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Panorama

Islamkritiker Abdel Samad

"Der Koran ist wie ein großer Supermarkt"

Der Koran enthält Aufrufe zum Frieden - und zur Gewalt. Wie passt das zusammen? Ein Gespräch mit dem Islamkritiker Abdel Samad über Suren-Pingpong, Mohammeds Charakter und die Unsitte, heilige Schriften wie ein Kochbuch zu lesen.

DPA

Koranlektüre während des Fastenmonats Ramadan in Pakistan

Ein Interview von
Dienstag, 22.11.2016   10:55 Uhr
imago/Sven Simon

Hamed Abdel-Samad, geboren 1972 nahe Kairo, ist Politikwissenschaftler und Bestsellerautor. Sein Buch "Der islamische Faschismus" brachte ihm eine Todes-Fatwa ein. "Mohammed. Eine Abrechnung" zog eine Strafanzeige wegen Volksverhetzung nach sich. Seit 2015 betreibt Abdel-Samad den YouTube-Kanal Box of Islam, der knapp 33.000 Abonnenten hat. Wegen Auftritten bei der AfD wurde ihm vorgeworfen, er munitioniere mit seinen antiislamischen Thesen die Rechten. Er sei kein AfD-Wähler, man müsse aber mit allen reden, sagte Abdel Samad.


SPIEGEL ONLINE: Ihr Vater war Imam in Ägypten, schon mit drei Jahren haben Sie die erste Sure auswendig gelernt. Was mögen Sie am Koran?

Abdel-Samad: Ich liebe die spirituellen Passagen, in denen beschrieben wird, dass Gott das Licht der Erde ist. Auch die frühen, kurzen Suren aus Mohammeds Zeit in Mekka sind lyrisch und von großer Sprachgewalt. Apokalyptisch, aber auch meditativ. Mein Vater hatte eine melodiöse, sehr eingängige Stimme. Wenn er rezitierte, haben die Menschen angefangen zu weinen, weil die Schrift plötzlich mehr war als nur ein Gedanke. Sie wurde zu einem mentalen Zustand.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich als Kind Gott vorgestellt?

Abdel-Samad: Allah war wie mein Vater. Jemand, der mich mag und das Beste für mich will, der lächelt, aber auch manchmal wütend ist und unberechenbar.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich Todesdrohungen und Hass eingehandelt mit Büchern wie "Der islamische Faschismus". In Ihrem neuen Buch über den Koran polarisieren Sie deutlich weniger. Warum?

Abdel-Samad: Viele Muslime und Nichtmuslime sind überfordert vom Koran, weil er an vielen Stellen sehr ambivalent ist. Man kennt das aus Talkshows, wo Gäste sich regelmäßig im Suren-Pingpong üben, einem Schlagabtausch, bei dem jeder seine Interpretation mit der Schrift zu belegen versucht. Ich wollte den Koran zugänglicher machen, mit einer kommentierten, möglichst sachlichen Zusammenfassung. Die Leute sollen sich selbst ein Bild machen, den Koran für sich deuten, und dann eine eigene Haltung dazu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Probleme fangen doch schon mit der deutschen Übersetzung an. Die inhaltlichen Unterschiede sind teilweise beträchtlich. Beispiel: Sure 4,34. Darin heißt es sinngemäß, dass Männer über den Frauen stehen ("qauwamun ala"). Lehnt sich die Frau auf, darf der Mann sie schlagen. Je nach Übersetzer kann "qauwamun ala" aber auch bedeuten, dass der Mann für die Frau einsteht und Verantwortung für sie übernimmt.

Abdel-Samad: Ja, es gibt Versuche, den Koran im Nachhinein zu entschärfen. Eine klassische "Red-Herring-Taktik", ein Ablenkungsmanöver, das auf eine falsche Fährte locken soll. Die Aufforderung im Koran, Frauen zu schlagen, ist eindeutig - da nützt es auch nichts, wenn man behauptet, man könne das auch als "Klaps auf den Po" deuten. Egal, wie man es dreht: Der Koran ist in einigen Passagen eindeutig frauenfeindlich: Die Frau ist Kriegsbeute, sie wird Kämpfern als Sexsklavin zur Verfügung gestellt, sie ist ein Saatfeld, das der Mann beackern kann, wann er will.

