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Panorama

Großunterkunft in Hamburg

Die Asylkrise von Billwerder

In Hamburg steht die bundesweit größte Folgeunterkunft für Flüchtlinge. Beteiligte zeigen sich hochzufrieden - doch das Vorzeigeprojekt hat ein Verfallsdatum. Ein Lehrstück über Integration und Bürokratie.

SPIEGEL ONLINE
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Samstag, 14.07.2018   07:44 Uhr

Hani Zeada hockt auf einer Holzbank zwischen hellen Neubauten und lässt sich den warmen Wind durchs Haar wehen. Kein Wort über das Schicksal seiner Familie, die der 26-Jährige vor drei Jahren in Syrien zurückließ. Der Musiklehrer redet lieber über die Zukunft.

In Deutschland studieren, sagt Zeada, das wünsche er sich. Und er wolle nicht mehr nur für ein paar Monate irgendwo untergebracht werden. Sondern länger an einem Ort wohnen. "Ich würde gerne hierbleiben", sagt er, "und ankommen".

Das Studium könnte klappen. Das Ankommen eher nicht.

Der Kriegsflüchtling Zeada, der gerade den Bundesfreiwilligendienst absolviert, hat in Hamburg eine Bleibeperspektive, so heißt das im Behördensprech, aber keinen Ort zum Bleiben. Sein jetziges Zuhause, eine Flüchtlings-WG in einem der hellen Wohnblöcke, soll möglichst bald normal vermietet werden - und betroffen davon ist nicht nur Zeada: 2500 Zuwanderer leben derzeit am Gleisdreieck im ländlichen Stadtteil Billwerder. Nur noch 300 sollen es im kommenden Jahr sein.

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Hamburg-Billwerder: Die Flüchtlingsstadt am Gleisdreieck

Warum? Weil die Stadt Hamburg sich verpflichtet hat, die Bewohner größerer Unterkünfte binnen weniger Jahre auf die ganze Stadt zu verteilen - und in Großunterkünften wie in Billwerder stattdessen andere Hamburger zur Miete wohnen zu lassen. Das Ziel: Durchmischung. So legt es ein Bürgervertrag mit der Initiative "Hamburg für gute Integration" fest, den der Hamburger Senat 2016 unterschrieben hat. Klingt sinnvoll - aber die Sache ist kompliziert.

Auf einem Platz in der Mitte des Heimgeländes sitzt Christiana Kant in der Mittagssonne. Sie lächelt trotzig. "Durch politische Entscheidungen sind hier praktische Probleme entstanden", sagt die Unterkunftschefin. Was die 44-jährige Soziologin damit sagen will: Vor anderthalb Jahren zogen Hunderte Bewohner viel zu früh auf das Gelände, das damals noch eine Baustelle war - und nun müssen Hunderte viel zu früh wieder ausziehen.

Die Geschichte der kleinen Flüchtlingsstadt, von Helfern wegen des nahen S-Bahnhofs Mittlerer Landweg "MiLa" genannt, offenbart einiges über die Asylpolitik in Deutschland. Es ist eine Geschichte darüber, wie Integration nicht nur an Zuwanderern scheitern kann - sondern auch an Bürokratie und schlechter Planung.

"Hier ist Integration wirklich möglich", sagt Kant über das "MiLa" - und zählt ihre Argumente auf: Viele Bewohner würden sich in der Unterkunft wohlfühlen und erstmals seit ihrer Flucht das Gefühl haben, anzukommen. Die Polizei sei quasi tatenlos, weil es kaum Vorkommnisse gebe. Und auch andere Sorgen der Kritiker hätten sich in Luft aufgelöst: "Am Anfang", sagt Kant, "gab es hier riesige Aufregung. Und jetzt kritisieren manche Nachbarn, wenn ein Mülleimer offen ist. Weil's sonst keine Probleme gibt."

Das "MiLa" ist in Hamburg das einzige Flüchtlingsheim dieser Art und die größte Folgeunterkunft für Asylbewerber im ganzen Land. 20 Häuserblocks stehen auf dem acht Hektar großen Gelände zwischen Bahngleisen und einem Naturschutzgebiet. Die meisten Bewohner stammen aus Syrien, Afghanistan, Irak, Iran und Eritrea. Die Familien leben in kleinen Wohnungen, Alleinstehende haben WG-Einzelzimmer, es gibt Wohngemeinschaften nur für Azubis und Frauen.

Heimchefin Kant und ihre Kollegen achten zudem darauf, dass niemand nur mit Landsleuten auf einem Flur lebt. Dadurch sind die Bewohner gezwungen, häufig miteinander Deutsch zu sprechen - so wie die Kinder, die an diesem Nachmittag auf der Straße fangen spielen. Für die Migranten, die zuvor jahrelang in Zelten, Turnhallen oder Baumärkten gelebt haben, ist das "MiLa" das erste richtige Zuhause. "Sie fühlen sich hier sehr wohl", sagt Kant.

Genau das könnte zum Problem werden, sagt Klaus Schomacker. Der 64-Jährige ist Sprecher der Initiative "Hamburg für gute Integration" - und er warnt davor, dass Migranten sich daran gewöhnen könnten, stets unter sich zu sein. In Billwerder sei die Gefahr besonders groß, "weil das ja der einzige wirklich große Standort ist".

