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Panorama

Indien

13-Jährige stirbt nach 68 Tagen Fasten

In Indien soll sich ein junges Mädchen zu Tode gefastet haben. Kinderschützer erheben schwere Vorwürfe: Die Eltern sollen ihr Kind aus religiösen Motiven gezwungen haben, sich nur von Wasser zu ernähren.

Sonntag, 09.10.2016   13:48 Uhr

68 Tage lang hielt Aradhana Samdhariya durch. 68 Tage lebte sie nur von Wasser. Am 2. Oktober feierte sie in ihrer Heimatstadt Hyderabad das Ende der Fastenperiode "Chaumasa" und nahm an einer Prozession teil. Einen Tag später war die 13-Jährige tot. Gestorben an einem Herzinfarkt.

Der Tod des Mädchens machte Schlagzeilen und rief landesweit Entsetzen hervor. Jetzt haben Kinderschützer gefordert, die Eltern des Mädchens vor Gericht zu bringen. "Das ist ein geplanter, brutaler Mord", sagte Achyuta Rao, Mitglied der staatlichen Kommission für Kinderrechte und Leiter der Kinderschutzorganisation Balala Hakkula Sangham. "Wir haben uns bei der Polizei beschwert und verlangt, die Eltern und den Priester festzunehmen."

Die Erziehungsberechtigten hätten die Minderjährige genötigt, an dem Fasten teilzunehmen und so deren Recht auf körperliche Unversehrtheit missachtet, argumentierten die Gegner. Tatsächlich hat jetzt die Polizei von Hyderabad die Ermittlungen in dem Fall aufgenommen. Der Vater und der Großvater des Mädchens seien in der Sache am Samstag vernommen worden, sagte ein Polizeisprecher. Demnach habe die Familie angegeben, die 13-Jährige habe auf eigenen Wunsch das Fasten bis zum Ende durchgehalten.

Aradhana Samdhariya war wie ihre Eltern Anhängerin des Jainismus, einer indischen Religion, die an den Kreislauf der Wiedergeburten glaubt und die Meinung vertritt, dass eine Reinigung der Seele durch strenge Askese erreicht werden kann. Mehr als vier Millionen Inder bekennen sich zum Jainismus. Sie leben streng gewaltlos und haben Respekt vor allen Lebewesen, weswegen die Mehrzahl Vegetarier ist. Das Hungerfasten "Samlekhama" in Verbindung mit körperlicher Passivität ist für Jainas ein Weg, sich zu reinigen und von der äußeren Welt zu befreien.

"Wir haben nichts verheimlicht", sagte der Großvater Manekchand Samdhariya dem Sender NDTV. "Jeder wusste, dass Aradhana fastete. Alle sind gekommen und haben Selfies mit ihr gemacht. Und jetzt zeigen sie mit dem Finger auf uns." Über die Aufsichtspflicht der Eltern sagte Samdhariya nichts.

Die Kinderschützer der NGO Balala Hakkula Sangham bleiben dabei: Die Eltern haben fahrlässig gehandelt. Sie forderten, die beiden anderen Töchter des Paares im Alter von fünf und sieben Jahren in staatliche Obhut zu übergeben.

In der Öffentlichkeit ist die Debatte darüber entbrannt, ob Indiens Tradition der religiösen Toleranz möglicherweise allzu oft auf Kosten der Schwächsten der Gesellschaft geht.

ala/Reuters

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