SPIEGEL ONLINE: Genau wie in Teilen des Alten Testaments.

Abdel-Samad: Ja, aber das Problem ist nicht nur, was im Koran steht, sondern sein Stellenwert als das letzte, direkte Wort Gottes. In der modernen Bibelexegese wurden die Gewaltpassagen relativiert, weil die Bibel von Menschen verfasst wurde, die durch eigene Erfahrungen beeinflusst wurden. Außerdem gab es ein Neues Testament, das einige Gesetze des Alten Testaments aufgehoben hat, wie zum Beispiel die Steinigung von Ehebrecherinnen. Jesus hat nicht zum Krieg, sondern zur Vergebung aufgerufen. Der Koran dagegen gilt als das letzte Testament und der Prophet mit seinen vielen Kriegen als Vorbild für die Gläubigen.

SPIEGEL ONLINE: Ein klassisches Instrument der Koranexegese ist die Abrogation. Dabei wird ein Gebot aus Koran oder Sunna durch ein zeitlich nachfolgendes aufgehoben. Legitim?

Abdel-Samad: Das Abrogationsprinzip wurde von den früheren Gelehrten erfunden, um die Widersprüche im Koran zu umgehen. Sie merkten, dass frühere Passagen zur Gewaltlosigkeit und Vergebung aufrufen, die späteren eher zum Krieg und zur Ausgrenzung. Deshalb meinten sie, dass die späteren Passagen die früheren aufgehoben hätten. Das ist katastrophal, denn was bleibt, ist die Aufforderung zur Gewalt. Es gibt moderne muslimische Gelehrte, denen die Gewaltpassagen im Koran einfach nur peinlich sind. Sie haben aber nicht den Mut, die Schrift im historischen Kontext des 7. Jahrhunderts und als Dokument einer menschlichen Erfahrung zu interpretieren. Denn dann wäre der nächste Schritt, diese Passagen aus heutiger Sicht für ungültig zu erklären. Für sie aber ist der Koran das Wort Gottes, ein zeitloses, heiliges Buch.

SPIEGEL ONLINE: Und für Sie?

Abdel-Samad: Für mich ist es ein Buch, das die Entwicklung einer Religionsgemeinschaft und die inneren Konflikte des Propheten Mohammed beschreibt. Da gibt es grandiose Momente, aber auch Verfehlungen, Frustrationen und Ängste. Viele Verse widersprechen einander, die einen propagieren Mitgefühl, die anderen Hass. Frieden und Gewalt, Vergebung und Rache - all das existiert parallel. Genau deswegen braucht der Koran eine kritische Textanalyse, weil er so ambivalent, so fragmentarisch ist. Eine kontextualisierte Deutung ist keine Herabwürdigung der Schriften, wie einige meinen. Sie ist im Gegenteil eine Aufwertung, weil sie nichts beschönigt.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gab doch kritische Exegeten wie Ihren Landsmann Nasr Hamid Abu Zaid, der den Koran hermeneutisch und linguistisch analysiert wissen wollte.

Abdel-Samad: Ich kannte Abu Zaid persönlich und habe viel von ihm gelernt. Er sah den Koran als Gottes-Menschenwort und plädierte für eine Kontextualisierung des heiligen Textes, dennoch legte er keine historisch-kritische Auslegung des Koran vor, sondern eine philologische Textanalyse, die nur von einigen Intellektuellen wahrgenommen wurde. Trotz seiner milden Textkritik wurde er von Rechtsgelehrten zum Ungläubigen erklärt, von seiner Frau zwangsgeschieden und musste ins Exil. Abu Zaid hatte für uns die Tür geöffnet, nun müssen wir weitere mutigere Schritte gehen. Die Koranforschung darf sich weder von den Emotionen der Gläubigen noch von der Sturheit der Gelehrten beeindrucken lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso ist der Koran, was die ethischen Grundfragen betrifft, so mehrdeutig?

