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Panorama

Muslime in Deutschland

"Konvertiten erfahren besonders viel Abneigung"

Sind Konvertiten empfänglicher für eine Radikalisierung? Für die Anthropologin Esra Özyürek steigert Ausgrenzung das Risiko. Auch das Verhältnis zu anderen Muslimen sei oft schwierig.

DPA

Frauen mit Kopftüchern

Ein Interview von
Mittwoch, 14.09.2016   15:30 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Konvertiten zum Islam gibt es in Deutschland?

Esra Özyürek: Das wissen wir nicht genau, denn sie werden nicht registriert. Die Schätzungen gehen sehr weit auseinander, von 20.000 bis 100.000. Viele machen den Religionswechsel mit sich selbst aus, sie betrachten das als Privatsache. Es ist sehr einfach, zum Islam zu konvertieren, man braucht dafür lediglich zwei Zeugen, vor denen man die Schahada, das Glaubensbekenntnis, ablegt. Es gibt Zeremonien in Moscheen, die sind aber nicht obligatorisch.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen die Menschen zum Islam?

Özyürek: Die Deutschen sind sehr offen, sie reisen viel, das Interesse an spiritueller Entwicklung ist groß. Auch zum Buddhismus oder Judentum konvertieren viele. Ein interessanter Aspekt: Zum Judentum kommen die meisten über die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und der religiösen Literatur. Beim Islam führen fast ausschließlich persönliche Kontakte zur Konversion. Die Konvertiten haben muslimische Freunde, Schulkameraden, Partner oder Nachbarn. Oft praktizieren diese sogenannten Mediatoren den Islam gar nicht aktiv, sie geben nur den Anstoß. Die Auseinandersetzung mit den Schriften und die Kontaktaufnahme mit den Gemeinden besorgen die Konvertiten später meist selbst.

SPIEGEL ONLINE: Schätzungen zufolge sind ein Fünftel der aus Deutschland stammenden Dschihadisten Konvertiten. Menschen ohne Migrationshintergrund, die in einem christlichen Umfeld großgeworden sind. Ist die Disposition zur Radikalisierung unter Konvertiten größer?

Özyürek: Ich glaube nicht. Die Zahl derer, die sich radikalen Gruppierungen anschließen, ist ja vergleichsweise klein. Das Profil in diesen Fällen ist bei Konvertiten dasselbe wie bei anderen radikalisierten Muslimen: Sie kommen meist aus nicht-religiösen oder säkularen Familien, werden plötzlich gläubig und radikalisieren sich dann innerhalb kurzer Zeit. Allerdings erfahren Konvertiten besonders viel Widerstand und Abneigung in der Gesellschaft. Oft ist das Unverständnis in den deutschen Herkunftsfamilien sehr groß, es kommt zu Zerwürfnissen. Auch in einigen muslimischen Gemeinden sind Konvertiten keineswegs gern gesehen. Die daraus resultierende Isolation macht sie für eine Radikalisierung empfänglicher.

SPIEGEL ONLINE: Salafisten in Deutschland empfangen die Neu-Muslime mit offenen Armen - sie sprechen deutsch, beten deutsch, verteilen Gratisexemplare des Korans, sind webaffin, gut vernetzt und würdigen die Glaubensentscheidung der Konvertiten.

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Radikaler Salafistenprediger Pierre Vogel (l.) in Offenbach mit Anhängerinnen

Özyürek: Ja, dort werden sie ernst genommen. Eine Konversion ist ja kein Hobby, sondern eine lebensverändernde Entscheidung. Viele Deutsche, die zum Islam übertreten, formulieren das ganz selbstironisch: "Wir sind Deutsche, wenn wir etwas machen, dann zu 110 Prozent." Sie wollen alles richtig machen, ihr altes Leben hinter sich lassen, einen Neustart wagen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Konvertiten deshalb auch konservativer in ihrer Religionsausübung?

