ihren richtigen Namen und den ihres Mannes nicht in den Medien lesen möchte, kann deshalb recht sachlich davon erzählen. Fast so, als wäre all das einer anderen Frau zugestoßen. "Ich bin heute ein völlig anderer Mensch", sagt Mona. Sie hat eine eigene Wohnung, verdient eigenes Geld, erlernt einen neuen Beruf. Trotzdem sagt sie: "Das, was passiert ist, hängt mir noch sehr nach, und meinen Söhnen auch."

Mona, 37, wohnt in einem Dorf nahe der Nordsee. Sie lernte ihren fünf Jahre älteren Mann mit 15 kennen. Mit 18 Jahren heiratete sie ihn, damit er als Türke in Deutschland leben durfte.

"Das Elend fing an, als das erste Kind da war. Als er ein Restaurant eröffnet hat, musste ich von frühmorgens bis spätabends dort arbeiten: kellnern, Toiletten putzen, Buchhaltung. Nachts habe ich mich zu Hause um den Haushalt gekümmert, während 'Pascha' auf dem Sofa schlief. So hatte ich oft nur drei Stunden Schlaf und konnte mich kaum ums Kind kümmern. Das war meist bei der Oma.

Dazu kamen die ewigen Streitereien und Schläge. E r sagte mir immer wieder, dass ich dumm, hässlich und zu nichts zu gebrauchen sei. Wenn ihm etwas nicht passte, hat er mir eine gescheuert oder mich verprügelt. Ich hatte öfter blaue Flecken, ein blaues Auge oder Würgemale am Hals. Andere Leute sollten davon nichts mitbekommen. Ich hatte Sorge, dass ich dann noch mehr auszuhalten habe. Deshalb habe ich öfter behauptet, ich sei die Treppe heruntergefallen oder gegen eine Tür gelaufen."

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2008 kommt das erste Mal die Polizei. Da hat das Paar schon zwei kleine Kinder, und Mecit hat Mona an den Haaren durch den Garten gezogen. Die Beamten erteilen ihm Hausverbot, aber nach zwei Tagen ist er wieder da. Mona hat ihre Anzeige zurückgezogen - aus Sorge, dass er ihr sonst noch mehr Gewalt antut.

Beim nächsten Zoff steht Mecit jedoch mit dem Messer vor ihr: "Wenn du mir noch mal widersprichst, steche ich dich ab." Da zieht Mona das erste Mal mit ihren Söhnen ins Frauenhaus. Nach zwei Wochen kann ihr Mann sie jedoch bewegen, zu ihm zurückzugehen - mit dem Versprechen: "Ich ändere mich."

"Aber als ich wieder zu Hause war, wurde alles noch schlimmer. Es reichte aus, dass er miese Laune hatte oder das Wetter schlecht war, dann hat er mir Ohrfeigen verpasst. Wenn er Sex wollte, habe ich das über mich ergehen lassen, damit er nicht wieder ausrastet. Heute frage ich mich, warum ich das alles ertragen habe, aber damals war ich dem Mann hörig und finanziell abhängig.

Er hat mich auch stark manipuliert, mir zum Beispiel gesagt, dass die Freunde, die ich hatte, schlecht seien und mir nicht guttun würden. So habe ich nach und nach den Kontakt zu ihnen abgebrochen. Dadurch war er irgendwann der einzige Mensch - neben meinen Eltern - der mir überhaupt nahestand. Und vor allem hat mein Mann immer gedroht: 'Wenn du mich verlässt, siehst du die Kinder nie wieder.'"

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Foto: Bundesfamilienministerium

2013 denkt Mona an Suizid und schreibt einen Abschiedsbrief. Ihr Vater findet den Brief zufällig, bevor sie sich etwas antun kann und verschafft ihr eine Auszeit: eine Kur. Mona spricht dort mit Psychologen, verzichtet zwei Wochen auf Kontakt zu ihrem Mann - und merkt, wie sie aufblüht. Heimlich fährt sie nach Hause, holt die Kinder und zieht ins Frauenhaus. Aber Mecit will seine Söhne sehen - und nutzt seine Rechte als Vater, um Macht auszuüben.