Die Bürgerinitiative besteht daher auf der raschen Umverteilung der Zuwanderer, sie hat einen "Masterplan Bauen und Integration" vorgelegt, der Schomacker zufolge alle Aspekte des komplexen Problems abdeckt. Er weist unter anderem darauf hin, dass die vielen Flüchtlingskinder in den vier Kitas auf dem Gelände ganz unter sich blieben. "Wie sollen Kinder so deutsch lernen?", sagt der Ingenieur. "Da findet keine Integration statt."

Den einen geht die Umverteilung der Migranten deutlich zu schnell, den anderen deutlich zu langsam. Aber wer kann entscheiden, was am besten für alle Beteiligten wäre? Wie fördert man Integration, ohne Zuwanderer zu überfordern - und sie zugleich ausreichend zu fordern?

"Auf uns hat hier keiner gehört"

Viele Helfer in Billwerder ärgert vor allem eines: Dass im Namen der Integration ausgerechnet ein Vorzeigeprojekt zusammengeschrumpft werden soll. Nicht nur die Bewohner sind zufrieden, auch Sozialarbeiter und Ehrenamtliche aus der Umgebung schätzen das "MiLa". Im August plant der Heimbetreiber ein Kulturfest auf dem Gelände, so soll die Unterkunft enger in den Stadtteil integriert werden. Aber bringt das noch was, wenn die meisten Bewohner bald wieder ausziehen?

Leiterin Kant ärgert all das. Aus ihrer Sicht ergibt es wenig Sinn, ein gut funktionierendes System im Hauruckverfahren abzuwickeln. Viele Bewohner hätten nun das Gefühl, rausgeworfen zu werden - und ihre Mitarbeiter stünden nicht als Integrationshelfer da, sondern als Rausschmeißer. "Das ist schade, weil es nicht um Menschen geht, sondern darum, politische Ziele zu erreichen", sagt Kant. "Aber auf uns hat hier keiner gehört."

Bis Ende Dezember sollen die ersten tausend Asylsuchenden das "MiLa" verlassen, allerdings ist dieser Zeitplan wohl kaum einzuhalten. Von der Stadt erhalten die Bewohner sogenannte Dringlichkeitsscheine, mit denen sie sofortigen Anspruch auf eine Wohnung haben. Solch einen Schein haben in Hamburg allerdings Tausende Menschen, darunter Senioren und arme Familien - nur genügend Wohnungen gibt es nicht.

Führt der gut gemeinte Integrationsdeal zwischen Stadt und Bürgerinitiative also dazu, dass immer mehr Bedürftige um immer weniger Wohnungen konkurrieren? Klar war von Anfang an, dass das "MiLa" für Flüchtlinge nur eine weitere Zwischenstation ist auf dem Weg zur eigenen Wohnung. Aber warum ließ sich die Stadt auf einen Deal ein, der augenscheinlich Tücken hat und nun wohl nicht im Zeitplan eingehalten werden kann?

"Die Realität ist heute eine andere als das, was wir vor zwei Jahren verhandelt haben", sagt Fouad Hamdan vom Zentralen Koordinierungsstab Flüchtlinge. "Wir versuchen natürlich trotzdem, jeden einzelnen Punkt umzusetzen. Vertrag ist Vertrag." Daher muss nun eben alles besonders schnell gehen - unabhängig davon, ob ein anderer Zeitpunkt vielleicht günstiger wäre.

Sie hoffen auf die Deutsche Bahn

Der Zentrale Koordinierungsstab Flüchtlinge sichert auf Anfrage zu, bei der Umverteilung besondere Bedürfnisse zu berücksichtigen: Wer in Billwerder arbeitet oder Kinder hat, die dort zur Schule gehen, soll möglichst in der Nähe in eine andere Folgeunterkunft kommen. Noch besser wäre es natürlich, würden möglichst viele Migranten direkt in normale Wohnungen umziehen.

Es gibt auch schon eine Idee, wie das klappen könnte. Sandro Pintos Idee.

(Mehr zur Aktion "Deutschland spricht" finden Sie hier .)

Der 37-Jährige ist Teamleiter im "MiLa" und Erfinder des "Mieterführerscheins": In rund 50 Veranstaltungen können Migranten nun unter anderem lernen, wie Mülltrennung oder Mietverträge in Deutschland funktionieren; dafür hat Pinto Kooperationspartner wie die Stadtreinigung und die Verbraucherzentrale gewonnen. Absolventen der Kursreihe erhalten den "Mieterführerschein" - und sollen damit bessere Chancen auf dem Wohnungsmarkt haben.

Die größte Hoffnung derjenigen, die den Plänen von Stadt und Bürgerinitiative kritisch gegenüberstehen, ruhen aber wohl auf der Deutschen Bahn: Direkt neben dem "MiLa" führen Gleise entlang, über die alle paar Minuten eine S-Bahn rattert. Bevor aus dem Flüchtlingsheim baurechtlich ein normales Wohngebiet werden kann, muss die Bahn dort eine zweite Lärmschutzwand errichten - und die lässt schon seit Längerem auf sich warten.

In diesem Fall finden es einige in Billwerder ganz gut, dass die Bahn Verspätung hat.

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