Özyürek: Ja, das ist so. Viele leben ihren Glauben orthodoxer, sie nehmen den Koran und die Hadithen wörtlich, befolgen auch die Kleidungsvorschriften und Vorgaben für den Alltag streng. Bei den Frauen ist der Nikab häufiger zu sehen als etwa bei türkischen Musliminnen in Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Özyürek: Die Frauen tragen den Nikab unter anderem, damit sie äußerlich nicht als Konvertitin zu erkennen sind. Die Reaktionen auf Deutsche, die zum Islam übertreten, sind bisweilen ungeheuer negativ: Sie werden auf der Straße angespuckt und beleidigt. Mit dem Nikab passiert das auch, aber seltener. Konvertitinnen werden tatsächlich schlechter behandelt als "normale" Musliminnen, sie erleben einen immensen Statusverlust.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist das Verhältnis zu anderen Muslimen?

Özyürek: Problematisch und voller Spannungen. Fast alle sunnitischen Moscheen in Deutschland sind mit einzelnen Herkunftsländern und kulturellen Identitäten assoziiert. Türkische Muslime etwa mögen weder Konvertiten noch Nikab, zudem wird in ihren Moscheen fast durchgängig Türkisch gesprochen - und das beherrschen die meisten Konvertiten nicht. Auch in arabischen oder asiatischen Gemeinden ist der Tenor: Nett, dass ihr konvertiert seid, aber ihr seid immer noch Deutsche. Die Konvertiten ihrerseits kritisieren die Glaubenspraxis mancher Migranten-Gemeinden als zu lax. Sie versuchen vorbildliche Muslime zu sein, um deutlich zu zeigen, dass der Islam historisch und kulturell einen Platz in Deutschland hat.

SPIEGEL ONLINE: In der aktuellen Diskussion um Verhüllung sagt so manche Muslimin: "Ich fühle mich frei mit Nikab." Was ist daran frei?

Özyürek: Sie fühlen sich frei vom westlichen Ideal des perfekten Frauenkörpers. Befreit von dem Druck, immer fit und schön zu sein, dem Zwang, zu funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Andere Frauen betonten, der Nikab gebe ihnen Halt und Sicherheit. Suchen sie nach Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen Welt?

Özyürek: Das ist eine Frage der Persönlichkeit. Es gibt Konvertitinnen, die sagen: "Ich war mal Protestantin, aber das hat mir nicht gereicht." Sie begrüßen die Fülle der Rituale, die ständige Präsenz des Glaubens auch im Alltag. Ich denke, für viele muslimische Frauen ist der Nikab ein Ausdruck ihres Glaubens, eine ständige Erinnerung an ihre Hingabe und an die Verpflichtung, die sie eingegangen sind. Wie für andere Leute ein Ehering.

SPIEGEL ONLINE: Spielt die Abgrenzung vom Liberalismus westlich orientierter Eltern bei der Konversion eine Rolle?

Özyürek: Vor allem bei Teenagern. Es gibt heute kaum noch Dinge, mit denen Heranwachsende ihre Eltern schockieren können - da ist ein Bekenntnis zum Islam natürlich die ultimative Rebellion.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte ein "deutscher Islam" ihrer Meinung nach bestenfalls aussehen?

Özyürek: Den einen deutschen Islam wird es natürlich angesichts der großen Vielfalt nie geben. Aber der deutsche Lebensstil, die deutschen Werte, haben den Islam im Land schon längst geprägt. Die jungen Leute treffen ihre eigenen Entscheidungen, sie heiraten, wen sie wollen und lassen sich auch wieder scheiden. Ich finde es kontraproduktiv, wenn die Imame aus der Türkei kommen. Sie kommen aus einer anderen Welt, sie bringen kulturelle Werte mit, die hier keiner braucht, etwa die körperliche Züchtigung von Kindern. Die Imame sollten aus den eigenen Gemeinden kommen und in Deutschland ausgebildet werden.

Foto: DER SPIEGEL
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