Abdel-Samad: Der Koran ist kein abgeschlossener kanonischer Text. Am Anfang dominiert die Sehnsucht nach spiritueller Erfüllung und Gerechtigkeit, die Auseinandersetzung mit der Schöpfung. In Mekka hatte Mohammed nur einige Dutzend Anhänger. Nach seiner Flucht nach Medina wuchs die Gemeinde - er wurde vom Warner zum geistigen Führer, zum Staatsoberhaupt, Finanzminister, Gesetzgeber, Richter und Polizisten zugleich. In dieser Zeit war der Koran "offen", die Gläubigen trugen Fragen an den Propheten heran, die Eingang in die Schriften fanden. Das waren sehr konkrete Fragen zu Erbrecht, Sexualität, Alkohol, Scheidung, Bestrafungen oder wie man Almosen gibt. So entstanden Regeln, die heute als Gesetze der Scharia gelten. Einige davon waren im 7. Jahrhundert vielleicht sogar fortschrittlich. Aber sie geben keine Antworten auf die Fragen, die wir uns heute stellen.

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SPIEGEL ONLINE: Manchem Kritiker fehlt im Koran ein durchgängiges theologisches Konzept, eine Struktur, eine Chronologie, die das Lesen einfacher machen würde.

Abdel-Samad: Ja, man fragt sich, was sind die Säulen des Glaubens? Was ist eigentlich die Botschaft, was ist das Fazit? Der Koran ist wie ein großer Supermarkt. Zwar ist für jeden etwas dabei und alle bedienen sich nach Kräften. Die Waren sind aber nicht nach einem bestimmten Schema geordnet. Auch das Verfallsdatum ist oft nicht zu erkennen.

SPIEGEL ONLINE: Das gilt doch aber für alle religiösen Schriften, weil jeder Text gedeutet werden muss. Und vor der Tür solcher Supermärkte stehen immer irgendwelche obskuren Verkäufer, die bestimmte Waren an den Mann bringen wollen. Im Fall des Koran etwa Islamisten, die den Krieg gegen die Ungläubigen anpreisen.

Abdel-Samad: Was fehlt, ist der Verbraucherschutz. Die Sure 9 ist das finale Vermächtnis, das allerletzte Manifest, ein Dokument des Hasses und der Gewalt. Allen Ungläubigen - also Christen und Juden, aber auch Zweiflern unter den Muslimen -, wird der Krieg erklärt. Sie sind unreine Heuchler und müssen eliminiert werden. Anstatt also die Prinzipien des Islams zusammenzufassen und den Menschen ein Vermächtnis zu hinterlassen, nutzt Gott die letzte Sure, um vor seinen Feinden zu warnen. Die Sure macht aus dem Hass eine Tugend und aus dem Krieg einen Gottesdienst.

SPIEGEL ONLINE: Militante Islamisten nutzen den sogenannten Schwertvers als Rechtfertigung für Anschläge ("…Dann tötet die Heiden, wo ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf"). Andere Exegeten interpretieren Sure 9 im historischen Kontext. Demnach ist ein Krieg nur legitim, wenn er der Verteidigung islamischer Staaten dient. Sie beziehen sich auf Sure 8,61, wonach ein Muslim vom Kampf ablassen könne, wenn der Ungläubige friedlich gesinnt sei. Wer hat recht?

Abdel-Samad: Die meisten islamischen Staaten wären nicht islamisch geworden, gäbe es den Krieg nicht. Ägypten, Syrien, Irak, Persien, Andalusien und Nordafrika wurden durch den religiös legitimierten Krieg erobert. Auch Friedenspassagen im Koran haben einen bestimmten Kontext und sind keine allgemeinen Aufrufe zum Gewaltverzicht. In der Tat steht es in Sure 8:61 "Und wenn sie jedoch zum Frieden geneigt sind, so sei auch du ihm geneigt und vertraue auf Allah" aber das ist nur als strategischer, zeitlich begrenzter Waffenstillstand zu verstehen. An einer anderen Stelle in Sure 47:35 heißt es dennoch "So lasset (im Kampf) nicht nach und ruft nicht zum Frieden auf, wo ihr doch die Oberhand habt".