"Meine Söhne haben nur noch geweint"

"Als die Kinder wie vereinbart am Wochenende bei ihm waren, bekam ich eine merkwürdige SMS von meinem neunjährigen Sohn: ''Mama, du brauchst uns morgen nicht abzuholen. Wir wollen ab jetzt bei Papa bleiben.' Fünf Minuten später kam die nächste SMS: 'Mama, die letzte Nachricht war nicht von mir, die hat mir Papa diktiert.' Mein Sohn hatte sich aufs Klo verzogen und mir heimlich geschrieben.

Ich habe die Kinder am nächsten Tag in Absprache mit dem Jugendamt abgeholt und gesehen, wie verstört sie waren. Mein Mann wollte den Großen wieder aus dem Auto ziehen, hat randaliert, Glasflaschen ans Auto geworfen und geschrien: 'Ich werde dafür sorgen, dass du die Kinder nie wiedersiehst.' Meine Söhne haben nur noch geweint."

Das Jugendamt beschließt ein Kontaktverbot. Aber kurz darauf setzt Mecit vor Gericht durch, dass er seine Söhne wieder alle 14 Tage zu sich holen darf. Eine Weile geht das gut, aber es gibt öfter Ärger, weil der Vater die Kinder an dem gemeinsamen Wochenende nicht zum Fußballtraining oder zu Geburtstagsfeiern bringen will.

Gewalt gegen Frauen

Am Sonntag, 25. November, ist der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Der SPIEGEL widmet sich diesem Thema mit einer Schwerpunktwoche, die Betroffenen eine Stimme geben soll: Frauen, die von ihren Ehemännern oder Partnern geschlagen, missbraucht oder manipuliert wurden. Es sollen aber auch Wege aufgezeigt werden, wie Opfer der Gewalt entkommen konnten - und welche Möglichkeiten es gibt, mit der Situation umzugehen.
Weitere Informationen, etwa zu Beratungsstellen oder Selbsthilfegruppen in Ihrer Nähe, gibt es beim Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe.

In den Herbstferien scheitert er mit dem Wunsch, mit den Söhnen in die Türkei zu fliegen - weil Mona Angst hat, dass er ihre Kinder dort lassen und sie ihr für immer wegnehmen will. Kurz danach startet Mecit den Angriff mit dem Auto. Ein Gericht verurteilt ihn zu zwei Jahren und drei Monaten Haft. Aber nach rund einem Jahr ist er wieder frei - und will seine Söhne treffen.

"Die Kinder wollten ihn nicht sehen, und so ist es bis heute. Beide haben Angst vor ihrem Vater und Angst davor, dass sie so werden könnten wie er. Anfangs haben sie manchmal tatsächlich ein Verhalten gezeigt, das mich an ihn erinnert. Dann flogen Stühle durchs Zimmer, oder mir wurde gesagt, dass ich es zu nichts gebracht habe. Meine Söhne meinten das nicht böse. Aber was sie erlebt haben, hat Spuren hinterlassen. Beide waren länger in psychologischer Behandlung, um das Erlebte überhaupt verarbeiten zu können. Jetzt geht es besser. Ich sage ihnen immer, dass sie selbst entscheiden, was für ein Mensch sie werden."

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Die Kinder haben seit Jahren keinen Kontakt zu ihrem Vater. Er zahlt keinen Unterhalt für sie, wie Mona sagt, habe sich bis zur Scheidung aber noch das Sorgerecht mit ihr geteilt. Mona brauchte bei diversen Angelegenheiten der Kinder Mecits Zustimmung: "Immer wieder hat er seine Unterschrift hinausgezögert, alles musste über Anwälte gehen, sonst reagierte er gar nicht", sagt Mona. "Das ist nervenaufreibend, es schadet den Kindern, und es macht mich kaputt."

Bis heute hat sie sich auf keinen neuen Partner einlassen können - aus Angst wieder an den Falschen zu geraten oder auch abgelehnt zu werden. "'Du findest nie wieder einen Mann'", diesen Satz ihres Ex-Partners habe sie immer noch im Ohr, sagt Mona. Sie lerne manchmal Männer per Internet kennen, mit denen sie sich schriftlich austausche. "Aber immer wenn es zu einem Treffen kommen soll, traue ich mich nicht und mache einen Rückzieher."

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