SPIEGEL ONLINE: Sie nennen Mohammed einen Machiavellisten, der Pragmatiker war, wenn es um Krieg und Frieden ging.

Abdel-Samad: Wenn der Prophet zum Gewaltverzicht aufrief, dann nur, weil er Geld und Zeit brauchte, um sich für den Krieg zu rüsten. Nicht etwa, weil er Pazifist war. Anfangs war Krieg für ihn ein Akt der Selbstverteidigung. Später wurde er zur Pflicht für jedermann, weil Gott es forderte: "Sie sollen kämpfen in Allahs Weg und töten und getötet werden" (Sure 9:111). Mohammed etablierte eine Kriegsökonomie. In Medina gab es keine Jobs für seine Anhänger, also wurden sie Kämpfer und schafften Kriegsbeute heran, verkauften Kriegsgefangene und erpressten Lösegelder.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben Mohammed als jemanden, der sich ständig von Feinden umzingelt sah, Verrat witterte und sehr schnell beleidigt war - etwa, wenn ihm die Gläubigen nicht bedingungslos folgten. Klingt pathologisch.

Abdel-Samad: Absolut, und dieser Narzissmus, die Paranoia und bestimmte Zwangsstörungen haben sich in Teilen der muslimischen Gesellschaft fortgepflanzt.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest? Sind solche Faktoren, so es sie gibt, nicht eher soziokulturell als religiös bedingt?

Abdel-Samad: Ja, auch Mohammeds Narzissmus und Paranoia sind soziokulturell und psychologisch zu erklären. Doch da er als Gesandter Gottes und absolutes Vorbild für Muslime gilt, ist auch alles, was er getan oder gesagt hat, eine verbindliche Orientierung für Muslime heute. Er verbot seinen Anhängern, sich mit Juden und Christen zu befreunden, und nannte die Ungläubigen "unrein". Diese Einstellung hat sich bis heute gehalten, nicht nur bei IS-Leuten, sondern auch bei Mainstream-Muslimen.

SPIEGEL ONLINE: Seit sie bei der AfD als Redner aufgetreten sind, gelten Sie einigen Kritikern als Persona non grata, als jemand, dem man kein Forum mehr geben darf. Was sagen Sie diesen Leuten?

Abdel-Samad: Ich bin ein freier Schriftsteller, der sich selbst ein Bild von einer Partei machen wollte, nicht durch Medienberichte, sondern durch direkte Kommunikation. Ich bin kein AfD-Wähler und habe viele Kritikpunkte an dieser Partei, deshalb habe ich deren Einladung angenommen und dort auch meine Kritik deutlich geäußert. Mit wem soll man sonst reden, wenn nicht mit Menschen, mit denen man nicht einverstanden ist? Wo käme die Demokratie hin, wenn wir nur mit Gleichgesinnten reden würden? Wissen Sie wohin das führt? Zu einem Präsidenten Trump, und dieses Szenario will ich nicht für Deutschland. Wir brauchen eine unverkrampfte Debattenkultur. Wir sollten analysieren statt zu moralisieren. Und wir sollten über alles - auch über Islam und Migration - offen und ehrlich in der Mitte der Gesellschaft reden können, dann verlagern sich die Debatten nicht an die Ränder!

SPIEGEL ONLINE: Braucht der Islam also eine Aufklärung?

Abdel-Samad: Die Menschen brauchen die Aufklärung, dann erledigt sich das Problem mit der Gewalt von selbst. Sie sollten aufhören, den Koran als juristischen und politischen Ratgeber zu betrachten, ihn für bare Münze zu nehmen, ihn zu lesen wie ein Kochbuch voller Rezepte. Selbst moderate Muslime denken immer noch, dass man den Propheten nicht kritisieren darf. Sie beharren auf dessen Unantastbarkeit und unterstützen damit die Fundamentalisten. Erst, wenn wir nicht mehr von Gottes Offenbarung sprechen und enthemmter an die Analyse der Schriften gehen, kann sich etwas verändern. Der Koran ist ein menschengemachter Text.

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